"Wer weitermacht, findet immer Wege"

Als Junge stand er auf der Südtribüne, später kickte er bei den "Blauen" und am Freitagabend werden viele Augen auf ihn gerichtet sein: Massih Wassey, der zu Saisonbeginn vom Gegner SC Wiedenbrück 2000 nach Dortmund wechselte. Vor dem Heimspiel in der "Roten Erde" gegen den SC Wiedenbrück spricht der in Deutschland geborene kanadische Nationalspieler im Interview mit "Kirsche"-Redakteur David Inderlied über den famosen Saisonstart, düstere Zeiten ein paar Kilometer weiter westlich und darüber, wie man sich beim Jubeln schwer verletzen kann.

Massih Wassey, am Dienstag war dein erster Auftritt bei den Profis, als du im Testspiel beim Drittligisten Hallescher FC eingewechselt wurdest. Wie war dein Start beim BVB?

Natürlich bin ich sehr glücklich darüber, dass mein Trainer Daniel Farke mir die Möglichkeit gegeben hat, da ein paar Minuten zu spielen. Dieser Tag und vor allem Thomas Tuchels Ansprache waren eine besondere Erfahrung. Insgesamt war es ein guter Start für mich beim BVB.

Ist mit dem Einsatz im Testspiel für dich ein Traum in Erfüllung gegangen, bist du Dortmund-Fan?

Das ist kniffelig. Ich bin da ehrlich, ich bin kein Dortmund-Fan. Ich bin aber auch kein Schalke-Fan. Ich habe richtig viel Respekt vor der Bundesliga und richtig viel Respekt vor guten Spielern mit viel Qualität. Aber wenn ich Fan von einer Mannschaft wäre, wäre ich Fan von Arsenal London. Als ich jünger war, haben die einen Fußball gespielt, zu dem ich aufgeschaut habe. Ich weiß aber auch, wie groß Borussia Dortmund ist.



Generell ist die U23 bockstark in die Regionalliga gestartet und ist nach fünf Spieltagen ungeschlagener Tabellenführer. Wird unter Daniel Farke die Rückkehr in die Dritte Liga angepeilt?

Das würde ich nicht so sagen... Ich bin froh, dass wir einen guten Start erwischt haben und neben den Punkten auch gute Leistungen gezeigt haben. Allerdings sind wir eine insgesamt sehr junge Mannschaft, die extrem viele Neuzugänge zu integrieren hat.

Siehst du deinen Einsatz nur für die zweite Mannschaft und bist froh, ein Teil von Borussia Dortmund zu sein?

Hoffnungen, dass ich oben bei den Profis mal reinschnuppere, habe ich ehrlich gesagt nicht. Ich weiß über meine Rolle Bescheid. Ich war echt überrascht bei den Gesprächen mit Herrn Farke und Herrn Preuß. Als Außenstehender denkt man immer, das sei ein riesengroßer Verein und man hat übermäßigen Respekt, der auf jeden Fall gerechtfertigt ist. Mitausschlaggebend für mein Engagement war aber das familiäre Gefühl, dass Herr Farke und Herr Preuß in den Gesprächen übermittelt haben. Das fand ich wirklich toll.

Wie kam der Kontakt zustande?

Herr Farke hat mir gesagt, dass er meinen Weg schon etwas länger verfolgt. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal sogar gegen ihn gespielt habe. Das war, glaube ich, in seinem letzten Jahr in Lippstadt. Da bin ich bei Preußen Münster gerade aus der A-Jugend gekommen. Das ging damals nicht so gut für ihn aus.

Seit wann warst du mit dem BVB in Verhandlungen?

Der erste Kontakt kam relativ schnell zustande, nachdem Herr Farke beim BVB Trainer wurde. Es könnte gut sein, dass es Ende November war, als mein Berater mich angerufen hat und gefragt hat, ob das interessant für mich wäre. Ende Februar hatten wir ein Gespräch unter sechs Augen, und dann ging es recht fix.

Der BVB war zu dem Zeitpunkt noch nicht gerettet. Wie ist es, wenn man mit seinen Toren und Vorlagen den zukünftigen Arbeitgeber in den Abstieg treiben könnte?

Ich hatte Glück im Unglück. Das erste Halbjahr 2016 lief gesundheitlich nicht besonders gut für mich. Ich hatte erst einen Faserriss Anfang März und dann lag ich im Krankenhaus wegen einer wirklich heftigen Grippe. Deshalb habe ich das Spiel verpasst (Endstand 0:0, Anm. d. Redaktion). Ich weiß nicht, ob es komisch gewesen wäre. Ich habe mich echt auf dieses Spiel gefreut, es war an einem Donnerstagabend in Wiedenbrück. Es war schon klar, dass ich nach Dortmund wechsele, aber noch nicht offiziell verkündet. Ich fand es auch gut, dass man erst gegeneinander spielt und dann, wenn beide Vereine nichts mehr mit dem Abstieg zu tun haben, den Wechsel bekanntmacht.


