UNSER RÜCKBLICK 2016 (4.1)

Es ist doch im modernen Fußball ein verflixter Teufelskreis: Ohne Erfolg kein Geld, ohne Geld kein Erfolg, ohne Erfolg.... Immerhin hat es der BVB in seiner Meistersaison vorgemacht, wie es auch mit einer jungen Mannschaft ohne große finanzielle Sprünge mit dem Titel klappen kann. Doch seitdem scheint sich der Ballspielverein dem großen Kommerz mehr zugeneigt zu haben, als es manchem Fan lieb ist. Im nächsten Teil unseres Jahresrückblicks fragen wir ganz provokant, ob der BVB zu kommerziell geworden ist und ob "Echte Liebe" heute vielleicht sogar das Gegenteil als ursprünglich gedacht bedeutet.

4. Fans

Holger: Hans-Joachim Watzke musste sich zuletzt aufkeimender Kritik aus weiten Teilen der Fanszene erwehren. Als zu “kommerziell” empfundenen wird die Ausrichtung des Dortmunder Traditionsclubs. Ist der Slogan "Zwischen Borsigplatz und Shanghai" am Ende tatsächlich nur effektheischende Marketing-Aktivität?

Bruno “Günna” Knust: Will man im Konzert der Großen auf Dauer nicht nur der Musik hinterher laufen, dann muss halt auch der Blick über den internationalen Tellerrand gemacht werden. Das Gegenmodell VfL Bochum ist in Dortmund glaube ich nicht mehr zu vermitteln. Erfreulich ist aus meiner Sicht, dass wir aus der zum Teil heftigen Diskussion um das Trainingslager in Dubai offenbar die richtigen Schlüsse gezogen haben und nicht mehr zwangsläufig alles mitmachen - und auch nicht mitmachen dürfen! Doch es bleibt für den BVB immer ein Tanz auf der Rasierklinge, besonders wenn man so eine gewachsene Geschichte wie Borussia hat. Für einen großen Teil der Anhängerschaft wirkt der heutige BVB zunehmend wie eine hoch professionalisierte Marketingmaschine, mit der man sich schwerer identifizieren kann, als mit der 2011-2013er Situation in Dortmund. Der Slogan "Echte Liebe" wirkt dann nicht mehr so glaubhaft - eher abgelutscht und unecht. Auch Big Money Transfers wie Schürrle, Götze oder Rode sind dann in solchen Stimmungslagen mehr als gewöhnungsbedürftig. Sowas kannte man vorher doch nur von Mannschaften wie Wolfsburg. BVB-Fans krallten sich immer schon lieber an den jungen Talenten fest und gerade die sind es im Moment ja auch, die den neuen Spaß an der aktuellen Mannschaft aufkommen lassen. Von daher war der von Aki Watzke im letzten Sommer angestoßene Neuaufbau mit jungen Spielern auch für die Identifikation sehr wichtig.

Julian: Abgesehen davon, sind die Bekenntnisse von Aki Watzke tatsächlich nur noch schwerlich nachzuvollziehen. Borussia definiert sich immer mehr über Zahlen: Mitgliederzahlen, Umsatzzahlen, Marketingerlöse. Natürlich braucht es das alles für erfolgreichen Fußball, aber statt Spielen in China wäre es halt auch mal schön, wenn der BVB zur Saisoneröffnung gegen eine Stadtauswahl aus Dortmunder Amateurfußballern spielen würde.




Christoff: Wieso denn nicht ‘und’ statt ‘oder’? Watzke sprach ja selber davon, man müssen den Spagat zwischen Borsigplatz und Shanghai schaffen. Ich habe durchaus das Gefühl, dass die Herren um ein Gleichgewicht bemüht sind. Frage: Sind wir Fans das auch?

Mathe: Der Slogan ist ein absoluter Witz! Man, man, man… Schon erstaunlich wie sehr man sich zu einer “Prostituierten” aus Marketingzwecken machen kann. Da würden sich einige Messdiener von 1909 im Grabe umdrehen, wenn die so einen Firlefanz mitbekommen würden. Aber wie vorhin schon erwähnt, wenn du auf der großen Bühne mittanzen willst, musste anscheinend so ein Kasperletheater mitmachen. Vor lauter Geldgeilheit vergessen die Herren Cramer und Co. komplett, wo der Verein herkommt. Obwohl….nee...quatsch…. schließlich finden ja noch Gottesdienste in der Dreifaltigkeitskirche am Borsigplatz statt. Stimmt ja, wie konnte ich das vergessen?

Christoff: Ach komm, Mathe. Komplett vergessen, wo der Verein herkommt? Weil man eine Woche im Jahr nach China oder bald nach Amerika fliegt, statt in Brackel zu trainieren? Ich bin da eher bei Julians Kritik - die totale Definition über Zahlen, statt über die gelebte Liebe für Borussia innerhalb der Stadt und der Region.

Flo: Der BVB ist mehr und mehr zur Marke mutiert und immer weniger der BallspielVEREIN, indem ich mich als kleiner Junge verliebt habe. Aber das ist wohl der Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir uns mit den großen europäischen Clubs in der Champions-League messen wollen. Nüchtern betrachtet muss der Verein Geld einnehmen und gute Spieler zu kaufen, zu bezahlen und auch halten zu können.

Andreas: Flo, du hast komplett recht. Blöd ist halt nur, dass diese guten Spieler trotzdem sofort weiterziehen, wenn sie oder vor allem ihre Berater irgendwo noch ein bisschen mehr verdienen können.  Hier die eigentlich verlogene Seite - die kommen nicht, weil es um “Echte Liebe” geht, die kommen, weil der Berater sagt, hier gibt’s zurzeit die meiste Kohle und die besten Aussicht auf noch mehr davon.




