UNSER RÜCKBLICK 2016 (4.2)

Längst verdient der BVB sein Geld nicht mehr durch den Verkauf von Eintrittskarten, sondern durch Merchandising und vor allem TV-Geldern. In Zeiten, in denen zumindest darüber spekuliert wird, ob ein zugegebenermaßen treffsicherer Stürmer 160 Millionen Euro Wert ist, drängt sich auch die Frage auf, ob es auch zu viel Fußball geben kann. Oder endet alles in einer Lustlosigkeit, die auch die Borussia erfasst hat? Unser vorletzte Teil des Jahresrückblicks.



4. Fans (2)

Holger: Ich möchte noch einmal darauf zurückkommen: Bei vielen Fans verspüre ich aktuell eine Art Freud- und Lustlosigkeit. Die Motivation, dem BVB bedingungslos zu folgen, ist nicht mehr so groß wie noch vor einiger Zeit. Geht es Euch auch so? Liegt es an dem eher emotionslosen Fußball, den Thomas Tuchel spielen lässt? Oder sprechen wir nicht doch über eine gewachsene Erfolgsverwöhntheit?

Bruno “Günna” Knust: Wenn das wirklich so sein sollte, gibt es ja auch bald wieder freie Dauerkarten. Kann man lustlose Fans eigentlich auf ’ne Transferliste setzen? Oder auswechseln? Dann wird Borussia der erste Bundesligist mit Umbruch auch bei den Zuschauern. Aber Spaß beiseite, ich finde den Tuchel-Fußball gar nicht so emotionslos, immerhin hat er eine rekordverdächtige Anzahl selbst geschossener Tore gebracht. Ich hab bei jedem gejubelt und noch Lust auf das nächste verspürt, am fehlenden Spektakel kann es aus meiner Sicht nicht liegen. Highlights gab’s genug. Wir haben die Bayern zu Hause geschlagen, haben in Hoffenheim gezeigt, dass wir entgegen aller Unkenrufe auch harten Körperkontakt im Zweikampf nicht mehr grundsätzlich ablehnen, sind ganz souverän mit 21 Toren in der CL Gruppenerster geworden und haben bei Real Madrid einen 0:2-Rückstand aufgeholt, fast sogar noch das Spiel gedreht, wat willze mehr? Gut, da waren ein paar unnötige Niederlagen oder Ballpassagen, die meinen Bildspeicher extrem negativ überdehnten. Und unterirdische Auftritte wie der körperlose „Uschi-Fussball“ in Frankfurt oder Leverkusen und zuletzt jetzt der Grottenkick gegen Augsburg.




Wie gesagt: Mitunter gab’s auch Personalentscheidungen, die niemand nachvollziehen konnte. Mal werden wir mit Ramos in der Mitte überrascht und im nächsten Spiel verhungert er mitleiderregend als Außenbahnspieler. Oder ein Joo Ho Park spielt plötzlich von Beginn an und Millionen Zuschauer fragen sich: Warum? Das Geheimnis hat uns der Trainer ja nie verraten und den Grund der Verpflichtung des Spielers übrigens auch nicht. Nicht zu vergessen, dass ewige Personal-Puzzle in der Abwehr - übrigens ohne, dass sie an Stabilität gewann. Aber auch das gehört zum Fußball und zum BVB dazu. Worüber sollten wir uns sonst aufregen? Oder freuen? Da sind doch, die Emotionen. Der sehr spannende Umbruch bei Borussia Dortmund funktioniert, er holpert zwar manchmal, aber er fluppt.

Ich glaube, die Bayern wären froh, wenn sie ihren personellen Umbau um Robben & Co. wenigstens schon mal ansatzweise so geräuschlos hinbekommen hätten wie wir. Vielleicht hat der BVB ja ein Problem in seiner Außendarstellung und bekommt manche Themen nicht mehr so gut und zeitnah moderiert, wie es sein sollte. Ich denke da unter anderem auch an den dünnhäutigen Umgang mit den Medien oder so Dinge wie der fehlende Neven auf dem Mannschaftsfoto und den anschließend doch sehr unbeholfenen Erklärungsversuchen... Das ist nur ein kleines Beispiel von vielen, aber sowas registrieren die Fans sehr genau.

Mathe: JA! MIR GEHT ES ABER AUCH SO! Und ich erwische mich immer wieder dabei, wo ich das alles in Frage stelle. Es ist ne Mischung aus allem. Am wenigsten aber der Sport. Schließlich stehen auf der anderen Seite auch 11 Mann, die nicht am VHS-Kurs “Backen ohne Mehl” teilnehmen wollen. Das vergessen einige wohl Woche für Woche. Ja, ich denke es gibt eine gewachsene Erfolgsverwöhntheit! Und das spürt man extrem bei den Heimspielen. Ganz ehrlich, ich könnte im Strahl brechen wenn ich merke, wie die Stimmung umschlägt, wenn es mal nicht so läuft. Das kannte ich bislang, wenn auch in viel drastischer Form, nur aus München. Aber wer das bestreitet, nimmt abends auch die Plüsch-Emma mit ins Bettchen. Was mich aber noch mehr nervt, oder besser gesagt ermüdet, ist die Tatsache, dass alles gehypt und vor allem “an den Mann” gebracht werden muss. Du wirst quasi vom eigenen Verein zugemüllt. Der Fußball rückt zum Teil irgendwie in den Hintergrund. Bestes Beispiel ist der aktuell beworbene BVB Weihnachtsbaum. Ja da haut´s mir doch den Kitt aus der Fratze. Ökologisch angebaut, mit BVB Brandzeichen am Stamm (Wo auch sonst?) und Nikolausmütze auf der Spitze. Jau...der hat mir dann gerade noch gefehlt. Und das ganze gibt es je nach Größe für die lächerliche Summe von 35 bis 55 Euro. Frohe Weihnachten. Es ist das ganze Paket, was nicht mehr wirklich passt.

Alles dreht sich nur noch um die Kohle. Über die kranken Verhältnisse auf dem Spielermarkt wollen wir schon garnicht mehr reden. Das ist eh ein Hohn was da abgeht. Hör mich bloß auf, da reg ich mich noch mehr auf. Und das dieser ganze Wahnsinn dann auch noch vom Verein bei den eigenen Fans angewandt wird…..ich könnte schon wieder brechen. ABER, und das ist das traurige: Es gibt immer genug Leute, die diesen Scheiß mitmachen, und solange die “Fan-Kuh” nicht komplett gemolken ist, wird es auch kein Ende nehmen. Sprach er...zückte seinen Stadiondeckel...und kaufte sich ein veganes Gericht unter der Westtribüne. Guten Hunger!



 
Flo: Überhaupt nicht! Mir fällt es auch schwer eine solche Lustlosigkeit nachvollziehen zu können. Die sieben Jahre unter Klopp war eine Ära, an die wir uns wohl noch ganz lange erinnern werden. Das werden wir wohl so schnell nicht wieder bekommen. Bloß, was ist so uninteressant? Wir spielen Champions-League, sind ungeschlagen Gruppensieger geworden und Zweiter ist niemand geringeres als Real Madrid. In der Bundesliga läuft es etwas holprig, aber es ist noch früh in der Saison und es war doch allen schon vorher klar, dass dieser Umbruch nicht im ersten Jahr zum Erfolg führen wird. Niemand in der Liga schießt so viele Tore. Sportliche Gründe können es eigentlich nicht sein. Vielleicht fehlt es an Identifikationsfiguren in der Mannschaft. Ist es der Abgang von Mats Hummels? Liegt es am Auftreten des Trainers? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist der BVB für mich mehr als die sportlichen Akteure. Fakt ist aber auch, dass die Fans in sportlich schwierigen, wie auch in erfolgreichen Zeiten, sich am stärksten mit dem Verein identifizieren. Wenn's gegen den Abstieg geht, ist die Bude genauso ausverkauft, wie als Tabellenführer. Das war auch vor 15 Jahren schon so. Also momentan vielleicht zu sehr Mittelmaß? Zu meckern gabs bei uns Fans aber auch schon immer etwas....

Christoff: Es ist ganz klar der Sport an sich. Der Fußball zeigt leider immer mehr das vom Kommerz getriebene und nach Macht und Gier schreiende Gesicht, das man in den ersten fünf, sechs Jahren nach der WM 2006 noch gut kaschieren konnte. Inzwischen zeigt sicher aber immer deutlicher, wie der “Zirkus” in Wirklichkeit funktioniert. Über BVB-Weihnachtsbäume (der Erlös ging übrigens an die BVB-Stiftung) oder Plüsch-Emmas, regen wir uns doch nur auf, weil es so wirkt, als könnten wir das ändern. Was uns aber in Wirklichkeit die Freude nimmt sind die Dinge, denen wir machtlos gegenüberstehen. Die ganzen Football-Leaks-Enthüllungen, die Korruption bei der FIFA, bei der UEFA und...– oh welch ähm öhm gigantische ähm öhm “was ist denn damals gewesen” - Überraschung – beim DFB, sind doch die wahren Sargnägel.

