UNSER RÜCKBLICK 2016 (3)

Tradition ist, vor allem im Fußball, ein zunehmend komplexes Thema. Grundsätzlich gesehen ist Tradition in unseren Augen ein Fundus bzw. eine Ansammlung von Grundwerten, die sich Verein und Fans in der Vergangenheit zu eigen gemacht haben. Diese Werte bewegen viele Menschen dazu, seit Jahrzehnten in die Stadien zu gehen, weil sie die Rituale und Kulten ihrer Traditionsvereine lieben und sie Woche für Woche unterstützen. Doch diese Werte werden mehr und mehr von außen bedroht durch das systematische Aufweichen der 50+1 Regel...

3. Umfeld, wirtschaftliche Situation

Holger: Finanziell gibt es beim BVB ja wenig zu meckern. Über 145.000 Mitglieder zeigen die Popularität der Schwarzgelben, die längst auch im Ausland großen Zuspruch finden. Aber verscherzt man es sich nicht mit so vielen Fans, wenn man immer weniger Eintrittsmöglichkeiten im Westfalenstadion für Auswärtige anbieten kann?

Wilfried Wittke: Die Bilanzen sprechen für sich. Im wirtschaftlichen Bereich arbeitet die Geschäftsführung vorzüglich. Borussia, ob Verein oder KgaA, geht es so gut wie nie. Der Club hat sich zu einem auch international anerkannten Groß-Unternehmen entwickelt. Natürlich ist es bedauerlich, dass sich einem Nicht-Mitglied kaum die Chance eröffnet, Spiele im Stadion zu besuchen. Ich weiß nicht, wie man es anders handeln könnte. Die gleiche Problematik beklagt man ja in München oder Schalke...

Bruno “Günna” Knust: Höre ich da etwa den Wunsch nach erneuter Aufstockung des Stadions raus? Der BVB kann nicht immer alle seine Anhänger glücklich machen, Borussia ist schließlich keine Pizza. Das viel größere Problem für auswärtige Besucher sehe ich allerdings in den immer beknackter werdenden Anstoßzeiten. Ich sag nur: Pokalspiel gegen Union Berlin mit Verlängerung und Elfmeterkrimi als Midnight-Special. Und danach fahren die Bahnen ab 0 Uhr 15 nicht mehr. Halleluja!

Julian: Mit Ausnahme der Spitzenspiele ist es aber mittlerweile längst nicht mehr so, dass das Stadion bei jedem Spiel nach wenigen Minuten ausverkauft ist. Bei fast allen Spielen erhält man bis kurz vorher noch Karten auf dem offiziellen Wege und ein Blick ins weite Rund verrät oft große Lücken im formal “ausverkauften” Stadion.



Andreas: Wie soll man denn seine Verbundenheit zum Verein besser Ausdruck verleihen, als Mitglied zu werden? Mir nimmt doch zunächst mal niemand was weg. Zudem können wir doch nicht vorhin über eine Art “BVB-Müdigkeit” lamentieren und jetzt über viele Mitglieder jammern. Und das mit den Karten ist doch sowieso schwierig, wenn du 55.000 Dauerkarten an den Mann und die Frau bringst. Bei achttausend für die Gäste bleiben für den freien Verkauf gerade man noch 18.000 - das ist aber seit fast zehn Jahren so.

Mathe: Ganz ehrlich, das sind schon fast Zustände wie im Schlauchboot in Fröttmaning. Klar, man will den Markt abgrasen. Und wer mit den großen Hunden pinkeln will, muss das Bein auch mächtig heben können. Jetzt ist man der viertgrößte Verein der Welt. Wow. Der wichtigste Punkt dabei ist doch die sichere Einnahme der Mitgliedsbeiträge. Die Millionen sind schon fest eingeplant. Der Tempel ist doch eh immer voll. Und dem Verein, das behaupte ich jetzt einfach mal, ist es völlig wurscht wer die paar freien Plätze besetzt.

Flo: Mit dem Erfolg kam der rasante Anstieg der Mitgliederzahlen. Dieser Umstand hat für mich einen negativen Beigeschmack. Ich möchte aber auch niemanden verurteilen, dessen Interesse am BVB in den letzten Jahren gestiegen ist. Dass die Zahl der sogenannten Erfolgsfans in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist, bringt wohl der Erfolg mit sich. Ich wüsste nicht, wie man dem Verein hieraus einen Vorwurf ableiten kann. Auch die Kapazität in Deutschlands größtem und schönstem Stadion ist nun mal begrenzt.