Du wirst in Dortmund auch mit einer ganz anderen Medienlandschaft zu tun haben. Kennst du „Gib mich die Kirsche“ und verfolgst du die BVB-Fanmagazine?

Facebook ist so groß, da kriegt man eine Menge mit. Deshalb habe ich schon etwas mitgekriegt von der „Kirsche“. Ich bin ein wenig überrascht, dass es bei der U23 der Borussia so groß ist. Ich war auf Schalke, in Wolfsburg und in Düsseldorf, habe also schon ein paar Stationen hinter mir. Aber so groß ist keine U23, ich glaube nicht mal in Deutschland. Dass sich so viele Fans für die Spiele interessieren, dass ist sehr speziell.

Wie wichtig sind dir die Medien? Liest du dir montagmorgens immer die Zeitungen durch oder nervt es, so derart unter der Lupe zu stehen?

Ich glaube aus meiner Erfahrung, dass eine U23 eher mit Samthandschuhen angefasst wird. Als ich in Mannheim oder Preußen Münster gespielt habe, ist das ganz anders gewesen. Aber man muss sich davon freimachen. Das Allerwichtigste ist, was der Trainer denkt. Das allein zählt.

Du bist schon von der Herkunft eher ein interessanter Spieler. Kannst du ein wenig Licht ins Dunkeln bringen?

Meine Mutter ist Afghanin, mein Vater ist Kanadier. Geboren bin ich aber in Münster. Meine Eltern haben hier jahrelang gelebt, sind aber vor zehn Jahren zurück nach Kanada gegangen. Dadurch habe ich auch den kanadischen Pass.

Aufgewachsen bist du in Münster, hast aber Verwandte in Bochum. Bist du dann berühmt-berüchtigt für deine Ruhrpottschnauze oder eher weltoffen aufgrund deines familiären Hintergrunds?

In Afghanistan war ich noch nie, weil es auch nicht ganz ungefährlich ist. In Kanada bin ich oft, gerade weil meine Mutter dort lebt. Ich glaube, es ist ein Mix aus Münster, Kanada und Afghanistan. Eher weltoffen als alles andere. Ich fühle mich als Deutscher, bin hier aufgewachsen und habe mein Fachabi gemacht. Habe hier meine Freunde kennengelernt und die Mentalität aufgeschnappt.

In einem Interview hast du mal gesagt, dass du in jungen Jahren von Tomas Rosicky inspiriert warst. Hast du immer noch ein Idol, zu dem du aufschaust? Schließlich bist du jetzt selbst ein Vorbild für die Jugendspieler deines Vereins.

Es war mal so. Es gibt heute so viele brutal gute Fußballer auf einem irren Niveau, die so unglaubliche Qualitäten haben, dass ich gar nicht sagen möchte, Spieler X oder Y gefallen mir am besten. Zu meiner Zeit in Münster und auf Schalke haben alle meine Spielweise mit der von Mesut Özil verglichen. Auch wenn er natürlich auf einem ganz anderen Niveau spielt, passt das auch von der Position ganz gut. Rosicky kam in einer Phase nach Dortmund, wo ich selber sehr neugierig war und geschaut habe, wie ich sein möchte und was ich verkörpern möchte. Der war jung und dynamisch und vom Fußballerischen her unglaublich.

Hast du zu der Zeit denn für die Borussia gefiebert?

Ich kann mich gut an die Zeiten von Kalle Riedle und Stephane Chapuisat erinnern. Ich war damals 10 Jahre alt und habe meine Mutter überredet, mich nach Dortmund ins Westfalenstadion zu fahren. Das habe ich ein paar Mal gemacht, aber nur beim BVB. Als Kind war ich definitiv ein Borusse. Später war ich auch einmal kurz davor, in Dortmund einen Vertrag zu unterschreiben. Damals habe ich mich aber für die falsche Seite entschieden, für die ein paar Kilometer weiter.

Wieso hast du dich gegen den BVB entschieden?

Zu dem Zeitpunkt war Mike Büskens Trainer bei den Blauen und wollte mich unbedingt haben. Das habe ich gespürt. Er war halt oben und ich dachte mir, so lang kann der Weg für mich ja nicht sein. Doch dann wurde Felix Magath Trainer und damit war das Thema über den Haufen geworfen. Aber zu dem Zeitpunkt war, aus dem Bauch heraus, Schalke die bessere Entscheidung für mich.

Welche Eigenschaften oder Fähigkeiten muss ein Fußballer haben, damit du von ihm begeistert bist? Gerade, weil du ja selbst nicht schlecht kicken kannst.

Wenn ein Spieler bodenständig und demütig ist, ist das schon alles. Das sind für mich die Grundvoraussetzungen, um erfolgreich zu sein. Es gibt auch andere Wege, ganz klar. Aber das ist das, was ich über die Jahre sein möchte.

Du hast in einem Interview gesagt, dass du vor jedem Spiel betest. Welche Rolle spielt Religion für dich? Als Moslem und Profisportler ist es schließlich nicht einfach, beides unter einen Hut zu kriegen.

Auf jeden Fall. Ich bin auch der Meinung, dass kann man nicht durchziehen, wenn man jeden Tag trainiert. Ich interpretiere es auch so, dass man unter bestimmten Voraussetzungen wie körperlicher Arbeit auch nicht fasten muss. Für mich ist es wichtig, dass man sich den Beistand holt und einmal kurz das Gespräch sucht.

Du hast dich einmal bei einem Torjubel schwerer verletzt, als du noch bei Preußen Münster gespielt hast. Müssen wir jetzt Sorge haben, dass du dich zurückhältst, damit so etwas nicht noch einmal passiert?

Das war ein Bänderriss. (lacht)  Ich bin auf jeden Fall seit dem Tag vorsichtiger geworden. Mein Jubel war auch eigentlich auch recht unspektakulär. Ich habe aber von meinem Mitspieler Massimo Ornatelli eine Grätsche von hinten bekommen. Komischerweise, keine Ahnung warm. Er ist dann mit seinem vollen Gewicht auf meinem Knöchel gelandet. Damals war mein Trainer Roger Schmidt. Er hat mir eine Woche später mal das Foto von der Szene ausgedruckt, weil ich stinksauer war: Ich mache das 1:0 im Derby, will mich freuen und er kommt dann von hinten und senst mich so um. Das Foto wurde just in dem Moment geknipst, indem er auf mir landet. Roger sagte zu mir: Massih, du kannst froh sein, dass es nur ein Bänderriss ist. Es hätte viel, viel schlimmer ausgehen können. Aber es war mein Mitspieler! Massimo hat sich anscheinend so gefreut, dass er in mich reingerätscht ist. Ich kann mich erinnern, er ist mir in die Kniekehle gesprungen und ich bin dann eingeknickt und er ist mit seinem Hintern auf meinen Knöchel gefallen.   

Dann kam eines Tages die Nominierung zur Nationalmannschaft. Wie ist es, wenn plötzlich der Nationaltrainer von Kanada anruft?

Mich hat mein damaliger Trainer auf Schalke informiert, er war in der Winterpause gekommen und erst einen Tag da. Er hat mich auf sein Büro gerufen und ich dachte, ich kriege Ärger. Er fing auch so an, als ob es Ärger geben würde. Dann hat er mir es aber mitgeteilt. Ich habe mich gefreut und gesagt, dass ich es gerne machen würde, wenn ich es darf. Es war natürlich eine Riesengeschichte, das einmal mitmachen zu dürfen.



Das Trainingslager war in Florida. Das scheint kein schlechter Ort für ein Nationalmannschaftsdebüt zu sein.

Das stimmt. Ich war sehr nervös, als ich hingeflogen bin, aber auch voller Vorfreude. Anfang Februar hatten wir dort drüber zwei Wochen Training bei 20, 25 Grad. Das sind natürlich super Bedingungen. Anschließend haben wir auf Jamaika gegen Jamaika gespielt. Das war eine super Erfahrung für mich. Auch weil ich gleich durchspielen durfte. Wir haben, glaube ich, 0:1 verloren. Aber es war eine überragende Erfahrung für mich.

Musste man dich anschließend mit Mühe wieder auf den Boden des Amateurfußballs zurückholen?

Das klappte gut. Ich war natürlich heiß nach der Erfahrung. Es war ein neuer Trainer an Bord und ich wollte es ihm beweisen, dass ich spielen muss. Das fand er aber auch nicht immer so, weshalb mit der Zeit gewisse Probleme auftraten. Ende der Saison habe ich noch ein Spiel gegen Venezuela machen dürfen, während es gleichzeitig in der Liga gegen Wormatia Worms ging. Der Verband und der Trainer hätten mich gerne dabei gehabt. Eine Woche zuvor hatte es eine Klatsche gegen Argentinien gegeben. Aber es wäre natürlich ein Riesenerlebnis gewesen, einmal gegen Messi und Co. zu spielen. Das ging aber nicht und ich habe es auch akzeptiert. Dann haben wir 7:2 gegen Worms gewonnen und ich durfte nachfliegen. Ich habe stundenlang auf Flughäfen gewartet und musste schon zwei Tage später spielen bei einer Luftfeuchtigkeit, die ich so noch nicht erlebt hatte. Das waren schon extreme Bedingungen.

