UNSER RÜCKBLICK 2016 (1)

Wie jedes Jahr um diese Zeit, lassen wir Euch zwischen Weihnachten und Neujahr wieder an unserem letzten Redaktionsgespräch des Jahres teilhaben, das sich diesmal neben der starken ersten Tuchel-Saison 2014/15 natürlich auch um die unerklärlich schwache Hinrunde in der aktuellen Saison dreht. Auch in diesem Jahr haben wir uns gezielt verstärkt - allerdings haben wir diesmal aus dem journalistischen Umfeld nur einen einzigen ausgewiesenen BVB-Kenner zu uns eingeladen.

Neben „Kirsche-Urgestein“ Bruno „Günna“ Knust diskutiert in diesem Jahr mit uns der langjährige Sportchef der Westfälischen Rundschau, Wilfried Wittke über die Belange von Borussia Dortmund.

1. Sportliche Situation
2. Personelle Bestandsaufnahme
3. Umfeld, wirtschaftliche Situation
4. Fans
5. Rückrunden-Perspektiven - Ausblick auf 2017

1. Bewertung der sportlichen Situation

Holger: Wenn man das gesamte Kalenderjahr 2016 oberflächlich überschaut, dann war es rein sportlich definitiv ein positives Jahr. In der ersten Jahreshälfte vergeigte man im Mai zwar erneut den DFB-Pokalsieg leichtfertig, spielte sich aber mit unvergesslichen Spielen in das Viertelfinale der Europa League gegen Liverpool. War 2016 dennoch ein gutes Jahr für den BVB?

Mathe: Ich denke schon. Klar, eigentlich spricht man ja erst mit einem Titel in der Tasche von einem erfolgreichen Jahr. Aber da wir halt nicht die Bauern sind, freuen wir uns auch schon über “Kleinigkeiten”. Liverpool und das DFB Pokalfinale waren schon ärgerlich. Da war schon die Hoffnung, etwas mehr zu holen. Sollte halt nicht sein. Umso hungriger geht man doch wohl in das Jahr 2017, oder?

Bruno “Günna” Knust: Ja, auf den ersten Blick war es ein gutes Jahr. Es hätte ein sehr gutes werden können wenn wir wenigstens einen der machbaren Titel mitgenommen hätten, die Chancen dafür waren ja nicht nur “gefühlt” greifbar gut. Das Hinspiel vom „El Kloppico“ gegen Liverpool war für mich zum Beispiel eine einzige Enttäuschung, Angst essen Seele auf kann man dazu nur sagen. Vom Rückspiel möchte ich gar nicht erst reden, das verfolgt mich nämlich noch bis heute, und  zwar als Albtraum! Der angekündigte „Meilenstein“ an der Anfield war im Rückspiegel eher Anpfiff zur „Operation Blindgänger“ denn danach war irgendwie die Luft raus.


Elfmeter-Verweigerer Mkhitarian in Berlin: "Ich schieß nicht, ich bin sowieso weg"

Für die Big-Points reicht es beim BVB einfach nicht war die bittere Erkenntnis. Das haben sich dann auch unsere Schlüsselspieler gedacht und weg waren sie. Die Bundesliga hätte vielleicht noch mal spannend werden könne aber Borussia bekam die PS nicht mehr so richtig auf das Spielfeld. Der negative Höhepunkt waren dann aber in Berlin schwarzgelbe „Elfmeterverweigerer“ a la Mkhitarian, die es nach einem packenden Finale ablehnten den Pokal einzusafen, aus Frust, Versagensangst oder weil sie sich schon mental vom BVB abgenabelt hatten. Mit dem zweiten Halbjahr bin ich sportlich von den Eckdaten bisher bis auf den wirklich lächerlichen Schlusspunkt im Heimspiel gegen Augsburg eigentlich zufrieden. Ein paar Punkte hätten es gerne mehr sein dürfen aber auf Details und das Salz in der Suppe kommen wir ja bestimmt gleich noch zu sprechen...

Wilfried Wittke: Müsste ich eine Schulnote vergeben, würde ich der Borussia eine 3+ ins Jahreszeugnis schreiben. Eine glatte 1 für sensationelle 78 Punkte in der Bundesliga-Spielzeit 2015/16, eine 4 für die Herbstserie in der Saison 2016/17, die verlaufen ist wie eine Achterbahnfahrt, und eine 1 für die Gruppenphase in der Champions League. Das Ausscheiden in der Europa League resultierte aus einem kollektiven Black-out - Spieler und Trainer - in der zweiten Halbzeit in Liverpool. Ein DFB-Pokalfinale gegen Bayern kann man verlieren. Ja, es ist auffällig, dass sowohl gegen Liverpool wie auch gegen die Münchner Borussias Leistungsträger nicht ihr Potenzial abgerufen oder sich – wie beim Elfmeterschießen – verkrochen haben. Die Bayern profitierten in Berlin indes auch von merkwürdigen Schiedsrichter- Entscheidungen. Ribery hätte in der ersten Halbzeit zwingend Rot sehen müssen, das Spiel wäre dann vermutlich in eine andere Richtung gelaufen.

Holger: Ok, der BVB holte 14 von 18 möglichen Punkten, erreichte vorzeitig das Achtelfinale der Champions League und ist sogar Gruppensieger geworden. Zudem lieferten die Tuchel-Schützlinge dort durch 21 erzielte Treffer einen Rekord ab. Im DFB-Pokal ist man ebenfalls im Achtelfinale dabei. In der Bundesliga läuft es - insbesondere auswärts - natürlich nicht ganz so gut, was aber sicherlich auch mit dem großen Umbruch zu erklären ist. Auch wenn ich vom Augsburg-Kick nicht erbaut war, sehe ich alles in alles aber auch eher ein halbvolles, statt eines halbleeren Glases... 