Dazu kommt eine Flut an Revolutionen – angefangen bei der WM-Aufstockung bis hin zur Champions-League Reform, die so stark von der ECA forciert und beeinflusst wurde, dass die CL bald mehr einer Europaliga der größten Fußballverbände und einflussreichsten Vereinen, gleicht. Und Borussia schwimmt da irgendwo mit. Ist längst Teil des Wahnsinns, schafft es aber dann doch immer noch - in manch hellem Moment - der Verein zu sein, in den wir uns verliebt haben. Und wenn es nur kurz ist, beim Gang über die B1-Brücke, beim ersten Blick auf die gelben Pylone, in der rechten Hand ein Bier. Dann ist die (Fußball-) Welt eigentlich ganz ok. Bis Dir bewusst wird: Wir spielen gegen Leipzig, Ingolstadt, Wolfsburg oder Leverkusen.




Andreas: Ich denke auch, dass es eine Zusammenballung von vielem ist. Der BVB ist weit weg von seinem Spruch “Echte Liebe”. Aber auch diese furchtbare EM, wo ein in der Vorrunde Drittplatzierter am Ende Meister wird. Eine WM, wo vermutlich bald alle ohne Qualifikation teilnehmen können im dopingverseuchten Russland oder im Sandkasten von Katar. Und wenn wir dann vier Monate WM hatten, klagen unser Spieler, dass es so hart war und die Vereine klagen, weil sie wochenlang über die Dörfer tingeln mussten, damit überhaupt was in die Kasse kommt. Dazu die Skandale auf allen Ebenen: FIFA, UEFA und DFB. Dazu das immer gleiche Gejubel der Medien oder gern mal deren kollektiver Versuch, ein bisschen Streit zu erzeugen, damit irgendwie Leben reinkommt. Und wenn ich dann noch die Football Leak Geschichten gelesen habe, fällt es schon ein bisschen schwer, sich nur auf ein Spiel von Schwarzgelb zu konzentrieren.

Wilfried Wittke: Den angeblich emotionslosen Fußball hatten wir ja schon ausführlich thematisiert. Wir meckern hier auf allerhöchstem Niveau. Dass diese Saison nach dem personellen Umbruch nicht ohne Rückschläge verlaufen würde, hätte jedem Fan bewusst sein sein müssen. Man vergisst zu schnell, das Pulisic und Passlack noch in der A-Jugend spielen könnten, Dembele und Mor gerade dem Juniorenalter entwachsen sind oder Jungspunde wie Weigl und Ginter noch keine gestandenen Bundesliga-Profis sind. Fußball funktioniert nicht auf Knopfdruck. Wenn dann noch vermeintliche Leistungsträger wochen- oder monatelang ausfallen, Dreifachbelastungen und Länderspielpausen einer zielgerichteten Trainingsarbeit im Wege stehen, dann lassen sich Aufs und Abs doch erklären. Die Fans sollten ihre Erwartungshaltung mal überdenken.

Holger: Ob es allerdings einen Matze Ginter wirklich weiterbringen wird, wenn er von zehn Zuspielen aus der Innenverteidigung sofort wieder postwendend neun zum Ausgangspunkt zurück passt? Das wage ich ja mal zu bezweifeln...

Holger: Themawechsel: Ab der kommenden Saison wird es in der Bundesliga Montagsspiele geben. Erst einmal nur wenige, aber das könnte wieder ein Steigbügel für mehr sein. Es gibt bereits Diskussionen, diese Spiele in den Fanszenen komplett zu boykottieren. Würdet ihr das unterstützen? Der Spielplan zerstückelt sich so immer mehr und die geliebte “Samstagskonferenz” ist bald nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Wilfried Wittke: Ohne Moos nichts los... Die TV-Anstalten, speziell „sky“, lassen sich den Fußball verdammt viel Geld kosten und erkaufen sich damit auch ein Mitspracherecht bei der Termingestaltung. Wie schon erwähnt: Der Bogen um den Borsigplatz wird immer größer. An erster Stelle steht der Kommerz, dahinter folgt lange gar nichts, und dann taucht in der Rangliste der Fan als schmückendes Beiwerk zum Fußball auf. Ich befürchte, dass irgendwann das Rad überdreht wird und der zahlende Kunde nicht mehr bereit ist, im Unterhaltungszirkus Profi-Fußball mitzuspielen.

Bruno “Günna” Knust: Ich hab nix gegen Montagsspiele. Friseure wollen auch zum Fußball. Nee, ma im Ernst. Ich finde mich in dieser “Spielplanzerstückelung” nicht mehr wieder. Was ich früher auf der Bühne als Jux-Vision in den Raum stellte, mit jeden Tag Fußball im TV, wird nun tatsächlich faktische Wirklichkeit. Freitag, Samstag, Sonntag und Montag erste Liga, Dienstag, Mittwoch CL und Donnerstag Cup der Verlierer. Es wird echt too much! Selbst für einen wie mich, der Fußball am liebsten im Kino gucken würde, damit die Familie nicht ständig dazwischen redet. Ein Boykott wird nicht viel bringen, die Entscheidungsträger sind doch inzwischen alle vollkommen der Welt entrückt und „verblattert“. Wie sagt man heute so schön im Weltfußball: Nieder mit der Korruption! Oder ich will meinen Anteil…

Mathe: Sorry, aber auch das werden wir nicht aufhalten können. Der TV-Markt bestimmt, wo die Reise hingeht. Und da wir fleißig der Premiere League nacheifern und mal wieder mit den großen Hunden pissen wollen, wird das schön sachte, nach und nach, in den Ligaalltag eingeführt. Bin mal gespannt, wer da so Montags auf der Glotze erscheint. Ich mein ja nur….wenn wir den europäischen Wettbewerb und den DFB-Pokal mit einplanen… da freue ich mich schon auf die Partie Darmstadt gegen Augsburg unter Flutlicht vor leeren Rängen...oh mann.. ich bekomme jetzt schon ne Gänsehaut.



Julian: Deutliche Fanproteste wie bei 12:12 haben schon gezeigt, dass die Fanszenen, wenn man mit einer Stimme spricht, etwas erreichen können. Boykotte allerdings funktionieren in Deutschland nur sehr selten. In anderen Ländern wie Italien oder England folgen solche Aufrufen oft deutlich mehr Menschen, da sind dann wirklich halb- oder ganz leere Stadien zu sehen, die kein Fernsehsender gerne zeigt. In Deutschland sind viele Fans dann halt froh, die sich aus einem Boykott bildenden Lücken besetzen und auch mal ins Stadion zu können, egal was es kostet und wann das spiel stattfindet.

Flo: Den Spieltag zu zerstückeln hat nur das Ziel, den Erlös aus den TV-Geldern zu maximieren. Das wird wohl leider nötig sein, um gegen die Vereine von der Insel wettbewerbsfähig zu bleiben, die momentan mit ihren Millionen rumschmeißen. Der größte Unterschied zu England ist aber wohl die Fankultur in der Bundesliga. Hier wird überhaupt nicht an die Fans im Stadion gedacht. An die, die dafür sorgen, dass die Bundesliga über die Landesgrenzen für ihre Faszination bekannt ist. An die Fans, die ihre Mannschaft auch auswärts unterstützen, oder nicht im direkten Umfeld ihres Vereins wohnen, wurde auf jeden Fall nicht gedacht. Durch internationale Spiele, DFB-Pokal und englische Wochen in der Bundesliga gehen für den treuen BVB-Fan schon genügend Urlaubstage drauf. In der 2. Bundesliga gehört der Protest gegen diese Montagsspiele zu jedem Spieltag. Ich halte einen Boykott für ein probates Mittel, als Fan seinen Unmut über diesen Ansetzungen zu äußern. Mein Gefühl und die Erfahrungen z.B. aus der 12:12-Aktion lassen mich allerdings glauben, dass die DFL auf diesem Ohr taub ist.



Christoff: Ein ähnlicher Protest, wie bei 12:12, also vielleicht einfach ein 15:30 Minuten langes Schweigen wäre viel sinnvoller und erfolgversprechender, als ein kompletter Boykott. Schafft man es bundesweit, das Attraktivitätslevel dieser Spiele auf ein Minimum zu beschränken, hat man vielleicht Erfolg.

Andreas: Montagabend, dann Sonntagmittag um 12 - das wird alles kommen. Nur so lassen sich die TV-Einnahmen noch nach oben schrauben. Und wenn die Chinesen wollen, dass du zu deren besten Sendezeit spielst, dann machen wir das eben. Also vielleicht schon Samstagmorgen um 10. Das lässt sich wohl kaum aufhalten. Wir glauben immer noch, es dreht sich alles um das Runde - doch in Wirklichkeit geht es um Scheine. Und wer zahlt, bestimmt. Wenn es den Vereinen gelingt, die TV-Einnahmen weiter zu steigern, wird der Anteil der Einnahmen durch die Eintrittsgelder sinken - na und? Wenn am Ende mehr im Sack ist, spielen die auch vor leeren Rängen.


Im letzten Teil sprechen wir über Borussia's Perspektiven plus Ausblick auf's neue Jahr...


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