BGH-Urteil zum Schadensersatz bei DFB-Strafen für Vereine: Heiße Luft oder Lösung?

Die einen jubeln, andere empfinden Genugtuung, wieder andere kritisieren und einige sind uneinsichtig. Das Problem: Sie alle haben ein bisschen Recht. Eine Lösung des Hooliganproblems stellt das Urteil des BGH (Bundesgerichtshof) nämlich nicht dar, es gibt den Bundesligavereinen nur Rechtssicherheit für Schadensersatzzahlungen. Wirklich gefordert sind der DFB, die Vereine und die Sicherheitsorgane.

Was war passiert? Bei einem Spiel des 1. FC Köln warf ein Hooligan unter Alkohol- und Cannabiseinfluss aus dem Oberrang einen illegalen Sprengkörper in den Unterrang, wo dieser explodierte und sieben Menschen verletzte. Umstehende Fans hielten den Täter auf, sodass er durch die Polizei festgenommen werden konnte und später unter anderem zu 4000,- Euro Geldstrafe verurteilt wurde. Der DFB wiederum belegte den 1. FC Köln mit einer Geldbuße über 50.000 Euro und einer weiteren Sicherheitsauflage in Höhe von 30.000,- Euro. Diese Strafe bezog sich aber auch auf weitere Delikte, die Köln-Fans an anderen Spieltagen begangen haben. Nachteil für den oben genannten Täter: er konnte festgenommen werden und seine Tat personenbezogen und einwandfrei festgestellt werden. Daraufhin klagte der 1. FC Köln am dortigen Landesgericht auf Schadensersatz durch den Täter und gewann. Der Täter ging am OLG (Oberlandesgericht) in Berufung, die Geißböcke unterlagen aber und gingen nun selbst am BGH in Berufung. Dieses stellte nunmehr höchstrichterlich fest, dass die Schadenersatzansprüche durch Vereine gerechtfertigt sind und wies das OLG Köln an, die Sache neu zu verhandeln. Dieses Urteil wird noch auf sich warten lassen, nicht einmal der Verhandlungstermin steht fest.

"Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass jeden Zuschauer die Verhaltenspflicht trifft, die Durchführung des Fußballspiels nicht zu stören", hieß es in der Urteilsbegründung, "verstößt er hiergegen durch das Zünden und den Wurf eines Knallkörpers, hat er für die daraus folgenden Schäden zu haften und sie zu ersetzen."

Könnte teuer werden...

Was bedeutet das alles jetzt für Fans, Vereine, DFB und Hooligans bzw. Täter? Zuallererst bedeutet es für die Fußballvereine eine grundsätzliche Rechtssicherheit: Sie können Fans, wegen deren Fehlverhaltens sie vom DFB zu Geldstrafen u.a. verurteilt wurden, privatrechtlich auf Schadenersatz verklagen. Bedeutet im Klartext, dass Verstöße gegen Haus- oder Stadionordnung der jeweiligen Vereine, so sie dann vom DFB geahndet wurden, für die Täter sehr teuer werden können. Entsprechende Schadenersatzklagen können aber nur dann eingereicht werden und Erfolg haben, wenn die Täterschaft durch Sicherheitsbehörden, Vereine, Zeugenaussagen bzw. Video- und Fotobeweise eindeutig bewiesen und personalisiert werden kann. Da sich Hooligans aber meist vermummen und diverse andere Tricks verwenden, um unerkannt zu entkommen, wird sich der Nachweis einer Tat als schwierig erweisen – Videoüberwachung und ähnliches bringen schon jetzt kaum einen Nutzen, weil Zeugen, Betroffene und das Täterumfeld schweigen. Die einen aus Angst vor Repressalien, die anderen aus falsch verstandener Loyalität.

Zu früh gejubelt?

Der Jubel über das Urteil bei DFB, Vereinen und in Fankreisen erscheint indes zu früh. Zu vieles liegt im Argen, gerade was das Thema „Gerechtigkeit“ angeht. Denn der DFB hat keinen „Bußgeldkatalog“, die verhängten Strafen erscheinen willkürlich. Reichen Vereinen werden grundsätzlich höhere Strafen aufgebrummt als finanziell weniger gut situierten Clubs. Wird dort ein Becherwurf mit 20.000 Euro geahndet, kann der Einsatz verbotener Pyrotechnik da „nur 3.500,- Euro „kosten“ und umgekehrt. Der Täter aus Köln war sturzbetrunken (über 1,9 Promille) und von Cannabis berauscht – im Strafverfahren zählt das als mildernder Umstand… beim DFB auch? Und die ganz entscheidende Frage: Kommen die Vereine überhaupt an ihr Geld? Kaum jemand hat mal eben 30.000 Euro in der Portokasse, um seiner Schadensersatzpflicht nachzukommen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Gerichtsvollzieher unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen. Die Sache könnte sich also zu einem Papiertiger entwickeln.
Es wird noch kritischer: Wie sieht es aus, wenn die Randale und der Vandalismus außerhalb des Stadions stattfinden? Da greifen Haus- und Stadionordnung der Vereine nicht mehr. Der DFB verteilt trotzdem Strafen. Dabei wäre es doch so einfach, sich das Trikot eines verhassten Vereins überzuziehen und quasi in dessen Namen Rabatz zu machen…  wenn denn die Täter überhaupt dingfest gemacht werden können und die Beweislage unerschütterlich ist. Das ist aber bereits jetzt ein Problem, das schon lange der Lösung bedarf. Denn auch Stadionverbote greifen nicht unbedingt: Die Hooligans suchen sich einfach andere „Einsatzgebiete“ und tragen Gewalt, Pyrotechnik und Vandalismus ungehindert in andere Stadtgebiete/ Städte oder machen die Gegend rund um ein Stadion unsicher. 

Fehlende Einsicht?

Die Interessengemeinschaft „Unsere Kurve“ hingegen will gegen das Urteil vorgehen und eventuell das Bundesverfassungsgericht angehen: "Wenn Leib und Leben zu Schaden kommen, müssen Täter ermittelt und bestraft werden", sagte Rainer Vollmer, ein Sprecher der Organisation. Aber gleichzeitig wird hinterfragt, ob dies für kontrolliert angezündete Pyrotechnik auch gelte. Hier zeigt sich fehlende Einsicht: In den Stadien fehlen zum Beispiel die Sicherheitsbereiche, um Pyrotechnik „kontrolliert“ zu zünden und unbeteiligte Fans werden für ein paar Minuten Feuerzauber sicherlich nicht auf ihre Plätze verzichten wollen. Auf das OLG Köln kommt also viel Arbeit zu und den DFB auch. Noch fehlen verbindliche Rechtsnormen, wie sie z.B. im Strafgesetzbuch vorhanden sind. Auch Schadensersatzhöhen sind noch nicht reglementiert, ebenso wie die Strafen des DFB. Sämtliche Fragen zur Schuldfähigkeit sind ebenfalls offen. Ob Strafen der FIFA bzw. UEFA entsprechend behandelt werden, ist seitens des BGH (noch) nicht erwähnt worden, die Veröffentlichung des kompletten Urteils bleibt also abzuwarten.

Den schwarzen Peter allerdings haben Vereine und die Sicherheitsorgane immer noch: Solange Zeugen und Betroffene schweigen und die Täter nicht personalisiert werden können, passiert NICHTS. Also eigentlich alles wie bisher.


Opens window for sending emailErnst Andersch, Fotos: Getty Images 23.09.2016


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