Christoff: Wieso denn so ein negativer Beigeschmack? Weil wir alle schon in unsere 15., 20. oder 30. Saison gehen? Unter uns: Wisst Ihr, was für mich einen negativen Beigeschmack hat? Wenn Dauerkartenplätze gegen Augsburg oder Warschau einfach mal so leer bleiben. Jeder, der eine Dauerkarte hat, sollte sich mal vergegenwärtigen, welchen Goldschatz er da in den Händen hält. Jeder, der in Dortmund nur zehn Minuten in die S-Bahn steigen muss, um ins Westfalenstadion gehen zu können, sollte darauf öfters mal das Pilsglas erheben.



Das ist nämlich wahrer Luxus, den man sich erst so richtig vergegenwärtigt, wenn man plötzlich, so wie ich, kumuliert 1200 km An- und Abreise pro Spiel hat oder sich auf dem Weg nach Dortmund mit Leuten unterhält, die nach zehn Jahren Mitgliedschaft ihr erstes Derby erleben. Es ist ja völlig nachvollziehbar, wenn man mal zwei, drei Spiele pro Jahr aussetzen muss. Dass der Verein hierfür bis heute kein System gefunden hat, um diese Spiele in ein Tagesticket umzuwandeln und über den Verein an andere Fans und Mitglieder zu verkaufen, ist schade. Aber das ändert sich ja hoffentlich bald.

Holger: Der BVB erhält für diese Spielzeit exakt 40,059 Mio. Euro aus den Fernseheinnahmen. Das ist nur 1,063 Mio. Euro weniger, als der Branchenprimus. Zum Vergleich: Leipzig erhält als Neuling 20,561 Mio. Ihre milliardenschweren TV-Gelder vergibt die Deutsche Fußball Liga in Zukunft aber nach einem neuen Schlüssel auf der Basis von vier Säulen, die in die Kategorien "Bestand" (70 Prozent), "Sportliche Nachhaltigkeit" (5 Prozent), "Nachwuchsförderung" (2 Prozent) und "Wettbewerb" (23 Prozent) unterteilt sind. Lange Bundesliga-Zugehörigkeit profitiert also. Wie findet Ihr diesen Ansatz?

Andreas: Ehrlich? Das ist mir scheißegal. Der Konzern Borussia Dortmund macht gerade noch 12 Prozent seines Umsatzes mit dem sogenannten Spielbetrieb. Die TV-Gelder liegen schon bei 22 Prozent, das Merchandising bei 11 Prozent und Werbung bei 22,5 Prozent. Wenn das so weitergeht, werden für den Spielbetrieb bald unter zehn Prozent notiert. Das bedeutet: Wir als Zuschauer werden immer unwichtiger. Das regt mich auf - Fernsehgelder scheinen ja in heutigen Zeiten nahezu endlos zu sein. Der Gesamtumsatz von 376 Millionen sagt schon alles!

Julian: Ich bin da etwas zwiegespalten, einerseits begrüße ich die Unterstützung von Traditionsvereinen, von denen zu viele wie Hannover, Stuttgart, Kaiserslautern und Nürnberg in der zweiten Liga rumdümpeln, während Vereine wie Hoffenheim oder Ingolstadt, die kaum Fans mitbringen, die Plätze in der ersten Liga belegen. Andererseits wird mit dem Faktor "Tradition" auch allein deswegen die Stümperei in manchen Vereinen - der HSV dient da als bestes Beispiel - noch unterstützt.



Bruno “Günna” Knust: Bei diesen Summen kann ich gar nicht klar denken, der Ansatz dass Bundesliga-Zugehörigkeit profitiert führt dann unterm Strich dazu, dass Vereine wie eben der HSV zum Geldverbrennen geradezu wieder eingeladen werden...

Peter: Was habt Ihr nur alle immer mit dem HSV... (lacht)

Flo: Ich finden den Ansatz gut. Auch wenn der Hamburger SV in den letzten Jahren bestenfalls unteres sportliches Mittelmaß ist, bewegt der “Dino” höchstwahrscheinlich mehr Menschen, als Hoffenheim, Leipzig, Ingolstadt und Wolfsburg zusammen genommen. Die Fans sind es ja schließlich, bei denen die Einnahmen verdient werden. Wer keine (oder kaum welche) hat, soll auch nicht von der Faszination anderer Mannschaften profitieren. Denn Zugpferde der Bundesliga sind meiner Meinung nach die Traditionsvereine. 

Christoff: Ich bin vom neuen Verteilungsschlüssel eher enttäuscht. Wir reden hier von einer Verteilung der TV-Erlöse und welche Indikatoren zieht die DFL dafür heran? Den sportlichen Erfolg, die Ligazugehörigkeit, sowie paar Titel in der C- und B-Jugend. Was aber nicht betrachtet wird: die TV-Quote! Das ist wie, wenn Dein Chef bei der nächsten Lohnverhandlung die Schulnoten Deiner Kids in seine Entscheidung mit einfließen lässt. Das ist doch absurd. Natürlich sind die Schwankungen bei den Sky-Quoten recht stark – es macht schließlich einen Unterschied, ob Du Freitagabends außer Konkurrenz spielst oder Samstagnachmittag parallel zu Bayern und Dortmund. Aber jedes gute Marktforschungsinstitut wird doch in der Lage sein, nach 34 Spieltagen eine um genau diese Schwankungen bereinigte Abschlusstabelle vorzulegen. Auch wäre es ein schönes Zeichen für die Stadionkultur und gegen den Ticketpreiswucher gewesen, wenn die Stadionauslastung Relevanz gefunden hätte. In Spanien zum Beispiel gibt es finanzielle Abzüge, wenn die Stadien nicht voll sind, da man berechtigt Sorge trägt, dass die Attraktivität der TV-Rechte sinkt, wenn es überall ausschaut, wie bei Wolfsburg gegen Ingolstadt.

Wilfried Wittke: Es musste ja eine Lösung gefunden werden. Und diese auch von Reinhard Rauball favorisierte Verteilung der TV-Gelder hat doch in der Liga breite Zustimmung erfahren. Wir leben nunmal in einer Leistungsgesellschaft, aber das Gesamt-Paket dokumentiert auch ein Stück Solidarität unter den Profi-Klubs. Es ist wie im richtigen Leben: die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Man darf ja nicht vergessen, dass sich die Champions-League-Teilnehmer noch über den internationalen TV-Topf dull und dämlich verdienen und der große Rest in die Röhre schaut. Kein Wunder, dass sich – von Ausnahmen abgesehen – seit Jahren immer die gleichen Vereine für die europäischen Wettbewerbe qualifizieren. Geld schießt eben doch Tore.



Holger: In letzter Zeit tut sich Hans-Joachim Watzke immer mehr als RB Leipzig-Basher hervor. Sollte man die Auseinandersetzungen nicht lieber auf dem Feld führen, statt verbal via Medien immer neue Reizpunkte zu setzen? 

Bruno “Günna” Knust: Klar, RB-Leipzig-Bashing bringt garantiertes mediales Echo und vielleicht noch Plus-Pünktchen in der Traditionsecke. Generell sollte man aber die Argumente lieber auf dem Platz liefern. Die Gelegenheit hatten wir ja schon dazu, leider war das ein peinlicher Schuss in den Ofen. Ich finde RB-Bashing inzwischen langweilig und würde das generell lieber anderen überlassen. Ein klarer BVB-Sieg im Rückspiel wäre z.B. ein viel besseres Zeichen. Das Konstrukt RB bleibt natürlich kritikwürdig, aber sie machen mit ihren zugegeben sehr üppigen Mitteln in ihrer 1. Bundesliga Saison etwas, was der HSV oder Schlacke mit ihren vergleichbaren Möglichkeiten in gefühlten Ewigkeiten nicht geschafft haben. Und diese Leistung hat immerhin Respekt verdient. Wenn die so weitermachen, ist im worst-case in dieser Saison leider ähnliches möglich wie beim BVB vor wenigen Jahren.

Peter: Bei einem Medientreffen in Leipzig Mitte Dezember fand deren Sportchef zum Beispiel klare Worte in der Frage, ob Mitglieder im Club von Relevanz wären: "Ich denke, die Zahl der Mitglieder eines Klubs ist irrelevant. Dieses Konzept ist meiner Meinung nach altmodisch und überholt", sagte Rangnick allen Ernstes. Als Beispiel für seine Kritik wählte er ausgerechnet die Dortmunder Borussia aus, wo es zwar fast 150.000 Mitglieder gäbe, die allerdings keinerlei Einfluss auf die strategische Ausrichtung des Clubs hätten. Mehr muss man zu diesen Leuten nicht sagen, um deren wahre Intentionen zu erkennen.

Julian: Nur wenn die Ablehnung weiter präsent bleibt, wird Leipzig auch nicht zur “Normalität” der Liga, wie es Hoffenheim ja im Grunde schon ist. Dass sie erfolgreichen und durchaus attraktiven Fußball spielen, ist natürlich aktuell Wasser auf die Mühlen des Brauseverkaufs.

