Bonjour Tristesse

Die Sperrung der Südtribüne war ein Schock. Nicht nur, weil sie 25.000 Menschen vom Fußball ausschloss. Sondern auch, weil sie der Ausdruck völliger Willkür war. 98 Prozent der Fans und Anhänger mussten das ausbaden, was ihnen 2 Prozent eingebrockt hatten. Es herrschte eine surreale Tristesse. „Die Kirsche“-Redakteur Ingo Berchter hat sich schon vor dem Anpfiff rund um das Westfalenstadion umgehört. Hier sein Stimmungsbericht:


„Denn sie wissen nicht, was sie tun - DFB und BVB“ - so begrüßt uns das Plakat von Hans am Eingang Südost des Westfalenstadions. Neben dem rüstigen Rentner, der seine Empörung, aber auch Hilfslosigkeit nicht verbergen kann, bezichtigt Helena sich selbst auf einem Schild, die böse Oma von der Südtribüne zu sein. Hans geht seit Gründung der Bundesliga ins Westfalenstadion, seit einem Vierteljahrhundert hat er eine Dauerkarte für die Süd. "Ich habe nie jemand etwas zuleide getan, jedenfalls nicht im Stadion" sagt Hans, "und jetzt muss ich draußen bleiben." 

Auch seine Begleiterin kann es immer noch nicht fassen: "24.000 werden für etwas bestraft, was sie nicht getan haben und auch nicht verhindern konnten" ergänzt Helena. Sie werden heute - frustriert - draußen bleiben.




Hinter dem Einlass treffen wir auf Mitarbeiter der Fanabteilung, denen die Depression ins Gesicht geschrieben steht. „Guckt Euch doch um! Es ist zwar noch früh, aber normalerweise wären die Eingangskontrollen voll. Im Moment 'geniessen' die Fans hier Individualbetreuung. Man sieht hier fast mehr Ordner und Polizisten als Fans.“

Ich spreche die nächste Fangruppe an. Wie, um die Wortes des Fanabteilungsmitarbeiters zu bestätigen, erweisen sich die vier als Mitarbeiter der Dortmunder Polizei in Zivil. Ich wünsche ihnen, heute Abend einen langweilen Dienst gehabt zu haben.  „Dafür würden wir sofort unterschreiben“ bekomme ich zur Antwort.

"Dat is nich schön, aber so is Fußball"

Schließlich treffe ich doch noch auf echte Fans. Amelie und Maik gehen seit 2007 ins Stadion, immer auf die Ost. Bei ihnen ist Tobias, ein FCB-Fan. „Die Stimmung ist echt trübselig, und wegen der komme ich doch hierher“, trauert Amelie. Maik war gegen Leipzig im Stadion und meint: „Gut, zwei oder drei Banner waren wirklich daneben, so'n Banner gegen Rangnick geht nicht. Aber wenn da steht „Scheiss-RB“ - dat is nich schön, aber so is Fußball. Das ist in Gelsenkirchen, Berlin und Hamburg nicht anders“. Und trifft damit auf Zustimmung bei Tobias, der als Bayernfan Kummer gewohnt ist.




Zurück zu Hans: „Die Banner gegen Leipzig, die waren doch in so blauen Müllsäcken, da kamen die Kollegen und drückten den Leuten die in die Hand, und sagten: Das ist die Choreo. Die haben doch gar nicht gelesen, was da draufstand. Wenn sie jetzt noch die extra bestrafen, die die Banner gehalten haben, treffen sie wieder die Falschen, und sie treffen die ganze Fankultur."Die Sperrung der Süd - ein trauriges Kapitel, das hoffentlich am Samstagabend um kurz nach 17.15 Uhr sein Ende gefunden hat und nicht ein schrecklicher Anfang wird.


Ingo Berchter - 20.02.2017







Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund