Kalle Riedle: "Das Westfalenstadion war einzigartig"

2 Tore innerhalb von 5 Minuten im Champions League Finale 1997 haben Karl-Heinz „Kalle“ Riedle zu einer der großen Legenden bei Borussia Dortmund gemacht. Weltmeister, Champions-League-Sieger und 3-maliger Deutscher Meister – der Stürmer hat in seiner 18-jährigen Karriere fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Insgesamt spielte er für 7 verschiedene Vereine, darunter befinden sich mit Lazio Rom, dem FC Liverpool und dem FC Fulham auch 3 Stationen im Ausland.


Herr Riedle, Sie haben zu ihrer aktiven Zeit ziemlich viele Erfolge gefeiert. Ihr Name ist dabei eng verbunden mit dem Champions League-Finale 1997. Ist das auch der Titel, auf den sie ganz besonders stolz sind?

Stolz ist man ja grundsätzlich auf jeden Titel, den man gewonnen hat. Die Meisterschaft mit Werder Bremen und die 2 Meisterschaften mit Borussia Dortmund waren Super-Erfolge und tolle Erlebnisse. Aber sicherlich ist ein Champions League-Gewinn noch eine Stufe höher einzustufen. Ganz abgesehen vom Weltmeistertitel 1990, ist das der große Titel, mit dem ich in Verbindung stehe.

Gibt es denn einen Erfolg, den Sie gerne noch gefeiert hätten?


Ja klar! (lacht) Es sind sogar 2 Titel, die ich gerne noch gewonnen hätte. Das eine ist der DFB-Pokal. Das Pokalfinale habe ich leider 2 Mal mit Werder Bremen verloren. Außerdem die Europameisterschaft 1992, wo wir mit der Nationalmannschaft das Endspiel gegen Dänemark verloren haben. Das sind 2 Titel, die auf dem Papier einfach ausgesehen haben, die wir aber leider beide im Finale liegen lassen haben.

Wie wichtig wäre Ihnen noch ein persönlicher Titel, wie der des Torschützenkönigs, gewesen?


Ach, darauf habe ich nie wirklich viel Wert gelegt. Ich war immer ein Mannschaftsspieler. Der Erfolg des Teams stand über allem. Wenn ich mit vielen Toren dazu beigetragen habe, dann war das gut. Ob ich jetzt eine Torjägerkanone bekomme oder nicht – das stand nie weit oben auf meiner Liste.

Sie haben den Weltmeistertitel 1990 angesprochen. Wie haben Sie als Weltmeister den Titelgewinn 2014 erlebt?


Natürlich war das etwas ganz Besonderes. Wir haben das Finale in einer großen Gruppe geschaut. Es ist einfach an der Zeit gewesen. Die Mannschaft hat sich über Jahre super weiterentwickelt. Jogi Löw hat wirklich etwas geschaffen, was keiner so vermutet hätte: Dass eine deutsche Nationalmannschaft fußballerisch so dominant auftreten kann. Ich habe mich natürlich wahnsinnig gefreut, dass sie nach uns die erste Mannschaft war, die den Titel nach Deutschland holen konnte. Da kamen viele Erinnerungen an das, was wir damals erlebt haben auf. Ich glaube, die Jungs haben das auch sehr intensiv erleben können.



Nach Ihrer Karriere haben Sie ein Hotel mit angeschlossener Fußballschule eröffnet. Wissen die jungen Kicker mit wem sie es zu tun haben?

Es ist eher so, dass die Eltern wissen wer dahintersteht. Die Kinder bei uns sind zwischen 8 und 14 Jahre alt – die haben das ganze natürlich nicht miterleben können und mich nie spielen sehen. Die kennen mich eher aus dem Fernsehen. Das geht meist von den Eltern aus, die unsere Generation noch kennen. Die Kinder werden viel von ihren Eltern erzählt bekommen und wenn sie bei uns sind, sehen sie Bilder aus meiner Zeit, die im Camphaus ausgestellt sind. Die Trainer und Betreuer werden ihnen schon erklären, wer ich bin. Aber meistens wissen sie das schon im Vorfeld – heutzutage können die Kids das schließlich schnell im Internet nachschauen. Mir ist wichtig, dass Ich auf jeden Fall immer einmal mittrainiere und die Kinder mich kennenlernen.

