"I've met the Tartan Army" - Zu Gast in der eigenen Stadt

Über acht Jahre ist es her, dass Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ausrichtete und mit dem Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ warb. Nun fand wieder einmal ein Länderspiel in Dortmund statt und nach dem Besuch der Tartan Army aus Schottland kann das abgelaufene Wochenende mit „Freunde zu Gast in Dortmund“ tituliert werden. Bereits am Freitag und Samstag machten sich die schottischen Fans in der Dortmunder Innenstadt breit und machten ihrem Ruf als trinkfreudige, aber stets freundliche und friedliche Fans alle Ehre. Die blauen Trikots (glücklicherweise nicht königsblau) und die Fahnen mit dem schottischen Andreaskreuz prägten das Stadtbild. Wer bereits am Freitag oder Samstag die „Vorhut“ der schottischen Fanmassen in der Stadt gesehen hatte, den konnte wohl auch das Epizentrum der schottischen Feierwut vor dem Spiel am Sonntag nicht mehr überraschen. Vom Bahnhof bis zum alten Markt war jeder noch so kleine Kiosk und jede Dönerbude mit Bierausschank bevölkert von schottischen Fans. Die Dortmunder Polizei schätzte die Zahl schottischer Fans auf dem alten Markt auf rund 2000, in der gesamten Innenstadt dürfte die Zahl mehr als doppelt so hoch gelegen haben. Die einzigen Probleme, die diese machten, waren wohl welche für die Gastwirte: Nicht selten konnte man Mitarbeiter von anliegenden Kneipen dabei beobachten, wie hastig neue Bierfässer auf Sackkarren über den vollen Markt manövriert wurden. Auch wenn sich - verhältnismäßig gesehen - nur wenige erkennbare Deutschlandfans unter die schottischen Gäste mischten, so werden die, die es getan haben, wohl durchweg von einem tollen Nachmittag in Freundschaft berichten. Offen und herzlich wurde man direkt angesprochen, auf ein Bier eingeladen oder umarmt, so dass man sich irgendwie als Gast in der eigenen Stadt fühlte. Seit Jahren bestehen natürlich auch schon viele Freundschaften, wie für viele BVB-Fans zu den Edinburgh Borussen, so dass das Länderspiel eine willkommenne Gelegenheit zum Wiedersehen war. Während der Kilt als eines der Nationalsymbole Schottlands fest mit seinem Besitzer verankert ist (und meist nur zu großen Festen getragen wird), waren alle anderen Kleidungsstücke schnell austauschbar. So tauschte manch schottischer Fan gerne sein Trikot oder seinen Schal gegen ein deutsches Pendant.

Auch sonst zeigten sich die Schotten humorvoll und kreativ: Mit Waschpulver wurde aus dem Brunnen auf dem alten Markt ein Schaumparadies, zugleich warfen andere Fans Wollknäule über das Vordach eines Geschäftes, um so einen Seilzug aufzubauen und die eigene Fahne zu hissen. Für den Weg nach Dortmund gingen einige Fans auch ein Risiko ein. Viele buchten ihre Flüge, als der Spieltermin, aber nicht der Austragungsort fest stand. So freute sich ein Fan, dass er mit seinem günstigen Flug nach Dortmund ins Schwarze getroffen hatte und zeigte lachend auf seine beiden Freunde, die weniger Glück hatten und auf Berlin bzw. München gesetzt hatten Ein Thema war dann neben dem Spiel omnipräsent: Die Abstimmung über die schottische Unabhängigkeit, die am 18. September stattfinden wird. Sehen die Umfragen das „Yes“ und das „No“-Lager knapp beieinander, ist die Stimmung bei der Tartan Army mehr als eindeutig: Es gibt keine andere Antwort als „Yes“. So war das Wort „Yes“ auf fast jedem Trikot als Aufkleber oder Button, auf Fahnen und auf Schildern zu finden. Ein „No“ konnte ich den ganzen Nachmittag über nicht entdecken. Auch deutsche Fans ließen sich von dem Fieber der möglichen Unabhängigkeit anstecken, ohne natürlich wahlberechtigt zu sein. Um sich hier eine fundierte Meinung zu bilden, hätte aber ein bierseliger Nachmittag auf dem Alten Markt ohnehin nicht ausgereicht.

Neben aller Trinkfreudigkeit und politischem Patriotismus zeigt sich die Tartan Army stets auch von ihrer caritativen Seite: In jedem Land, das bereist wird, geht eine Spende an eine soziale Einrichtung aus der Umgebung. Beim Trip nach Dortmund profitierte so der Kinderlachen e.V. von den freundlichen Gästen. Mit der Anreise zum Spiel endete ein Wochenende, an dem man ein gerngesehener Gast in der eigenen Stadt war. Ein bisschen Wehmut kam dabei schon auf, denn mit dem Verlassen der Innenstadt endete eine Veranstaltung, die zeigte, was Fußball ausmacht: Völkerverständigung und friedliches Beieinander, das auch mit Alkoholgenuss nicht ausartet.

Schade, dass der DFB diese Art des ursprünglichen Fußballs im Stadion nicht sehen will.


Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailJulian Bräker, 08.09. 2014; Fotos: Gerrit Gräber


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund