Von der "Weißen Wiese" in die weite Welt

Ker, wat war dat damals am schön sein - ´nen Pilsken vonner Borussia Brauerei reintun, bisken kicken mitte Pille auffer Weißen Wiese, die Leibchen noch schön blau-weiß mitte roten Schärpe (von wegen die Arbeiterschaft) umme Schulter und im Wildschütz bei Gelegenheit dem Pastor eine ballern und ihn vonne Treppe schubsen…

Hömma, dat waren noch Borussen… Hömmier auf mit die ganzen Macker von heute. Jetz fahren se schon nach die Asiaten, dat sin die mit die schmalen Glotzböppeln (Schlitzaugen darfse ja nich mehr sagen!). Watt wolln se denn da, die ganzen Macker? Unsere Eintrittsgelder verjubeln? Da solln se lieber ma dat Westfalenstadion ordentlich auf Kapazität 100.000 wuppen, damit wa auch ma wieda in unsa Wohnzimma können. Aba dat is ja auch teuer geworden… son Ticket hat bei uns noch 20 Pfennig gekostet und jetz auffe Süd wat von 17fuffzig in Euronen… hömma, geht´s noch? Der Watzke hat se doch nicht mehr alle… ker, war dat schön damals vor 107 Jahren in Doatmund un mitte Borussia… und der Kaiser hat auch noch gelebt…

Ja, das waren noch Zeiten! Keine Bundesliga, nicht einmal Landes- oder Bezirksliga, keine Titel, kein Stadion, manchmal keinen Ball, Schuhe dauernd kaputt, aber es hat Spaß gemacht. Trotz harter Maloche beim Stahlkochen und Kohleabbau auf der Zeche. Trotz permanentem Ruß in der Luft, Pseudokrupp bei Kindern, zwei Weltkriegen, Inflation und Arbeitslosigkeit, Ruhrkampf und Diktatur, usw. Bier, Stahl, Kohle und Borussia, das war noch die Dortmunder Identität. Und Aki Watzke hat das alles kaputt gemacht! Zumindest wenn man jenen Fans Glauben schenken mag, die dem gegenwärtigen Geschäftsführer der schwarzgelben KGaA vorwerfen: „Viele Worte, keine Taten – Identitätsverlust auf Raten“.

„Keine Taten“ können sich sehen lassen!

Was hat er nur wieder angestellt, der Unternehmer aus dem Sauerland? Nach Asien ist er geflogen mit dem ganzen Verein auf Marketing- und PR-Tour. Das will er auch noch nächstes Jahr wiederholen (dann nach Japan) und zusätzlich die USA mitnehmen. So ein Schlimmer! Wie kann er seit seinem Amtsantritt 2005 den BVB nur so zu Grunde richten?  Die Liste seiner Verfehlungen ist so lang, dass die KIRSCHE nur Auszüge davon veröffentlichen kann:

- Verhinderung der Totalpleite und des Zwangsabstiegs in die 5. oder 6. Liga
- Rückkauf des Westfalenstadions zu 100%
- Rückkauf des Vereinsgebäudes/ Sitz des Vereins zu 100%
- Rückkauf des Logos und aller damit verbundenen Rechte zu 100%
- Kauf und Ausbau eines modernen Trainingszentrums, einer Jugendakademie etc.
- Verpflichtung von Jürgen Klopp als Trainer (2008)
- Steigerung der Mitgliederzahlen von 20.000 (2005) auf über 135.000 (Mai 2016)
- Steigerung des Umsatzes von knapp 80 Mio. Euro (2005) auf 376,3 Mio. Euro (2016)
- Umwandlung von 184 Mio. Verbindlichkeiten (2005) in Schuldenfreiheit und u.a. ein „Festgeldkonto“ von 53,7 Mio. Euro (2015), von den anderen Vermögenswerten gar nicht zu sprechen…
- Mehrere CL-, EL-, DFB-Pokalfinalteilnahmen, mehrfacher Vize-Meister.
- Deutsche Meisterschaft 2011, Double 2012, CL-Finalist 2013.


Mal ganz ehrlich: Wenn das, was in dieser Liste steht, „keine Taten“ sind und „Aki“ Watzke „viele Worte“ diesen „keinen Taten“ vorrausschickt, möchte ich, dass „Aki“ Watzke ununterbrochen redet… 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche… nur in der Sommer- oder Winterpause darf er sich dann ausruhen. Mag mir gar nicht ausmalen, was er dann noch für „keine Taten“ in petto hat!

Unverschämt und bigott!

Für mich persönlich jedenfalls ist es eine hochgradige UNVERSCHÄMTHEIT, Hans-Joachim Watzke vorzuwerfen, er sei verantwortlich für einen „Identitätsverlust“ von Borussia Dortmund! Wer bestimmt denn, was die BVB-Identität ausmacht? Wer legt fest, was sie beinhaltet? Sind es womöglich diejenigen, die Watzke „Viele Worte, keine Taten“ vorwerfen? Ich beantworte diese Frage mit einem innigen „bitte nicht“! Denn der Vorwurf an Watzke ist an Bigotterie nicht zu überbieten. Auf der einen Seite nach Champions League und Deutscher Meisterschaft brüllen, auf der anderen Seite aber die „Internationalisierung“ des Vereins bekämpfen… irgendwie irrwitzig. International spielen, aber bitte aus der Spardose bezahlen. Das kann nicht funktionieren und hat auch noch nie funktioniert… selbst in der „guten alten Zeit“ nicht, als nicht die Merkels, sondern die Hohenzollern Deutschland regierten. Was also ist die Identität, die medienwirksam mit zwei Bannern für verlustig erklärt wird? Meine ist jedenfalls noch da und die meiner BVB-Freunde auch.

Was ist die BVB-Identität?

Geburtsort Dortmund? Wissenschaftstheoretisch eine hinreichende, aber keine notwendige Bedingung. Ich kenne glühende BVB-Anhänger aus allen Teilen Deutschlands, aus Brasilien, USA, Vietnam, Bangladesh, Norwegen, Dänemark usw. , die zum Teil Dortmund noch nie in ihrem Leben gesehen, geschweige denn ein Spiel im Stadion erlebt haben und auch nicht dort geboren wurden. Die in ihren Fanclubs keine Ahnung haben, was die „Weiße Wiese“ darstellt, aber jeden Spieler des BVB mit seinen statistischen Daten runter beten können. Die sich tausende Kilometer entfernt von Dortmund vor einem alten Fernseher versammeln und sich vor lauter Begeisterung nicht lassen können – zu Uhrzeiten, die aufgrund der Zeitverschiebung zum Teil so bescheiden liegen, dass man als Fan quasi mit Abpfiff des Spiels zur Arbeit muss. Die versuchen, die Fangesänge mitzusingen, obwohl sie kaum ein Wort Deutsch können. Es ist zum Teil witzig, was man da dann zu hören bekommt – aber die Begeisterung und Hingabe ist echt!

Oh, durfte ich das jetzt sagen? Die „Echte Liebe“ ist ja auch nur ein Marketingslogan des Herrn Watzke… Schande auch über mich! Aber es gehört zu MEINER BVB-Identität, echte Liebe für meinen Verein empfinden zu dürfen. So wie alle brasilianischen, norwegischen, vietnamesischen, amerikanischen oder japanischen „Dortmunder“, die auf allen möglichen Wegen und Umwegen versuchen, an BVB-Fanartikel oder Trikots zu kommen. Und jeder dieser Fans hat das Recht, seine Borussia so zu zelebrieren, wie sie den Ballverein verstehen…  in der Art und Weise, wie es dort, wo sie sind, kulturell und gesellschaftlich üblich ist. So wie ich in Bayern gerne zum BVB-Trikot die Lederhose trage (kein Beutestück), kann ich mir auch gut vorstellen, wie kleidsam ein schwarzgelber Kimono mit BVB-Logo für Frauen sein könnte.



Nun beginnt der BVB professionell, weltweit zu seinen Fans zu gehen und neue zu gewinnen, die Marke „BVB“ noch besser zu vermarkten, finanzkräftige seriöse Partner auch im Ausland an den BVB zu binden, um auch finanziell nie wieder in eine Situation zu geraten wie 2005. Das soll verwerflich sein? Ich sage nein. Zur Identität des Vereins gehört diese 1909 prozentige Hingabe und Begeisterung seiner Fans, ganz gleich auf welchem Kontinent sie sich befinden und völlig egal, aus welchen Gründen sie sich für den BVB entschieden haben. Begeisterung und Hingabe der BVB-Familie, auch wenn es „entfernte Verwandte“ sind. Niemand, auch nicht die besagten Verantwortlichen für das unverschämte Banner, können diesen Fans ihre Identifikation, ihre Identität als BVB-Fan absprechen. Auch diese Fans sind ein wichtiger Bestandteil der Identität des Vereins.

Borusse kannze nicht lern', Borusse bisse!

Die menschliche Vielfalt gehört seit Anbeginn 1909 zur Identität des Vereins. Historisch Versierten wird der „Ruhrpole“ ein Begriff sein. Mit ihm wurden ab Ende des 19. Jahrhunderts die Zuwanderer und deren Nachkommen bezeichnet, die aus Ostpreußen, Masuren, der Kaschubei oder Schlesien nach Dortmund kamen. Auch Menschen aus Österreich-Ungarn, dem russischen Polen und sogar aus Kroatien fanden in dieser Zeit den Weg in „unsere“ Stadt und ihre Sprachen spiegeln sich mit etlichen Begriffen heute noch im Dortmunder Dialekt wieder. „Maloche“ –Inbegriff Dortmunder Erwartungshaltung an Spieler des BVB und damit Fußballtradition – ist solch ein Ausdruck. Auch mein Familienname kann kaum als urdortmunderisch bezeichnet werden… die Familienunterlagen weisen auf eine ungarische Herkunft irgendwann im 17. Jahrhundert hin.

