UNSER RÜCKBLICK 2016 (1.2)

Nach dem Spiel ein Pils und das Gesehene im illusteren Kreis aufarbeiten - nichts schöner als das, könnte man meinen. Doch weit gefehlt! Denn niemand findet das geil, dass "Jule" Weigl im Idealfall annähernd 200 (zumeist unproduktive) Ballkontakte und der BVB mit 62,6 % den zweitmeisten Ballbesitz der Liga (Bayern 63,2 %) aufweisen konnte, denn Ballbesitz schießt nunmal keine Tore. Das mussten Borussia's Fans gerade in der ersten Halbserie 2016/17 leidvoll erfahren.

1. Bewertung der sportlichen Situation/Teil 2


Holger: Ich treffe in letzter Zeit viele, denen die Lust am BVB etwas abhanden gekommen ist. Die berechenbare Art des ereignislosen Ballbesitzfußballs ödet nicht eben wenige längst an. Dazu kommt die häufige Rotation. Überfordert Borussias Cheftrainer nicht damit möglicherweise seine junge Mannschaft?

Wilfried Wittke: Diese Frage suggeriert Kritik an Thomas Tuchel, die ich nicht unterschreibe. Für die bescheidene Hinrunde 2016/17 gibt es reichlich Gründe und Erklärungen.

Bruno “Günna” Knust: Lust am BVB abhanden gekommen… Das ist ja schon sehr starker Tobak. Nach meinem Empfinden ist es so, dass manche vielleicht eine Art „Kater" nach den rauschhaften Klopp-Jahren haben, sowas wie einen Cold Turkey. Back To Reality quasi, man hat sich ein bisschen ausgejubelt, was aber nach so intensiven Jahren normal ist. Dazu kommt, dass man reihenweise in Finals und Halbfinals kurz vorm Ziel versagt hat, da kommt schon mal in bisschen Ernüchterung, der letzte Titel ist ja immerhin verdammte vier lange Jahre her. Man darf aber den personellen Neuaufbau bei Borussia mit all seinen Konsequenzen nicht aus dem Blickwinkel verlieren. Bevor ich im Hurra-Stil mit der relativ jungen Truppe untergehe, versuche ich doch lieber den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Theoretisch kann der Gegner in dieser Zeit kein Tor erzielen, aber ein einziges schlampiges Abspiel und der Baum brennt - wie wir leider schon zu oft erleben mussten.



Das phasenweise die Augen ermüdende Ballgeschiebe ohne Raumgewinn ist - politisch korrekt ausgedrückt - sicher nicht jederfraus und jedermanns Sache aber geholfen hat es immerhin auch schon des öfteren. Es ist dann immer ein Spagat zwischen spannender Langeweile und langweiliger Spannung wenn einem die ideenlosen Querschieber und Rückpasskönige über ausgedehnte Strecken des Spiels auf den Nerv gehen wie ne Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Manchmal muss man sich den Gegner wohl erst hinstellen, oder auch einlullen wie die Zuschauer um dann mit nem Tor aus dem Nichts erbarmungslos zuzuschlagen. Die gewaltige Rotation sehe ich da durchaus schon problematischer, das erinnerte ja teilweise schon an Völkerwanderung, was da ablief.

Holger: Ja, Rotation hin oder her. Aber ich habe taktisch nicht selten das Gefühl gehabt, dass das nicht der Weisheit letzter Schluss ist, was der Cheftrainer sich da zurecht legt, wenn er mehrmals im Spiel das System ändert. Zum Beispiel werde ich nie verstehen, warum man beispielsweise gegen Bayern nicht schon an deren Strafraum presst, sie so zu Fehlern zwingt und folgerichtig dadurch mit einem Paukenschlag in Führung geht. Aber was machen wir? Lassen sie spielen. Und jeder weiß, dass das gegen diese Truppe nicht gut gehen kann...

