BVB-Pokalwunder… nur anders, als man denkt

Samstag: Pokalfinale in Berlin. In Jürgen Vilwocks BVB-Fankneipe drängen sich die schwarzgelben Fans, die keine Karte für´s Spiel oder Public Viewing ergattern konnten, trotzdem aber die unvergleichliche Atmosphäre innerhalb der BVB-Familie erleben und genießen wollen. Das gemeinsame Hoffen auf das „Wunder“ gegen die übermächtigen Bayern. Leider bleibt es aus.

Aubameyang hatte das Wunder das eine oder andere Mal auf dem Fuß, aber auch hier kein Einschreiten himmlischer Mächte, ebenso wie der Schiedsrichter, dessen rote Karte – Oh Wunder!- nach einer Tätlichkeit von Ribery an Castro in der Hosentasche stecken blieb. Nein, auch das ist kein wirkliches Wunder, das ist eher „Bonus“ – aus welchen Gründen auch immer.


Das eigentliche BVB-Wunder spielte sich nicht in Berlin ab, wo geschätzt 150.000 BVB-Anhänger ihren Verein unterstützt haben. Auch nicht in München, wo der dortige Fanclub von Borussia Dortmund zum Rudelgucken geladen hatte. Ebenso Fehlanzeige in Dortmund – kein Wunder auf dem Friedensplatz, am Alter Markt und auch nicht an der Reinoldikirche, obwohl auch dort tausende schwarzgelbe Herzen Stoßgebete gen Himmel schickten.

Der Außerirdische

Das tatsächliche Wunder spielte sich abseits des Geschehens in einem kleinen 600-Seelen Dorf im Landkreis Fürth in Mittelfranken ab. Hier schlagen die Fußballherzen für den Glubb (1. FC Nürnberg), die Kleeblätter (Greuther Fürth), die Bayern und… man glaubt es kaum, Schalke 04 (wohl bedingt durch die Fanfreundschaft zum Glubb). In diesem Dorf wohnt am Waldrand am Ende einer Sackgasse ein gebürtiger Dortmunder mit seiner fränkischen Frau. An Spieltagen sitzt dieser Dortmunder mit dem Notebook auf seinem Balkon, erschreckt sein Umfeld durch das Tragen von BVB-Trikots, schaut sich die BVB-Spiele an und chattet parallel mit seinen Freunden in der Facebookgruppe „BVB 1000.000“. Er krakeelt, jammert, jubelt, schickt Stoßgebete an den Herrgott, verflucht Schiedsrichter und trötet bei BVB-Toren mit einem alten britischen Posthorn seine Glückseligkeit in die fränkische Landschaft. In einem Umkreis von etwa 35 Kilometern ist bis auf den Wagen des Postboten nichts weiter schwarzgelb. Missionierungsgebiet.

Und nun das: Pokalfinale gegen die Bayern, dubiose Schiedsrichterentscheidungen, Niederlage im Elfmeterschießen. Frust. Tiefer inniger Frust über die Ungerechtigkeit des Lebens. Unmut über den lieben Gott, der trotz aller Gebete anscheinend immer nur „das Böse“ gewinnen lässt. Ins Bett gehen fällt schwer, Trauern ist angesagt. Mit Zirndorfer Landbier aus dem „Emma“-Stadionbecher. Mit leiser BVB-Musik aus den PC-Lautsprechern. Und immer wieder hadern mit dem Schicksal. So wird es am Waldrand tiefdunkel… es ist mittlerweile schon Sonntag, 2 Uhr früh. Tiefe Stille hat sich über das mittelfränkische Dorf gelegt…


Nächtlicher Besuch


Plötzlich Aktivität auf der Terrasse ein Stockwerk tiefer… die dortige Holzbank wird zurechtgerückt. „Entschuldigung, was machen Sie da auf unserem Grundstück?“ „Alles Scheiße, Dreckbayern, lass mich schlafen!“ tönt es mit schwerer Zunge zurück. Während der Exil-Dortmunder noch ein „So geht das aber nicht, Sie können da nicht schlafen! Verlassen Sie das Grundstück“ hinunterruft, reagiert seine Frau realistischer… und menschlicher: „Möchten Sie etwas trinken? Ein Mineralwasser?“ „Oh Ja, Mineralwasser! Vielen, vielen Dank!“ lallt es von unten und die Göttergattin eilt von dannen, um nicht nur eine Flasche Mineralwasser, sondern auch eine Decke zu holen. Völlig überfordert von der Pokalniederlage, den Schiedsrichterentscheidungen, dem Bier im Emma-Becher und dem unerwarteten „Besuch“ wird jetzt erst einmal die Terrasse ausgeleuchtet… sie leuchtet zurück in Form eines schwarzgelben BVB-Trikots aus der Saison 2014/15 und es brabbelt: „Scheisse, verloren!




Mir ist schlecht. Alles kaputt. Aua.“ „Hey, Du bist ja auch Borusse!“ „Was denn sonst?“ Warte, ich komme runter!“ Bartek heißt er, stammt aus Polen und lebt sonst mit seiner ganzen Familie in Bochum. Er sieht jung aus, vielleicht Mitte, Ende zwanzig. Zum Arbeiten ist er für eine gewisse Zeit in Cadolzburg und wollte eigentlich zu Fuß auch dorthin laufen… ca. 15 Kilometer von dem Haus am Waldrand entfernt. Mit dem Mineralwasser finden auch die Lebensgeister zu Bartek zurück und er lässt sich ausgiebig trösten. Seit 1999 sei er Fan, sagt er und wie furchtbar doch die Niederlage sei.  Er weint. Der Exildortmunder erzählt ihm vom Abstieg und Aufstieg in den siebziger Jahren, von den Fastpleiten, den Abstiegskämpfen und dem Pokalsieg 1989… und dass Niederlagen den BVB immer stärker werden lassen.

Mittlerweile, es ist 3 Uhr früh, ist das Taxi bestellt, Bartek hat gerade noch zehn Euro. Der Taxifahrer ist ein Pfundstyp, lässt mit sich handeln, der fehlende Rest wird von der Ehefrau draufgelegt. Es folgen gestammelte Danke und eine innige Umarmung. Statt „Tschüss“ hört man ein „Heja BVB! Komm gut heim!“ Das Taxi verschwindet auf einer einsamen fränkischen Landstraße in der Dunkelheit… Richtung Cadolzburg.

Niemandsland

Während diese Zeilen geschrieben werden, wird Bartek wohl noch seinen Kater auskurieren und sich womöglich wundern, wie er nach Hause gekommen ist. Ich hingegen frage mich, wie es ihm gelungen ist, angetrunken und hilflos im schwarzgelben Niemandsland in einer Sackgasse am Waldrand das einzige Haus zu finden, in dem Borussia Dortmund wohnt. Hat die BVB-Familie einen solchen Stallgeruch? Hatte der liebe Gott seine Finger im Spiel? Hatte Bartek einen Schutzengel?

Ich weiß es nicht. Ich durfte jedenfalls, fernab von Berlin, München und Dortmund, im schwarzgelben Niemandsland, ein Pokalwunder erleben. Mein und Barteks ganz eigenes Pokalwunder. Eine Geschichte, wie sie nur beim BVB passieren kann in solchen Nächten. Und ich bin stolz auf meine Frau.


Opens window for sending emailErnst Andersch, 24.5. 2016


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund