Krisen können auch stärken, wenn man sie überlebt

London ist ein Fußball-Mekka. 13 Proficlubs gibt es an der Themse – und unzählige Fußball-Fan-Clubs. Einer davon macht seit einigen Jahren von sich reden: Der „Borussia Dortmund Fanclub London“, der größte schwarzgelbe Fan-Club auf der Insel. KIRSCHE-Redakteur Michael Friederici hat mit ihrem Gründer Benjamin McFadyean gesprochen. Es begann mit einem satten Minus von 2000 englischen Pfund beim CupFinal in Wembley. Benjamin, genannt Ben, Engländer, Jahrgang 1969, in Dortmund aufgewachsen, wollte die Schwarzgelben in London feiern - und natürlich mit ihnen. Drei satte Tage sollte das Fußballfest von Fans für Fans laufen, mit »Pommes Schwarz-Gelb«, mit Frank Mill und Murdo MacLeod, kurzum eine Art "Geierabend" für unsereinen, mitten in London. Alles war gerichtet, die Rückmeldungen überwältigend. Und während die lokale Politik schon signalisiert hatte, sich mit mit 79.000 € Vorschuss beteiligen zu wollen und auch der lokale Einzelhandelsverband dabei sein wollte, da sagte die Polizei auf einmal – NEIN! In allernächster Nähe richtete die UEFA ein ähnliche Veranstaltung aus, eines dieser falschen Feste, bei denen Fußball drauf steht, damit man die echten Fußball-Fans raushält, um die Erfolgs-Fans besser "melken" zu können, „bei Mastercard, McDonalds und saftigen Eintrittspreisen“ (Benjamin McFadyean) statt mit Pilsken, Würstken und Musicke.



Da  liegt die Vermutung nahe, dass auch in diesem Fall die europäische Fußballvereinigung der Fußball-Fan-Kultur die Rote Karte zeigen ließ, weil es ihr halt um höhere Werte geht, maximale Wertschöpfung z.B. Und die unorganisierte Balltreterei lässt sich halt nicht so profitabel und sauber "rechnen". Dafür haben wir Fans doch Verständnis. - Marktbereinigung nennt man das in Fachkreisen. Virtuell und ganz real Bevor ich mich aber wieder aufrege: Die auf höheren Wink hin abgesagte Party in Schwarz und Gelb hatte ja auch etwas Gutes. Denn seitdem, seit 2013 ist die Gemeinschaft "Borussia Dortmund Fanclub London" noch enger zusammengerückt. Sie sollen, heißt es, in dieser kurzen Zeit zum größten BVB-Fan-Club auf der Insel gewachsen sein.   Die meisten der über 100 "Supporter" sind Engländer, der Rest von ihnen stammt aus allen Teilen der Welt. Denn  die  Borussen aus London bieten all denen in der 8,5 Millionen-Weltstadt eine Heimat,  die schwarzgelben, also richtig guten Fußball - und vor allem "Echte Liebe" suchen, in real life und virtuell.  Im Netz, bei "facebook" startete Ben, der mit bürgerlichem Namen McFadyean heißt und Events managen gelernt hat, eine Page „Borussia Dortmund Fanclub London“, auf der es schon nach kurzer Zeit jede Menge "Verkehr" gab; im wirklichen Leben trifft man sich stilecht in einem traditionsreichen, rd. 120 Jahre alten Pub, den ein Ehepaar aus Köln mit 18 Sorten Bier führt.


Der Pub "Zeitgeist" des 43-Jährigen gebürtigen Kölners Jürgen Männels ist erste Anlaufstelle in London. 
Dortmunder gibt es nach meinen Recherchen im "Zeitgeist" (49-51 Black Prince Road, London SE11 6AB, Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.http://zeitgeist-london.com) noch nicht... - und die Speisenkarte ist schwer Schnitzel und fatalerweise "bajuwarisch" fokussiert. Vielleicht wäre es ja an der Zeit, mal Salzkuchen und Pfefferpotthast einzuführen. Jedenfalls in dieser Bar, in der Chaplins Vater Klavier gespielt haben soll, versammeln sich vor allem die deutschen Auswanderer, um auf zwei großen Bildschirmen die Spiele der Dortmunder und der Bundesliga anzusehen.  
Das schwarzgelbe Leben begann auf dem Gottesacker Aber zurück zu den Anfängen des „Borussia Dortmund Fanclub London“: Ben hat sich klassischerweise in Dortmund mit dem schwarzgelben Fieber infiziert, in den Kasernen der Rheinarmee. "Mein ehemaliger Stiefvater kommt aus Dortmund", sagt er und dass er auf die englische Schule gegangen ist (die zuletzt Cornwall School hieß und in der heutigen Europaschule „Am Gottesacker“ in Wambel aufging). Gepöhlt hat er, "als Verteidiger", sogar verlobt hat er sich damals, in den 80'ern. In Dortmund. Wie lange das gehalten hat, das hat er mir am Telefon nicht erzählt, auf jeden Fall nicht so lang wie die immer noch heftigen Gefühle zum BVB.