Holger: Mich widert das ganze Heischen um jeden Cent nur noch an. Ob es die Bezahlkarte im Westfalenstadion für Bier & Bratwurst ist, oder das systematische Aussperren der Fans beim Trainingsbetrieb. Es ist eine allgemeine Entfremdung zu verspüren und das Ende ist längst noch nicht in Sicht.

Wilfried Wittke: Ja, der Spagat zwischen Shanghai und Borsigplatz ist äußerst schwierig, aber eben zwingend erforderlich, um sich im internationalen Geschäft zu etablieren. Fußball-Romantiker können diese Philosophie nicht nachvollziehen. Die Frage ist doch: Was will, was soll mein BVB erreichen? Soll er in der Liga ständig oben mitspielen, einen Stammplatz in der Champions League abonnieren, in einem Atemzug mit Weltvereinen wie Real Madrid, FC Barcelona, Manchester United, FC Bayern München oder Juventus Turin genannt werden? Dann muss er mit den Wölfen heulen und in Asien oder den USA präsent sein. Ein „bisschen schwanger“ geht nicht. Das Rad ist meiner Meinung nach nicht mehr zurückzudrehen. Allerdings sehe ich die Gefahr, dass der Bogen, den der BVB um den Borsigplatz macht, immer größer wird - hier sind z.B. seit mehreren Jahren in der Regel nicht öffentliches Training, nur noch selten Besuche der Spieler bei Fanklubs, meist auf Kommerz bedachte Saisoneröffnungen zu nennen - und es wenig Bestrebungen gibt, sich vor Ort stärker zu engagieren. Was zuletzt passierte, gehört der Kategorie Alibi-Handlungen zugeordnet.

Holger: Dortmund hat eine starke Ultraszene, zu der sich auch eine körperlich präsente, rechtsorientierte Bewegung mit 0231 Riot etabliert hat. Nun sind ja die meisten von uns längst den Stehplätzen entwachsen und betrachten das nur aus der Ferne, aber wie seht Ihr das?  

Wilfried Wittke: Der Fußball benötigt Utras, ihre Emotionen, ihr Engagement, ihre Kreativität. Aber auch für sie gibt es Verhaltensregeln, die leider häufig überschritten werden. Die Szene ist kompliziert geworden, und die Hoffnung auf Selbstreinigungsprozesse schwindet immer mehr. Man kann dem BVB ja einiges vorwerfen, aber im Kampf gegen Rechtsextremismus sehe ich ihn schon in einer Vorbildfunktion. Kriminellen und radikalen Elementen gehört die Rote Karte gezeigt. Ohne Wenn und Aber!

Bruno “Günna” Knust: Die sind einfach nur peinlich, lästig und immer wieder nervig. Die aktuelle Borussia in ihrer internationalen Ausrichtung und Vielvölkerschaft in den Mannschaften ist für die rechtsorientierten Bewegungen schon vom Ansatz her nicht die richtige Homebase. Von den Trittbrettfahrern wird unsere Borussia derbe missbraucht. BVB ist ja nicht die Abkürzung für: Biotop von Bekloppten!

Mathe: Oh mann… Ich würd jetzt ma sagen: Geh mich fott mit die Dingers! Braucht kein Mensch bzw. Verein. Aber erstaunlich, dass sowas noch “Fuß fassen” kann, wo doch das Thema Rechtsradikalismus auf der Süd so offen überall thematisiert wurde und auch noch wird. Es ist wie so oft: Es sind ein paar Objekte mit luftleerem Raum zwischen den Ohren, die es schaffen, auf sich aufmerksam zu machen. Die gab es früher schon auf der Süd, bevor es den ersten Ultra gab. So etwas wird immer Thema sein. Gut finden werden es die wenigsten. Verhindern kann es niemand. Leider.




Julian: Leider ist diese Gruppierung schwer zu fassen, da sie sich keinen offiziellen Namen gibt und sich nicht als ganze Gruppe präsentiert. Das macht es schwieriger, sie als kriminelle Vereinigung zu verbieten. Aber hier ist eindeutig Verein und Staatsmacht gefordert, diese Leute von Verein und Stadion(umfeld) fernzuhalten.

Flo: Aus meiner Sicht eine sehr traurige und wirklich bedenkliche Entwicklung. Für mich hat weder Politik noch Gewalt etwas im Stadion verloren. Dass diese Gewalt auf der Südtribüne ausgeübt wird und sich gegen BVB-Fans richtet, ist unerträglich. Biste BVB-Fan, biste einer von uns! Egal, wo du weg kommst und wie du aussiehst!

Christoff: Die größte Gefahr, die von diesen geistigen Tieffliegern ausgeht (neben der körperlichen) ist auf lange Sicht die veränderte Sichtweise “der Ultras”. Denn sowohl bei uns oben im Block 13, als auch auf der West, der Ost, am Fernseher und erst recht in den Medien: Immer weniger Leute machen sich noch die Mühe und unterscheiden zwischen den einzelnen Ultragruppierungen. Und so lange sich diese Szene nicht ganz klar von Gewalt distanziert (gilt besonders für Teile der Desperados), läuft die gesamte Ultraszene in Dortmund Gefahr an Akzeptanz zu verlieren. Und das wäre ein Fiasko für die langjährige Hingabe zahlreicher, gescheiter Ultras, aber auch für die Südtribüne.


In der Fortsetzung zum Thema "Fans" sprechen wir über Kommerz und dem Streben nach Macht und Gier...


Opens window for sending emailRedaktion, Januar 2017

















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