Bruno “Günna” Knust: Absolut! Der Sinn so mancher Mannschaftsaufstellung bleibt für mich bis heute auch ein Geheimnis des Trainers. Natürlich muss man bei dem großen Kader auch alle irgendwie bei Laune halten und ihnen Einsatzzeiten geben, aber trotz Verletzungen wäre mir eine halbwegs eingespielte “Kernmannschaft” manchmal schon lieber. Wegen der „Automastismen“ wie das im Fußballdeutsch so schön heißt, dafür würde ich die „individuelle Belastungssteuerung“ gerne etwas defensiver fahren.

Peter: Der Ballbesitz und seine große Dominanz wurde den Barcelona-Mannschaften ins Blut injiziert. Das neue "In-Wort" lautet also bei der Trainerzunft der Großen: „Ballbesitzfußball“. Doch damit bezeichnet man eher eine Philosophie, den Ball in den eigenen Reihen zu halten und geordnet anzugreifen, weniger das schnelle, dominante Passspiel, hab ich so den Eindruck gewonnen. Insofern langweilt es mich, wenn Ginter von zehen Anspielen neuen Mal zum Passgeber zurückspielt und Passlack sogar noch ein Mal mehr. Das tötet Kreativität und meine Nerven.

Mathe: Ich gebe Euch recht. Das mit dem Ballbesitz ist schon nervig. Toll wenn man sich die meiste Zeit die Kugel zuschiebt und am Ende doch keine fünf Meter Raum gewonnen hat. Ich finde wir haben immer die geilsten Spiele gemacht, wenn es richtig Tempo im Spiel gab. Aber da muss auch unsere Abwehr mitspielen, im Falle eines Ballverlustes. Die Tuchel’sche Rotation muss man nicht wirklich immer verstehen. Ok, punktuell in den englischen Wochen mal ein bis zwei Kicker schonen is Ok, aber direkt 8-9 Spieler austauschen? Ich weiß nicht, ob das tatsächlich von Nöten ist und ob das perspektivisch erfolgsversprechend ist. Aber TT ist ja bekannt dafür, dass er aus dem Fußball ‘ne eigene Wissenschaft machen kann. Dass er es drauf hat, steht nicht zur Debatte, aber manchmal ist weniger dann doch mehr.



Andreas: Ich kann nur zustimmen Mathe. Immer die komplette Mannschaft auszuwechseln finde ich auch ein bisschen krass. Das schnelle Umschaltspiel, der blinde Pass das klappt doch viel besser, wenn du weißt, was deine Kumpels machen. Wenn du jedes Mal erst gucken musst, wer ist denn heute dabei…. Hinzu kommen für mich völlig unverständliche Umstellungen wie etwa Ginter von rechts außen in der Innenverteidigung nach links zu stellen. Ein Grund für ein bisschen Borussen-Müdigkeit mag natürlich auch sein, dass Vieles manchmal klinisch wirkt. Der Versuch alles vorherzusehen ist wenig erfolgreich. Zudem ist Tuchel bei weitem nicht der Emotionsträger wie Klopp. Seine Begeisterung ist immer irgendwie kühl. Einzig seine Rundumkritik nach dem Frankfurtspiel war mal emotional.

Max: Es ist schon anders als früher. Als ich noch jung und naiv war, hatte ich  vor jedem Spiel Schmetterlinge im Bauch. Nach dem legendären 3:3 gegen Schalke zuhause konnte ich drei Wochen nicht aufhören zu grinsen. Heute nehme ich vieles nur noch zur Kenntnis. Ich weiß nicht ob ich übersättigt oder abgestumpft bin, aber es fühlt sich so an.

Flo: Also, die Lust am BVB ist auch mir überhaupt nicht abhanden gekommen. Sieben Jahren “Vollgasveranstaltungen” unter Jürgen Klopp haben uns alle wohl ein wenig verwöhnt. Die taktische Ausrichtung von Thomas Tuchel das Spiel über Ballbesitz zu dominieren, macht es für den Zuschauer nicht attraktiver. Spiele werden im Fußball jedoch weder durch Attraktivität noch durch Ballbesitz, sondern schlussendlich durch Tore gewonnen. Und niemand schießt in der Liga so viele Tore wie der BVB. Enge Räume, defensive Grundordnung und 5er-Abwehrketten der Gegner tragen zudem nicht zum Spielfluss bei. Wer hier nörgelt, tut dies mit Blick auf die Zeit vor Jürgen Klopp, sprichwörtlich auf hohem Niveau. Die Belastung in drei Wettbewerben ist für die Spieler immens hoch. Momentan scheint es so, als sei die Mannschaft tatsächlich etwas mit der Rotation überfordert.

Christoff: Ich glaube es ist nicht die Lust an Borussia, die verloren gegangen ist. Ganz im Gegenteil. Die Leute hier leben diesen Verein noch immer mit derselben Faszination wie vor Jahren auch. Es ist vielmehr eine Identitätskrise auszumachen. Viele Fans, mich eingeschlossen, haben eher das Gefühl, dass dieser Ballbesitzfußball nicht zu Borussia, nicht zu ihrem Verein, passt. Es wird zu viel geschoben und zu wenig gepöhlt. Jetzt mag jeder Trainer die Augen rollen, dabei soll das gar nicht so anmaßend klingen. Aber dieser durchchoreographierte Matchplan vermittelt auch mir oftmals das Gefühl Teil einer minutiös geplanten Inszenierung zu sein. Fußball nach Drehbuch sozusagen. Wenn Sokartis die Kirsche manchmal mit dieser unnachahmlichen Mischung aus Hass, Frust und Gewalt nach vorne wemst, erwische ich mich oft dabei, mich einfach zu freuen, weil es so herrlich ungeplant und untuchelig wirkt.


Julian Weigl hatte am 14. Mai gegen Köln die meisten Ballkontakte. 214 Mal war er am Ball - neuer Bundesliga-Rekord

Wilfried Wittke: Auch die These vom "ereignislosen Ballbesitzfußball" kann ich nicht unterschreiben. Nach dem letzten Horrorjahr unter Jürgen Klopp und ohne große Kader-Veränderung hatte sich die Mannschaft neu finden und eine andere Spiel-Philosophie entwickeln müssen. In der Saison 2015/16 hat der BVB die meisten Tore geschossen (82), in der gerade abgeschlossenen Gruppenphase der Champions League einen neuen Torrekord aufgestellt, und in der aktuellen Liga-Saison fallen die meisten Tore in Spielen mit BVB-Beteiligung. Über die häufigen (auch erzwungenen) System- und Personalwechsel  kann man trefflich diskutieren. Mag sein, dass Perfektionist Tuchel die Spieler damit überfordert hat. Auch mir ist es eine Spur zu viel gewesen. Ein  klarer und kontinuierlich verfolgter Matchplan hätte der Mannschaft vermutlich mehr Sicherheit gegeben. Aber man weiß es nicht....

Ramon: Reinen Ballbesitzfußball lässt Tuchel ja erst seit dieser Saison spielen. Im vergangenen Jahr war es eher eine Kombination aus dem Umschaltspiel Klopp’scher Prägung und eben jenem eher langweiligen Ballbesitzfußball. Seinerzeit kam das einer taktischen Weiterentwicklung gleich. Natürlich verhindert Tuchels hohe Personalrotation ein echtes Einspielen der so wichtigen Mechanismen wie Passgenauigkeit oder Spielaufbau. Es bleibt zu hoffen, dass die Leistungsträger gesund bleiben bzw. werden, damit Tuchel seine Stammformation in der Rückrunde findet.

Im dritten Teil sprechen wir über den größten Umbruch im Kader in der Geschichte des BVB...


Opens window for sending emailRedaktion, Weihnachten 2016





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