Neben dieser Tätigkeit sind Sie auch Markenbotschafter des BVB. Wie sieht da der Arbeitsalltag aus?

Im Hotel bin ich nicht permanent operativ eingebunden – so fällt meine Hauptzeit schon auf die Borussia. Besonders im asiatischen Markt rüsten wir derzeit auf und so kommt es,  dass ich das eine oder andere Mal etwas länger dort unterwegs bin. Es macht Spaß, wenn man für diesen sensationellen Verein tätig sein kann.

Wie gestaltet sich dabei der Kontakt zur Mannschaft?


Wir sind nicht unbedingt im ständigen Kontakt, aber im Trainingslager oder auf der Asientour bin ich immer mit dabei – da komme ich mit unseren Spielern in Kontakt und halte ein wenig Smalltalk. Die Jungs sind dann aber meist fokussiert auf ihre Arbeit, sodass wir uns nicht jeden Tag ständig austauschen.

Gibt es Unterschiede zu Ihrer Zeit bei Borussia Dortmund? Sind die Spieler jetzt abgeschotteter?



Ich glaube es ist noch immer sehr familiär beim BVB. Die Jungs fühlen sich sehr wohl und ein bisschen wie in einer Familie. Aber klar, wenn man sich den ganzen Staff anschaut, war das zu unserer Zeit etwas „amateurhafter“. Jedes Segment ist mit vielen Leuten bestückt und es ist vieles aufgesplittet – auch beim BVB. Damals gab es keine Internationalisierung und es gab noch kein Marketing im heutigen Maßstab – das war früher vielleicht etwas einfacher für die Spieler.

Nach Ihrer Zeit in Dortmund ging es für Sie 1997 zum FC Liverpool. Denselben Weg ging 2015 auch Jürgen Klopp als Trainer. Gab es da Kontakt oder hat sich Klopp Ratschläge geholt?

Nein, Ratschläge nicht. Kontakt gab es zwar immer wieder mal, wenn wir uns irgendwo auf einer Veranstaltung gesehen haben, aber er hat sich da sicher keinen Rat bei mir holen müssen (lacht). Jürgen ist beim BVB ein erfolgreicher Coach gewesen. Wenn man dann eine neue Herausforderung sucht und ein Angebot vom FC Liverpool bekommt, braucht man nicht zögern. Das ist einfach ein cooler Verein. Er passt einfach perfekt dorthin. Liverpool ist das englische Pendant zu Borussia Dortmund. Emotionen, Fans, das Umfeld – da gibt es wenige vergleichbare Klubs, aber Liverpool gehört sicher dazu.

Liverpool steht derzeit gut da. Wie beurteilen Sie die Entwicklung unter Jürgen Klopp?

Die Entwicklung ist sensationell – ähnlich wie damals beim BVB. Wenn man sieht, wie andere Mannschaften Geld investieren, mit welchen Mitteln Jürgen ausgekommen ist und wen er alles gekauft hat, macht er einen absoluten Top-Job.



Wie sehen Sie die Chancen auf die Meisterschaft?


Ich wünsche es dem Klub nur allzu sehr, doch vielleicht klappt es in diesem Jahr noch nicht. Der Abstand auf Chelsea ist mit 7 Punkten schon groß. Die sind recht konstant in dieser Saison, was auch keiner vermutet hätte. Trotz alledem: Die Chancen sind immer noch da, die Saison ist noch lang und hinten raus kann in der Premier League noch viel passieren. Ich würde es Jürgen wünschen – das wäre ein Sensationserfolg. Wenn er das hinkriegt, setzen sie ihm dort ein Denkmal wie damals bei Bob Paisley (Liverpools Erfolgscoach in den 70er- und 80er-Jahren/Anm. d. Red.).

Ihre Trainer waren u.a. Otto Rehhagel, Dino Zoff und Ottmar Hitzfeld. Wer hat Sie besonders geprägt?

Das waren 3 außergewöhnlich tolle Trainer – da hatte ich wirklich Glück. Den größten Anteil an meiner Karriere hatte sicherlich Rehhagel. Damals war ich noch jung und entwicklungsfähig. Er hat mich zu dem Spieler geformt, der ich dann später war. Auch die Italien-Zeit unter Dino Zoff hat mir gut getan. Als ich dann zurück nach Deutschland kam, war ich ein fertiger Spieler.

Was waren damals die Gründe für die Rückkehr nach Deutschland und den Wechsel zum BVB?

Berti Vogts war damals Bundestrainer und wollte, dass er die Nationalspieler Wochenende für Wochenende sehen kann. Es gab auch ein Gespräch, in dem er mir sagte, dass es gut für meine Chancen als Stammspieler wäre, wenn er mich jede Woche spielen sehen kann. Als dann das Angebot von Borussia Dortmund kam, habe ich nicht lange gezögert. Ich hatte zwar noch 3 Jahre Vertrag bei Lazio, aber im Nachhinein war es der richtige Weg.

Ist ein Land, in dem Sie gespielt haben, zu einer 2. Heimat geworden?

Italien ist ein tolles Land. Neben meiner Zeit bei Lazio war ich mit meiner Familie dort außerdem auch oft im Urlaub und hatte viele schöne Monate  – ein traumhaftes Land. England war natürlich fußballerisch ein Highlight. Wenn ich mir jedoch die Lebensqualität und die Umstände anschaue, hatte ich in Italien die schönere Zeit.

Im italienischen Hauptstadt-Derby zwischen Lazio Rom und dem AS Rom hatten Sie Rudi Völler als Gegenspieler. Wenige Jahre zuvor waren Sie sein Nachfolger bei Werder Bremen. In der Nationalmannschaft standen Sie in Konkurrenz. Wie kann man sich Ihr Verhältnis vorstellen?



Rudi und ich hatten immer ein gutes Verhältnis. Rudi ist ein absoluter Top-Typ. Da gab es nie irgendwelche Animositäten, wenn mal der eine gespielt hat und der andere nicht. Auch die Derbys haben der Freundschaft keinen Abbruch getan, obwohl wir eigentlich komplette Rivalen waren – das Rom-Derby ist vergleichbar mit Schalke gegen Dortmund.

Das Olympiastadion in Rom, Westfalenstadion und Anfield – das sind alles tolle Heimspielorte. Wo würden Sie am liebsten noch einmal auflaufen?

Die Frage ist relativ einfach zu beantworten: Dortmund. Alle Stadien haben etwas für sich gehabt, aber das Westfalenstadion war grandios und einzigartig. Das gibt es in Europa kein 2. Mal.

Welche Gedanken schießen Ihnen in den Kopf, wenn Sie an das Stadion und die gelbe Wand denken?

Emotionen pur. Das fing beim Warmlaufen vor der Südtribüne an. Wenn man raus geht und die Fans deinen Namen rufen – das ist schon etwas ganz Spezielles, das findet man sonst fast nirgends. In Liverpool war es ähnlich mit dem Kop, aber lange nicht so gewaltig. Allein in der Größe unterscheiden sich die beiden Tribünen deutlich.

Hat sich die Stimmung im Laufe der Jahre geändert?

Nein, die ist immer noch einzigartig mit den ganzen Ritualen und den vielen Fahnen. Zu meiner Zeit gab es das weniger, aber die Stimmung war damals grandios und sie ist es auch heute noch.

Ihr ehemaliger Wegbegleiter Thomas "Icke" Hässler ist derzeit im Dschungelcamp. Was haben Sie gedacht als Sie davon gehört haben?

Wenn ich ehrlich bin, gucke ich das nicht. Ich weiß auch nicht, ob Icke der richtige Kandidat dafür ist – das ist eher ein ruhiger Typ. Ich hoffe er schlägt sich gut, aber ich sehe ihn lieber auf dem Fußballplatz.


Opens window for sending emailCarl Wild, Fotos: Archiv/Gettys - 20.01.2017





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