Für dich ist der BVB ist der dritte Anlauf bei einem Bundesligisten, um ganz nach oben zu kommen. Hat es bis jetzt vom fußballerischen her nicht gereicht oder hattest du einfach das Pech, immer zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein?

Es sollte nicht sein. Auf Schalke kam Magath zu dem Zeitpunkt, als ich unterschrieben hatte. Bekanntlich ist es ja so, dass bei ihm der Kader der ersten Mannschaft gleich 40 Spieler im Kader hat. Davon mussten dann zehn bei uns trainieren und davon dann acht auch bei uns spielen. Dadurch wurde die Luft immer dünner. Nicht nur für mich, sondern für viele andere auch. 

Einer der prominentesten „Opfer“ ist Albert Streit. Der hat ja sogar auf deiner Position gespielt.

Genau, Albert Streit war auf meiner Position. Dann kam mit Alexander Baumjohann noch ein starker Mann dazu. Da war für mich natürlich kein Platz mehr da, ich durfte teilweise nicht mal mehr mittrainieren. Ich musste dann mit anderen Jungs zu den unteren Mannschaften gehen. So ging es zu Ende. Obwohl mein Vertrag noch lief, bin ich dann im Winter geflüchtet.

Schon beim SC Wiedenbrück bist du der Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld und gefühlt an jedem zweiten Tor beteiligt gewesen. Welche Rolle kommt dir bei den BVB-Bubis zu?

Die Frage habe ich bei den Verhandlungen auch gestellt. Eine genaue Position wollte Herr Farke mir nicht sagen, weil er sehr variabel spielen möchte. Ich fand es aber auch gut, dass er sich nicht starr festgelegt hat. Schließlich kommt es mir zugute, weil auch ich auf vielen Positionen einsetzbar bin. Ich habe in den letzten anderthalb Jahren meistens auf der „Zehn“ gespielt. Ich soll aufgrund meines Alters die Mannschaft mit führen. Die Last liegt nicht allein auf meinen Schultern, um Gottes Willen. Das haben sie mir auch gesagt. Damit kann ich mich absolut identifizieren und mache das gerne.  

Die Regionalliga ist die Schwelle zum Profitum. Verdienen die Spieler genügend Spiel, um sich voll auf den Fußball zu konzentrieren?

2007 habe ich Fachabitur gemacht, seitdem spiele ich nur Fußball. Meine Eltern leben in Kanada und haben dort ein Autohaus. Jeden Sommer, wenn ich dorthin fliege, sagen sie: „Du kannst jetzt schon kommen und jetzt schon hier arbeiten. Es gibt genug zu tun.“ Und das ist auch der Plan: Ich möchte irgendwann rübergehen und mit meiner Familie zusammen sein. Ich bin jetzt zehn Jahre alleine, seitdem ich 17 bin. Wenn es ums Finanzielle geht, glaube ich schon, dass man sich mit Fußball etwas aufbauen kann. Das war auch der Grund dafür, warum ich nicht mit dem Fußball aufgehört und arbeiten oder studieren gegangen bin. Ich habe natürlich meine Zukunft geplant und kann mir den Luxus erlauben, solange Fußball zu spielen, wie ich Lust habe und gesund bin. Spaß zu haben und davon zu leben. Ich bin kein Typ, der sein ganzes Gehalt verballert, aber nicht an morgen denkt. 

Bist du aus Münster nach Dortmund umgezogen?

Ja, ich habe mir damals zwei Wohnungen angeschaut. Die erste war nicht so gut, dafür die zweite in Brackel viel besser. Ich habe es fünf Minuten zum Training. Das ist mir wichtig: Schnell auf dem Trainingsgelände zu sein und zu kurze Wege zu haben. Für mich kam es nie in Frage, eine Stunde mit dem Auto zu fahren. Das ist nicht optimal.

Was rätst du den jungen Spielern, die aus der erstklassigen BVB-Jugend zunächst in die U23 kommen?

Jeder muss seinen Weg gehen, jeder hat seine eigenen Prioritäten, jeder ist anders. Von daher kann ich eigentlich keinen Ratschlag geben. Für mich ist wichtig, dass ich nie aufgegeben habe. Ich habe viele Rückschläge erlebt. Bei Schalke war der größte Rückschlag, weil ich die Hoffnung hatte, oben reinzurutschen, was nicht passiert ist. Ich sage immer: Wer weitermacht, findet immer Wege.

Opens window for sending emailDavid Inderlied, Fotos: David Inderlied, Sascha Rudolph - 25.08.2016





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