Von der Leichtigkeit des Seins

Kantersiege sind für den Gewinner und seine Fans im Fußball etwas wunderbares, insbesondere wenn sie in der Champions League und der 1. Bundesliga eingefahren werden. Passiert sowas drei Mal hintereinander, platzt man geradezu vor Selbstvertrauen und Stolz, man fühlt sich unbesiegbar! Hans Joachim Watzke, seines Zeichens Geschäftsführer von Borussia Dortmund, sagte unlängst, dass der BVB eine Sisyphos-Arbeit sei, bei der man permanent den riesigen Stein einen Berg hochrollen müsste, der danach immer wieder herunterrollt. Umso mehr hat man als Fan der Schwarzgelben im Moment den Eindruck, dass eine völlig unbekümmerte Rasselbande den Stein a la Dembélé locker gen Gipfel dribbelt oder wie Guerreiro in unnachahmlicher Eleganz nach oben kickt, wo 14 Teammitglieder warten bzw. wie Aubameyang einfach den steilen Berghang in einem Affenzahn hochwetzen, den Stein annehmen, um ihn auf der anderen Seite des Berges zu versenken. Und sollte doch einmal der Stein zurückrollen, steht da ein Bürki, der ihn locker fängt. Gipfelstürmer, im wahrsten Sinne des Wortes.

So einfach ist das aber alles nicht: Im Taumel der Hochgefühle vergisst so mancher leicht die unschönen Dinge der Vergangenheit, vergisst eigene Taten und Worte, sieht nicht die schwere Arbeit, die hinter den Erfolgen steht und denkt womöglich, es könne immer so weiter gehen. Wird es aber nicht. Gerade als Dortmunder Borusse mit Kenntnissen über die Geschichte des Vereins müsste klar sein, dass Rückschläge zu unserer Tradition gehören wie die Berge zu den Alpen.

"Gipfelstürmer"

Bleiben wir in der Bergwelt und bei dem riesigen Stein, den wir immer wieder hochrollen müssen. Wenn sich jemand mit Bergen auskennt, dann sind es die Bergführer. Deren Ausbildung ist schwierig, hochgradig anspruchsvoll, gefährlich und verlangt ein höchstes Maß an Disziplin, Flexibilität, Ausdauer und Verantwortungsbewusstsein. Von 2008 bis 2015 hatte der BVB so einen Bergführer in Gestalt von Jürgen Klopp. Als dieser beschloss, die hochalpinen Refugien gegen die britische Hügellandschaft zu tauschen, war die Besorgnis groß, wie man ohne ihn weiter Gipfel stürmen könnte. Nachfolger wurde ein schmächtiger doch drahtiger junger Mann mit Namen Tuchel, dem etliche schon bei Amtsantritt vorwarfen, er könne maximal die Seilbahn benutzen. Nicht genug damit, wechselten zwei Mitglieder des Kloppschen Bergsteigerteams ebenfalls in die Hügellandschaft und ein dritter schloss sich einer Seilschaft an, die von Haus aus auf den Bergen wohnt und sich einen Spaß daraus macht, den Stein der Borussia mit fairen und unfairen Mitteln immer wieder runter zu schubsen. Zuweilen machte sich Panik breit, weil man den BVB bereits im Mittelgebirge oder tiefen Schluchten wandern und mit Kieselsteinen spielen sah. Tuchel aber hat einen Plan, wie man nach oben kommt.

Gänzlich erschüttert wurde die Fanseele, als bewährte Sicherungskräfte verletzungsbedingt oder aus anderen Gründen weggegeben oder zum Zuschauen verdammt wurden, obwohl sie dem Team in der Vergangenheit durch selbstlosen Einsatz jeden Steilhang und den Gipfel bezwingen halfen, nicht anständig verabschiedet wurden und  junge hochtalentierte sowie erfahrene Bergsteiger anderer Teams ihren Platz einnahmen. Der Umbruch des Teams kam für etliche Fans einem Erdrutsch gleich, einer Steinlawine, wo nicht sichergestellt war, ob die Sicherungen, Seile und Karabiner in der Wand halten würden. Man sah „alle Stricke reißen“ und echauffierte sich sogar, dass der BVB mit seinem Team nach Asien gereist ist, um sich mal den Himalaya anzugucken und dort zu üben.
 

"Bergromantik"

Der BVB möchte in jeder Saison gleichzeitig drei Gipfel stürmen… zumindest versucht er, bei allen drei Gipfeln so weit wie möglich zu kommen. Bergführer Tuchel weiß das und hat Dank der Verantwortlichen bei Borussia Dortmund ausreichend viele Teammitglieder, die er vertrauensvoll einsetzen kann, sollte einem mal in der Höhenluft die Puste ausgehen. Er weiß aber auch, dass das Wetter im Gebirge ruckzuck umschlägt, Erdrutsche und Steinlawinen den Weg nach oben behindern können und Verletzungen eine immerwährende Gefahr darstellen, weil man zum Beispiel auf umweltgefährdenden Brausedosen auch mal ausrutscht oder stolpert.



Den Fans hingegen sollte klar sein, dass Aufenthalte im Hochgebirge nicht billig sind und sie irgendwie finanziert werden müssen. Der „Massentorismus“ hat zwar dem größten Teil der Bergwelt seine Ursprünglichkeit genommen, immer wieder findet man aber noch Bereiche, in denen die traditionelle Bergromantik lebt und erhalten werden muss – trotz Vermüllung durch leere Blechdosen oder straffällig gewordener Bergbewohner.

Ich jedenfalls weide mich derzeit in luftiger Höhe am Sonnenschein und genieße die Aussicht, freue mich über den unvermutet souveränen Aufstieg und gebe mich der Leichtigkeit des Seins hin, wie sie wohl nur die Bergwelt und Borussia ermöglichen können -  wohl wissend, dass Herbst und Winter nahen und der Weg in dieser Zeit wesentlich beschwerlicher wird oder man gar durch widrige Umstände zur Umkehr gezwungen werden kann. Doch diesen Moment der Unbeschwertheit kann mir keiner nehmen, er wird einen festen Platz in meiner Erinnerung behalten. 

Neven &Kuba

Ich denke darüber nach, dass Tuchel kein Team mehr hat, sondern eine Mannschaft, die den Namen verdient.  Ich verliere mich in vergangener Romantik, in der Neven Subotic und Kuba unseren Sisyphos-Stein oben gehalten haben und diese Erinnerungen meine Augen feucht werden lassen. Ich bekomme eine Gänsehaut, weil mir bewusst ist, dass Borussia Dortmund elementarer Bestandteil dieser Bergwelt geworden ist und die Verantwortung trägt, sie zu erhalten. Mir kommt deshalb der Gedanke, in der Vorbereitung auf die nächste Saison wenigstens einmal mit dem VfL Wolfsburg im Westfalenstadion zu üben, damit Kuba seinen angemessenen Abschied erhält. Gleiches gilt für Neven Subotic und seinen möglichen neuen Verein.

Beider Namen sind für die Ewigkeit in unseren Sisyphos-Stein eingemeißelt, stehen in den Gipfelbüchern, haben für den BVB Blut & Wasser geschwitzt und für ihn gelitten. Die Romantik der Berge erfordert zwingend Dankbarkeit, Demut und Respekt – das darf die Borussia aus Dortmund auf ihrem beschwerlichen Weg nach oben nicht vergessen.


Opens window for sending emailErnst Andersch, Fotos: Getty Images 22.09.2016


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