„Kein Bier für Rassisten“ – eine ebenso unter der Ägide Watzkes ins Leben gerufene Kampagne des BVB (noch so eine „keine Tat“) – ist Ausdruck der Identität des BVB: Borussia Dortmund und damit wir sind aus dieser Vielfalt 1909 hervor gegangen und haben sie gelebt, soweit wir konnten. Damit war der BVB seit seiner Gründung international und zeigt dies auch noch heute in der Zusammensetzung seiner Teams: Polen, Franzosen, Spanier, Armenier, Portugiesen, Brasilianer, Japaner, Türken und sogar aktuell ein Bayer finden und fanden sich in den BVB-Reihen. So, was haben wir bisher an Bestandteilen unserer Identität? Leidenschaft, Hingabe, Begeisterung, kulturelle und menschliche Vielfalt. Der Rest, der fehlt, sind Erlebnisse und Gefühle.



Mein erstes eigenes, tief verwurzeltes Erlebnis und die damit verbundenen Gefühle war der Abstieg 1972. Da war ich vier und habe Papa weinen sehen. Papa weinte sonst nie, doch da haben wir zusammen geweint. Tausende werden geweint haben an diesem Tag. Wildfremde litten gemeinsam, zu Hause vor dem Radio, in den Kneipen, im Stadion Rote Erde. Als Borusse muss man leidensfähig sein und wir haben wesentlich öfter gelitten als wir feiern konnten. Aber wenn es was zu feiern gab, dann kam die überbordende Freude einer Vulkanexplosion gleich. Borusse zu sein kann man nicht als herkömmliche Fansympathie bezeichnen – Borusse zu sein ist eine Lebensart. Keine Fangemeinschaft ist so hoch emotional wie die BVB-Familie; man könnte sie fast als manisch-depressiv bezeichnen: himmelhoch jauchzend und bitter betrübt – wäre da nicht diese kindliche Freude auch an den kleinen Glücksmomenten. Wenn ich fernab von Dortmund den leeren Mannschaftsbus des BVB auf der Autobahn überhole und der Fahrer zurückgrüßt. Wenn ich irgendwo auf der Welt ein Fitzelchen schwarzgelb sichte und denke: „Sogar hier!“ Wenn ich mit dem Auto nach 1100 Kilometern endlich in meinem Urlaubsort in der Toskana ankomme und von den Italienern mit einem fröhlichen „BVB“ und „Scheiß Bayern!“ begrüßt werde. Erlebnisse und Gefühle, die man kaum beschreiben kann. Wenn man spürt, dass man selbst der BVB ist.

„Aus der Scheisse geholt und vergoldet!“

Treue, Verlässlichkeit, Bodenständigkeit, Fleiß, Bescheidenheit… alles Tugenden, die sich selbst in der ersten Satzung des Ballspielvereins wiederfinden lassen. Heute im Jahre 2016 führt ein Mann die Geschicke des Vereins, der diese Charaktereigenschaften für und im Verein lebt: Hans-Joachim Watzke. Er ist umgeben von Menschen, die sich ebenso verhalten: Dr. Rauball, Norbert Dickel, Lars Ricken, Sigi Held, Roman Weidenfeller, Michael Zorc und, und, und. Sie alle versuchen, das Beste für den Verein zu leisten und für ihn heraus zu holen. Ihn finanziell so gut aufzustellen, dass er auch in Zukunft konkurrenzfähig bleibt – auch sportlich.   Ich weiß nicht, welche „Fangruppierung“ dieses unsägliche Banner entworfen und hochgehalten hat. Sicher jedoch ist, dass in fünf, zehn, zwanzig oder hundert Jahren niemand mehr von ihr sprechen wird. Aber auf der 150-Jahr-Feier des BVB im Jahr 2059 wird man die Namen mindestens zweier Männer nennen, die Borussia Dortmund „aus der Scheiße geholt und vergoldet“ haben: Dr. Rauball und eben Hans-Joachim Watzke. Es werden Menschen aus Deutschland, Fernost, Nord- und Südamerika, Afrika und Australien anreisen, ihre Festreden halten und über das sprechen, was den BVB ausmacht. Für sie selbst, aus ihren eigenen Erlebnissen, mit ihrer eigenen Leidenschaft und Hingabe. Über Euch, die Fangruppierung, wird keiner reden. Weil Ihr Eure Identität verloren habt. Und das ist bestimmt nicht die Schuld von Hans-Joachim Watzke.

Opens window for sending emailErnst Andersch, Fotos: David Inderlied, Borussia Dortmund Brazil, GettyImages - 30.8.2016






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