Wie sexy ist der Amateurfußball?

Es scheint der Sommer der Rulebreaker zu sein! Der neue BVB-Coach Thomas Tuchel bezeichnet sich in einem Vortrag vor Wirtschaftsleuten selbst als Regelbrecher und hat in der kurzen Zeit beim BVB schon gezeigt, dass er Veränderungen mag und in der Lage ist, diese durchzusetzen. Bislang mit sehr guten Ergebnissen.

Hardy Grüne und Frank Willig scheinen ebenfalls Rulebreaker zu sein. Die beiden Journalisten haben in diesem Sommer ein neues Fußballmagazin aus der Taufe gehoben. Und während landauf und landab das digitale Zeitalter beschworen wird, gehen diese zwei Fußballverrückten einen ganz anderen Weg: sie bringen kurzerhand ein Printmagazin auf den Markt. "Zeitspiel" heißt es und erhebt im Untertitel den Anspruch, ein "Magazin für Fußball-Zeitgeschichte" zu sein.

In der Tat bietet die erste Ausgabe Zeitreisen von anno dunnemals bis in die Gegenwart, vom Fußball umme Ecke bis nach Südamerika und Afrika. Dabei liegt der Fokus auf dem Fußball und weniger auf einer Berichterstattung über die medial erzeugte Glamourwelt mit gestriegelten Ronaldos oder Götzes. Das Layout, die Themenwahl und der Stil erinnern stark an das Magazin "11 Freunde" - mit dem Unterschied, dass es in "Zeitspiel" thematisch um den "Fußball unterhalb der Kommerzebene" geht, wie Hardy Grüne das Konzept seines Magazins beschreibt.



Es gibt Fußball außerhalb der Bundesliga und Champions League
Hardy Grüne und Frank Willig wollen mit "Zeitspiel" die Lücke füllen zwischen Berichterstattung über den Hochglanz-Fußball und dem Fußball zwischen 3. und 6. Liga. Sie stellen die ins Rampenlicht, die ansonsten ein Schattendasein führen. Dazu versammeln Grüne und Willig eine ganze Reihe von profilierten Sportjournalisten und Fußballexperten in ihrer Redaktion, die sehr gut recherchierte und mit großer Leidenschaft geschriebene Artikel liefern.

Dabei entstehen Texte mit enormer Tiefe, für die sich sowohl die Macher als auch die Leser Zeit nehmen müssen. Die Themen werden in ihrer ganzen Breite entfaltet und gehen weit über die heutzutage üblichen Dosen hinaus. Die Macher von "Zeitspiel" ermöglichen es ihren Autoren, das was sie zu sagen haben, auch wirklich zu sagen - egal, wie umfangreich es ist.

Die Erstausgabe wartet mit dem Titelthema "Überleben im Turbokapitalismus" auf und bietet mit Artikeln über Traditionsvereine und der "Geschichte der Pleiten" viel Lesenswertes. Zudem werden die Probleme des unterklassigen Fußballs an der Nahtstelle zwischen Amateur- und Profibereich ausführlich analysiert. Als BVB-Fan muss man nur an die unmöglichen Anstoßzeiten der U23 denken, um zu verstehen, dass das Thema brandaktuell ist.

Wenn die Autoren von Vereinen wie Union Solingen, KFC Uerdingen oder Hessen Kassel schreiben, beschleichen den Leser nicht nur nostalgische Gefühle; man bekommt direkt Lust, am kommenden Wochenende dem örtlichen Fußballverein in der Landes- oder Kreisliga einen Besuch abzustatten, eine Bratwurst zu vertilgen, die Luft des Amateurhaften zu schnuppern und mit der mit Starattitüden geschwängerten Zirkusluft der Bundesliga abzugleichen.



Zuviel Aufregung um den Brauseclub!?
Ein Highlight der ersten Ausgabe stellt die Rubrik "Klartext" von Dietrich Schulze-Marmeling dar. Der Sportjournalist und -historiker setzt sich nüchtern mit dem Emporkömmling RB Leipzig auseinander und ordnet die Ablehnung, die dem Verein entgegenschlägt, in den Gesamtzusammenhang des kommerzialisierten Fußballs ein. "Ist das Geld von Gazprom weniger schmutzig als das von Red Bull", fragt Schulze-Marmeling provokant und gibt in seinem Text weitere unpopuläre Denkanstöße.

Wer am liebsten vor dem Bildschirm hängt und seine Infos über modellnde Spielerfrauen in Tweet-Länge serviert bekommen möchte, wird an "Zeitspiel" keine große Freude haben. Wer aber gerne Papier zwischen den Fingern spürt, den Fußball wegen des Fußballs liebt und sich bei der Informationsaufnahme entschleunigen möchte, liegt mit diesem neuen Magazin goldrichtig.

Die Aussage von BVB-Boss Hans-Joachim Watzke, der Amateurfußball sei nicht sexy genug, wird schon in der ersten Ausgabe von "Zeitspiel" widerlegt. Mehr noch: man bekommt richtig Lust auf das nächste Heft, das Anfang Oktober erscheinen und sich u. a. mit der "Süßen Hölle Aufstiegsspiele" und dem Fußball in Aserbaidschan (Grüße nach Qäbälä) beschäftigen wird.

"Zeitspiel" ist satte 92 Seiten stark, komplett in Farbe gedruckt und wird vier Mal im Jahr erscheinen. Das Magazin ist bis auf Weiteres nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel erhältlich. Das Einzelheft kostet 7,80 Euro, beim Abo werden 7 Euro pro Ausgabe fällig. Infos zum Bezug von Einzelheften und zu diversen Abopaketen gibt es unter Opens external link in new windowhttp://www.zeitspiel-magazin.de/wir-fuer-euch-abo-und-bezug

Text: Stephan Kottkamp, 16.09.2015






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