UNSER RÜCKBLICK 2016 (2.2)

Gott, was haben wir ihn geliebt, unsern Jürgen Klopp. Ein "Menschenfänger", der uns quasi im Vorbeigehen das Gefühl gab, dass wir nicht weniger als der wichtigste Teil des Ganzen sind. Umso schwieriger war und ist es nun, mit der wenig menschelnden und eher unterkühlt autokratisch wirkenden Art seines Nachfolgers umzugehen. 

2. Personelle Bestandsaufnahme (2)


Holger: Thomas Tuchel hält bekanntlich gebührenden Abstand zu den Fans. Es scheint so, als wäre das durchaus so gewollt, um bloß nicht mit Jürgen Klopp verglichen zu werden. Wäre es aus Eurer Sicht sinnvoller, dass er mehr auf die Menschen im Dortmunder Umfeld zugeht und auch mal zur Südtribüne geht?


Wilfried Wittke:
Lasst doch endlich die Vergleiche: Jürgen Klopp war und ist einmalig. Ein Trainer zum Knuddeln, mit dem jeder gern ein Pils trinken würde (oder mehr). Tuchel ist ein ganz anderer Typ, introvertiert, wahnsinnig ehrgeizig, selbstbewusst, auch für die BVB-Chefs kein einfacher Gesprächspartner. Ein Fußball-Lehrer, der sich nicht verbiegen lässt. Man sollte ihn so nehmen und akzeptieren, wie er ist. Ottmar Hitzfeld ist auch nicht in Richtung Südtribüne gelaufen, um mit den Fans zu feiern. Die Hauptaufgabe eines Trainer besteht darin, Spieler und Mannschaft weiterzuentwickeln, sie zu führen und sie akribisch auf Spiele und Gegner vorzubereiten. Das beherrscht Tuchel.  

Peter: Ottmar Hitzfeld hat gerade eben erst Borussia Dortmunds Trainer eine große Zukunft prophezeit. Zitat: "Es hängt auch heute immer noch fast alles vom Erfolg ab. Aber ein Thomas Tuchel lässt schon einen phantastischen Fußball spielen", erklärte der frühere BVB-Trainer im Interview mit der 'Badischen Zeitung'. Ja, ist es wirklich das, was wir wollen? Warum sehe ich das nur nicht in unseren Spielen? Ich persönlich möchte Freude haben an tollen Spielzügen, an gnadenlos engagiert vorgetragenem Angriffsfußball und an Toren, die schönen Fußball nunmal krönen. Und dann kann man sich auch ruhig mal dafür feiern lassen.

Mathe: Na, so einfach können wir uns das nicht machen. In Dortmund muss man als Trainer schon etwas feinfühliger sein, was den Umgang mit den Fans angeht. In Lissabon gab es mal so einen Hauch von “Klopp”. Dort kam Tuchel nach der Partie raus und peitschte mal für ein paar Sekunden die mitgereisten Fans richtig an. Da haben wir uns schon verwundert angeguckt. Er muss kein Klopp 2.0 sein, aber etwas mehr Fannähe wäre nicht schlecht.

Bruno “Günna” Knust:
Nein, Thomas Tuchel muss sich nicht verbiegen und schon gar nicht vor der Süd das Wappen küssen. Er ist kein Klopp-Klon und geht seinen eigenen Weg, mit eigener Handschrift und das ist nach der Kloppo-Ära schon schwer genug. Vielleicht sollte er mal einen oder gerne auch mehrere Titel mit Borussia gewinnen, damit der emotionale Knoten platzen kann und das garantiert auch vorhandene Feierbiest aus ihm rauskommt.



Thomas Tuchel ist nicht so humorbefreit, wie er leider manchmal wirkt, aber er ist als ausgemachter Analytiker auf jeden Fall clever genug, um hier für uns nicht den „Neururer“ zu machen. Ich wiederhole mich gerne, aber Titel würden es auch den Fans leichter machen, den Trainer so zu akzeptieren, wie er ist. Und dann sagt man in Dortmund mit Sicherheit, dass man „ihn eigentlich immer schon geliebt hat, gerade weil er ja so anders ist“.  So funktioniert doch die „echte Liebe“ made in Dortmund, oder?

Julian:
Einen Tuchel, der auf den Zaun springt, oder wie von der Tarantel gestochen am Spielfeldrand umher rennt, kann man sich wohl nicht vorstellen. Es tut im Grunde gut, jemanden zu haben, der “nur” Trainer ist. Alles andere könnte schnell ins Auge gehen. Trotzdem würde man sich wünschen, dass Tuchel, gerade auch in schwierigeren Wochen, mal in den direkten Dialog mit Fanvertretern geht und sich austauscht. Bei Klopp war das noch gang und gäbe und zeugte auch von einem gewissenen Respekt und einem Interesse an den Gefühlen der Fans, die den Verein immer begleiten.

Holger:
Kloppo legte außerordentlichen Wert auf das Zusammenspiel mit den Fans. Er war immer auf dem Laufenden, was bei uns aktuell gesprochen wurde innerhalb der Fans. Er las zum Beispiel unsere Beiträge. Einmal sprach er mich an nach einem Spiel gegen Mainz und empfahl mir, die Bezeichnung seines früheren Clubs im Vorbericht auf "Rheinhessen" zu ändern, statt "Rheinpfälzer". Jetzt mal ehrlich: Kann sich jemand das bei Tuchel vorstellen?

Max: Ich glaube, die Beziehung zum Verein ist bei Tuchel einfach komplett anders als bei Klopp. Jürgen war für mich in Zeiten, in denen die Fußballromantiker immer weniger werden, ein echter Lichtblick. Als er seine Verliebtheit in den BVB bekundete, habe ich ihm geglaubt und ich glaube sie ihm heute noch. Thomas Tuchel scheint verkopfter zu sein. Ihm scheint weniger an Liebe als an einer Partnerschaft gelegen zu sein. Von ihm werden wir emotionale Ausbrüche nur hören, wenn wirklich etwas im Argen liegt, siehe Frankfurt. Ich schätze ihn als Fachmann und Trainer sehr, aber ein echter Borusse wird, glaube ich, nicht mehr aus ihm.

Flo: Einen Trainer mit Fannähe wünschen wir uns - glaube ich - alle. Die Identifikation von Jürgen Klopp zu den Fans und dem Verein und anders herum, war einmalig und sollte wohl nicht als Maßstab für TT genommen werden. Die beiden Trainer sind auch viel zu unterschiedlich, als dass ein Vergleich sinnvoll wäre. Tuchel sollte Fannähe suchen, sobald es sich für ihn richtig anfühlt. Authentizität und Ehrlichkeit sind westfälische Tugenden und auch die Tugenden von Borussia Dortmund. Ich bin gespannt, wie er im Falle eines Titelgewinns reagieren wird.

Christoff: Wir alle schätzen doch Authentizität! Klopp passte zum BVB und zu den Menschen im Ruhrgebiet und in Westfalen, wie kein anderer. Punkt. Ich fände es befremdlich, wenn sich Tuchel jetzt menschlich komplett verstellen würde, nur um bei den Leuten gut anzukommen. So einen hatten wir letztes Jahr als Mannschaftskapitän, das braucht doch niemand.

Andreas: Ich empfehle, genauer hinzuhören. Tuchel ist nicht der, der auf den Zaun hüpft, sich vor der Süd präsentiert. Doch nach den Spielen hat er immer ein paar warme Worte für die tolle Unterstützung der Fans. Ja, er ist nicht der, mit dem man um die Häuser ziehen würde, dazu ist er zu kühler Analytiker. Doch genau als dieser hat er erkannt, wie wichtig die Fans sind.


Im nächsten Teil sprechen wir über die Heimat Borsigplatz, 145.000 Mitglieder, gewachsene Popularität im Ausland und den Spagat dazwischen...


Opens window for sending emailRedaktion, Sylvester 2016


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