Andreas: Naja, genauer hingeguckt ist es sicher schon mehr als nur halbvoll. Allerdings finde ich ein paar Dinge sehr ärgerlich. Die Bilanz gegen den 1. FC Köln zum Beispiel ist einfach blöd. Und mit der aktuellen Situation in der Liga bin ich auch nur bedingt zufrieden. Nicht mit der Position in der Tabelle an sich. Doch das “WIE” hat mir oft nicht gefallen. Völlig unnötige Punktverluste in Leipzig, Frankfurt oder gegen Köln das versaut mir einfach das Vergnügen.



Holger: Von Vergnügen kann echt keine Rede sein, wenn die Mannschaft satte elf Punkte weniger auf dem Konto hat, als zum gleichen Zeitpunkt 2015. Das 1:2 in Frankfurt mit Tuchels "Wut-Rede" und anschließend nur drei mickrigen Unentschieden gegen Köln, Hoffenheim und Augsburg - das alles addiert sich in der Summe auf stattliche neun verlorene Punkte binnen der letzten fünf Spieltage. Erfolgreich sieht allerdings anders aus...

Flo: Ich glaube als BVB Fans tun wir gut daran, den Erfolg eines Jahres nicht an Titeln zu messen. Wenn man am Ende einer Spielzeit mit 78 Punkten in der Tabelle auf Platz 2 steht und auch zum dritten Mal in vier Jahren als zweiter Sieger im Pokalfinale das Feld verlässt, hätte das Jahr tatsächlich zur Jahresmitte erfolgreicher verlaufen können. Mit dem Umbau der Mannschaft hat wohl niemand damit gerechnet, dass Borussia an die Leistung der Vorsaison anknüpfen kann. Dass diese junge Mannschaft in der Lage ist die Bayern zu schlagen, haben sich wohl viele Schwarz-gelbe gewünscht, mich hat es auf jedenfalls positiv überrascht.

Julian:
Letztlich wollen die Fans irgendwann auch wieder einmal einen Titel sehen, gerade in der Europa League wäre dies möglich gewesen, hätte man sich nicht von den Emotionen in Liverpool übertölpeln lassen. Am Ende war es keinesfalls ein schlechtes Jahr, aber irgendwie ist ein zweiter Platz -mit wenigen Ausreißern- mittlerweile etwas, das man als “im Rahmen der Erwartungen” einordnet.

Christoff: Ich war nach dem Pokalfinale deutlich geknickter, als nach dem Aus in Liverpool. Das Aus in Anfield tat zwar auch weh, aber anders. Letzten Endes hatte man dort ein Spiel verloren, für das man den Fußball einfach lieben muss. So schwierig das in dem Moment auch war. Das Pokalfinale dagegen war einfach niederschmetternd, weil man sich zum x-ten mal gegen Bayern verarscht vorkam.



Das Bild, auf dem Ribery Castro ins Auge fasst und vom 4. Offiziellen sogar noch zurückgehalten wird, macht mich noch heute wütend. In paar Jahren wird niemand mehr darüber reden, dass wir mal wieder betrogen wurden. Dass der Pokal in unserer Vitrine stehen müsste. An die 78 Punkte werden sich nur noch die Statistik-Freunde erinnern, kaufen kannste Dir dafür genauso wenig, wie für die Teilnehmerurkunde aus Berlin.

Ramon: Ganz klares Ja. Wenn man das Pokalfinale raus rechnet (Unentschieden nach 90 Minuten/Die Red), hat der BVB von 50 Pflichtspielen nur fünf(!) verloren. Apropos Pokalfinale: Ich persönlich finde gar nicht, dass Borussia das Pokalfinale leichtfertig hergeschenkt hat. Am Ende hat einfach die Kraft gefehlt, was vermutlich auch an der vergleichsweise geringen Breite des Kaders und der langen Saison gelegen hat. Aus genau diesen Gründen kann ich auch mit dem zugegebenermaßen ärgerlichen Ausscheiden in Liverpool abschließen. Letztendlich hat es dem Scheitern auf hohem Niveau vorgegriffen. Was jedoch an der Hinrunde negativ in Erinnerung bleibt, sind die vielen unnötigen Unentschieden. Die Situation erinnert etwas an die erste Saison unter Klopp, als der BVB die Qualifikation fürs internationale Geschäft verspielt hat, weil die drei Punkte häufig nur allzu leichtfertig verspielt worden sind. Auch wenn die sportlichen Begleitumstände anders sind als damals.

Falk: Erfolg wird nicht nur an Titeln gemessen. Ich denke mit zwei Vereinsrekorden, zum Beispiel bester Zweiter aller Zeiten, und im kompletten Kalenderjahr ohne Heimniederlage zu bleiben, darf man durchaus zufrieden sein. Einzig die Hinrundenplatzierung hätte besser sein können.

Max: Klar bin ich mit dem BVB zufrieden. Nicht begeistert, nicht verzweifelt, einfach zufrieden. Umbrüche sind immer schwierig und Tuchel steht vor der Aufgabe, aus einem Haufen Talente einen Titelanwärter zu formen. Dass er dafür länger als fünf Monate braucht, war abzusehen. Auch Klopps Mannschaft,  hat in seinen ersten Jahren nicht um die Tabellenspitze mitgespielt. Aber vielleicht ist man mit ihm einfach geduldiger gewesen. Die letzte Saison war grandios, mit einigen Schwachpunkten, die jetzige Hinrunde ist okay mit einigen Höhepunkten. Bin gespannt wie es weitergeht.

Im zweiten Teil sprechen wir über Leistungsexplosionen und Schwächephasen...


Opens window for sending emailRedaktion, Weihnachten 2016



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