Holger: Immer wieder polarisiert RB. Jeden, der diese Sportart liebt. Dabei gibt es diesen Klub erst seit 2009. Alles fing mit Kohle an beim SSV Markranstädt. Und das Geld, mit dem RB sich seine Existenz im deutschen Fußball einfach erkauft hat, legt nunmal den Grundstein dafür, dass die Leipziger derzeit als Vize-Herbstmeister den Dortmundern übel den Rang ablaufen. Da kann man Unmut verstehen. Aber nicht nur deshalb…

Mathe: Naja, auf dem Feld haben wir ja die erste Auseinandersetzung verloren. Das einzige, was mich daran tröstet, ist die Tatsache, dass auch bislang alle anderen Clubs sich schwer getan haben. Was Aki Watzke angeht, da würde ich mir wünschen, dass er öfter einfach mal, sorry, den Rand hält. Die Abteilung Attacke ist ja mal lustig vor einem Derby, oder so wie früher vorm dem Spiel gegen die Bayern. Aber da wir ja jetzt mit den Bazis quasi auf Kuschelkurs sind, was schon schlimm genug ist, hat sich der Aki die Brausebomber ausgesucht. Wenn er es braucht, bitte. Deren Erfolg wird er dadurch leider nicht verhindern können.




Flo:
Ich habe die Befürchtung, dass RB Leipzig für uns ein zweites Hoffenheim werden könnte. Keiner kann sie ab, aber auf dem Platz läuft es für uns zu oft nicht rund. Die ein oder andere Spitze seitens Aki Watzke muss gegen dieses „Projekt“ erlaubt sein. Für meinen Geschmack ist das, was Watzke zu dem Thema sagt, aber auch etwas zu viel. Es geht hierbei immer noch um Fußball und hier werden die Schlachten auf dem Feld ausgetragen.

Wilfried Wittke: Über das Retorten-Unternehmen RB Leipzig ist wahrlich genug diskutiert worden. Man muss aber anerkennen, dass Rangnick und Co. im sportlichen Bereich, die Nachwuchsabteilung eingeschlossen, vorbildliche Arbeit leisten. Sie verpflichten keine Top-Stars, sondern Top-Talente. Gerade Hans-Joachim Watzke wäre gut beraten, nicht zu allen Themen, die die Fußball-Welt bewegen, seinen Senf bei zu geben, sondern einfach mal die Klappe zu halten. Beim BVB ist schließlich auch nicht alles Gold, was glänzt.

Christoff: Ich bin um jede sachliche und hochwertige Kritik an diesem Konstrukt mehr als dankbar, denn bei Sky, im Sportstudio, aber auch in der Sportschau hat man nicht selten das Gefühl einer Hofberichterstattung. Man wartet ja förmlich darauf, dass sich Kathrin Müller-Hohenstein live aus dem Whirlpool mit Mateschitz meldet. Aki Watzke mag hier und da mal über das Ziel hinaus schießen, aber das ist mir allemal lieber, als die breite Akzeptanz für eine weitere Aushöhlung von 50+1 und der Entstehungsgeschichte dieses lächerlichen Konstruktes, das so niemals Bundesliga spielen dürfte!

Andreas: Hallo Aufwachen! “Rasenball Leipzig” ist das Modell der Zukunft. Bald werden wir asiatische Verhältnisse haben und es kicken ganz offiziell Werksmannschaften gegeneinander - beziehungsweise, die haben wir ja schon. Leverkusen, Wolfsburg, Ingolstadt, Hoffenheim alle nach ganz ähnlichem Muster in die Liga gekommen. Und wo bitte ist der Unterschied zu den Millionen, die der HSV regelmäßig von seinem Mäzen Kühne verbrennt oder die Kohle von Herrn Kind für Hannover? Fußballromantiker werden demnächst wieder zur Kreisklasse C gehen müssen. Spätestens seit Football Leaks dürfte doch klar sein, worum es eigentlich geht: Kohle für einige wenige - und viele Kicker und Vereinsfunktionäre werden auch noch reich. Auch der Aki Watzke.

Max: Andreas hat nicht Unrecht. Auch bei einem alten Verein wie 1860 München kommt erst das Fressen, dann die Moral. Der Investor, der sich da seinen Hofstaat aufbaut, wird die Mannschaft über kurz oder lang auch in die Bundesliga führen. Am Geld wird es nicht scheitern. Dieser “leichte” Weg wird viele Menschen ansprechen. Dass die gesamte Finanzielle Ebene vollkommen eskaliert ist, muss ja nicht gesagt werden. In der Bundesliga werden doch Summen verschoben, die das Bruttoinlandsprodukt mancher Staaten in den Schatten stellt. Das wird sich auch sobald nicht ändern.

Im sechsten Teil sprechen wir über den Slogan "Zwischen Borsigplatz und Shanghai" und deren Wahrheitsgehalt...


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