Die müssen schon latent angelegt gewesen sein. Das Fieber muß dann in der Pubertät ausgebrochen sein, als 12jähriger, bei einem ersten Besuch im (Westfalen-)Stadion. "Ich kann sie Dir noch alle nennen, die Jungs von damals“. Zum Beleg begann er aufzuzählen: Eike Immel, den im Dschungel abgestürzten Towartengel, Lothar Huber, den Bananenflanker, Ingo der blonde Engel Anderbrügge, "Katsche" Kutowski, der Zauberer Raducanu mit dem einzigen Kopfballtor seiner Karriere, "Kobra" Wegman - und einem gewissen Michael Zorc, an den heute niemand mehr erinnert, obwohl er im zweiten Relegationsspiel in der 54. Minute den wichtigen Elfer versenkte. Jedenfalls war 1986 eines der vielen BVB-Schicksalsjahre. 3x Relegation gegen - wirklich wahr - Fortuna Köln... verdammte Scheiße, erinnert Ihr Euch? In den 80ern war alles noch „offen“, sagt Ben, der Fan Ben, der Fan, der dann, 1989, 19-jährig nach England ging, um in Oxford Germanistik zu studieren, erzählt, dass der BVB  „damals wirklich sehr offen und zugänglich war. Sogar auf der Jahreshauptversammlung hieß man uns herzlich willkommen." Dumm-Denglish und böse Worte wie Kommerz oder Merchandising kannte ja nur Robert Schwan - und vor allem "kam man noch problemlos an Tickets, damals." Aber selbst in unseren Tagen“, sagt Ben, "ist die Bundesliga insgesamt noch sehr viel  Fan-freundlicher, als etwa unsere Premier-League."  (vergl. Dazu auch das Interview mit Matthew Bazell Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.gibmich-diekirsche.de/berichtsanzeige/?pid=14&uid=1709  und Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.gibmich-diekirsche.de/berichtsanzeige/?pid=34&uid=1710  und hoffentlich bleibt das auch so.



Schließlich fliegen mittlerweile immer mehr englische Fußballfans auf den Kontinent, um Fußballfeste zu bezahlbaren Preisen miterleben zu können. Und wenn man jetzt erlebt hat, was für feuchte Augen die Totengräber der deutschen Fußballkultur, Chefvermarkter geheißen, beim Milliardenabschluss der Premiere-League mit den TV-Anstalten bekommen haben, da wird unsereinem Angst und bange… Aber Ben ist da optimistisch – wenigstens er: „In Deutschland werden sie schon einen Mittelweg finden, zwischen Geschichtsbewußtsein und ‚gut verdienen‘. Im Gegensatz zu England.“ Kümmert sich der BVB nicht genug um „die da draußen“? Von Nobby Dickel hat Ben noch ein Trikot. Dem hört er heute beim Fan-Radio zu – wenn er nicht im „Zeitgeist“ sitzt. Und natürlich fliegen die Londoner Borussen Fans auch gern mal  in den Tempel, „wenn wir mal Karten kriegen“.  Aber genau da liegt auch schon die Crux. Denn einerseits strebt der BVB derzeit die nächste Globalisierungsstufe an und vergisst bei allem Verständnis für Soll und Haben nicht diejenigen, die „Echte Liebe“ leben, die Fans. „Wir sind zwar als offizieller Fan-Club gelistet, aber wir haben das Gefühl, dass sich der BVB nicht wirklich für die ausländischen Fanclubs engagiert“, sagt Ben McFadyean. Und das wäre nun wahrlich kein Ruhmesblatt und erst recht kein gutes Zeichen! Schließlich gehören sie auch „zum 12. Mann“, der einen ganz besonderen Anteil am „Gesamtpaket Borussia Dortmund“ (Aki Watzke) hat: „Denn gerade den aktuellen BVB zeichnet doch vor allem  aus, dass er nicht mit Geld um sich schmeißt, um ‚internationale Namen‘ zu holen, die überall auftreten. Der BVB braucht und will Typen, die zu dieser Stadt, in diese Region passen, die den Fußball- Verein mögen, die Art Fußball zu spielen – und diese unnachahmliche Stadion-Atmosphäre, Stars mit Charakter, wenn man so will.“ Das, sagt Ben aus London, macht das Besondere an Borussia Dortmund aus – und das große Gefühl, dass es beim Fußball zumindest für 90 Minuten keine geographischen oder sozialen Grenzen mehr zu geben scheint. London Calling - Dortmund Wie auch immer. Die erste schlechte Erfahrung beim Feiern mit Borussia ging vor zwei Jahren glimpflich aus. Bratwürste, Bier und Zelte waren schon bestellt. Ein sattes Minus von 2000 Pfund war zu berappen, der Anwalt des „Borussia Dortmund Fanclub London“ hatte empfohlen, die Uefa zu verklagen. „Aber dafür fehlte uns das Geld.“ Um nicht auf den Miesen sitzen zu bleiben verkauften sie T.Shirts mit dem »The Clash – London Calling«-Motiv – umgemünzt auf den BVB. „Ein Bekannter meiner Schwester hat bei »The Clash« gespielt, das passte.“  Und ein Fest gab es trotz der blöden Niederlage auch. 600 BVB-Fans und Fußball-Begeisterte kamen in einen eigens gemieteten Londoner Club. „Am Ende war es doch eine unglaubliche Feier und ein unglaublicher Tag – abgesehen vom Endergebnis. Doch letzten Endes bleibt auch sehr viel Ärger. Fußballfans müssen langsam mal ein Zeichen setzen. Wir müssen zeigen, dass der Fußball uns gehört. Nicht der Uefa, McDonalds oder Mastercard“, sagte McFadyean den investigativen Kollegen von 11Freunde. -  Krisen können eben auch stärken, wenn man sie überlebt. Gerade jetzt!               

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailMichael Friederici, Bilder: Fanclub London - 15.02.2015



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