Schwarz und Gelb in Schottisch Blau

Früher, als alles besser war und ich noch ins Stadion Rote Erde pilgerte, damals also, da taten britische Soldaten Dienst in den Kasernen an der B1. Dort lag der erste Flughafen unserer Stadt; dort zogen, nach dem 2. Weltkrieg, britische Truppen ein. Falls das noch jemand erinnert: Dortmund gehörte zur Britischen Besatzungszone. Sogar die Queen war mal zu Gast. 1995 verabschiedete sich die Britische Armee. Heute kann man auf dem Gelände wohnen, Golfspielen – oder dem BVB auf dem neuen Trainingsgelände zusehen. Kurzum: Groß-Britannien war in den vergangenen 50 Jahren in Dortmund immer präsent. Und der britische Enthusiasmus für den Fußball ist  dem Dortmund-Roar ja nicht zufällig ziemlich ähnlich. - George Docherty ist  Schotte, lebt in Edinburgh – und gehört zu den Edinburgh-Borussen. Genau betrachtet liegen deren Wurzeln auch in den Kasernen. Seine nicht, aber er kann gut buchstabieren, sagt er. Deshalb ist er zuständig für die Kommunikation in diesem ganz besonderen Club, dessen Geschichte er hier erzählt. Ich habe sie aufgeschrieben. Das wird ihn mindestens drei Bier kosten. Aber das weiß er noch nicht.

Echte Liebe: Die Edinburgh-Borussen

Das Brauhaus liegt mitten in Edinburghs Old Town. Es ist ein Must, ein Paradies für Biertrinker – und Fußball-Afficionados. An diesem freundlichen Ort gibt es hunderte Sorten von Bier – und ständig läuft irgendein Fußball-Spiel auf irgendeinem Schirm. Bis vor einigen Wochen jedenfalls. Mittlerweile kriegen die Biertrinker dieses ätzende Zeugs namens „easy listening“ zu hören. Aber es gibt noch immer genug auf die Ohren: Höchst sympathische FC St. Paulianer halten dort u.a. Hof, vor allem aber Andy, Kenny, Graham, Mark und George - und all die anderen, allesamt heavy „Heavy Metal Fans“, also BVB-„Supporter“ - die Edinburgh Borussen. Spätestens seit Tonkünstler Klopps Nachhilfe im Fach Musik & Fußball ist ja bekannt, dass Schöngeist Wenger keine plumpen Gunners, sondern ein feinziseliertes Orchester dirigiert, während der peppige Jürgen eine Heavy Metal Jungschar die Neue Deutsche Welle zelebrieren lässt, Formel1-Kombinations-Fußball vom Feinsten. Aber, und darauf legen die Edinburgh Borussen Wert: “Wir sind nicht erst bei ICE-Zugführer Klopp aufgesprungen, wir ticken schon seit Jahren schwarzgelb.“ Und das ganz ohne 1. Mann: „Wir sind alle Dortmunder Jungs. Wir brauchen keinen Führer!“ – Schöner kann man das nicht sagen!

2008 eröffnete das Brauhaus; 2009 gründeten sich in dieser Bier-Oase die schottischen Borussen. Genau dort. Wo denn sonst! Endlich hatten sie ihren Ort gefunden. Nicht dass der Eindruck entsteht, hier fände sich die old fashioned Kaltgetränk-und Kick-Schickeria zusammen, um auf die guten alten Zeiten anzustoßen: Der Club fand sich, wie das heutzutage so ist, über Facebook zusammen. Isoliert vereinsamten sie vor sich hin und träumten von der „Wand“, bis sich beim „König“ persönlich die Idee für die Edinburgh Borussen formte: “Andy King, ein richtiger Dortmunder Jung, in Dortmund geboren und aufgewachsen“. Sein Vater war Mitglied der in Dortmund stationierten britischen Armee. Und weil dieser Mann einen guten Geschmack hatte, heiratete er eine Dortmunderin. Dass Sohn Andy auch auf der Insel weiter einer der besten Fans der Welt blieb, das versteht sich fast von selbst. 2009 meldete sich ein Freund vom BVB, um ihm von einem zweiten Fan zu erzählen, Jeorge Kleine, einem Schotten aus Glasgow, der Arbeiterstadt.



Nicht nur weil dort auch malocht wird liegt Glasgow ja besonders nah an unserer Andachtsstätte: Nirgends sind die Fußball-Fans fanatischer, die Betrunkenen betrunkener und die Arbeitslosen verzweifelter als hier. Und zu Celtic gibt es ja seit Jahrzehnten eine Freundschaft. Kevin Großkreutz besuchte  2012 mit seinen Jungs aus der Wand das Derby zwischen den Rangers und Celtic. Im Celtic-Pub erkannten sie „Kevin überall zu Haus“ und ließen ihn hochleben. Gänsehaut. – Jedenfalls: Jeorge  wiederum kannte einen Typen aus Tranent bei Edinburgh, Kenny (Lockhart), schon seit Jahren schwerstens schwarzgelb-krank. Der hatte 2003 zum BVB gefunden, damals, im September, in Dortmund. Schottland verlor bei der EM-Quali im Westfalenstadion 1:2. Ross hatte in der 46. Minute Paul Lambert abgelöst, den Held aus Schottland, der mit der  Borussia Championsleague und Weltpokal geholt hatte. Dafür flog Ross dann schon in der 66. Minute mit Gelbrot vom Platz. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb war Kenny angefixt: von der Stadt, vom Stadion, vor allem aber von den Leuten. Er versprach zurückzukommen, nicht in schottischem Blau (er weiß sehr genau, welche Blaupigmentierung in Dortmund „geht“), sondern in Schwarzgelb. Das war nicht nur so ein Thekenschnack! Kenny hat nämlich einen Job, der es ihm erlaubt mindestens einmal im Monat nach Deutschland zu fahren. Deshalb kann er mehrmals im Jahr „unseren Tempel“ besuchen. – „Verdammt“, meint George, „warum hat unsereiner nicht einen solchen Beruf?! – Und wo er recht hat…
Andy setzte sich also mit Kenny in Verbindung. Die beiden trafen sich im Brauhaus. Klar. Die beiden hatten sich offenbar viel zu erzählen. Und dann irgendwann, es muß nach etwa einem Bier gewesen sein, da traute sich Kenny einen Plan vorzuschlagen. Warum, verdammt, sollten sie beide denn nicht zusammen  die Mutter aller deutschen Derbys besuchen? BVB gegen Herne-West. Die knallharten Jungs von der Insel nennen diesen, nun ja, Verein nur, also, natürlich nur spaßeshalber, Stuhlgang 04; ihre Ausdrücke, die ich hier nicht wirklich wiedergebe, sind sogar noch etwas härter; aber so sind sie eben, die Jungs von der Insel Die Quittung kriegten sie trotzdem: „Es siegten die Falschen. Aber darüber wollen wir jetzt kein Wort verlieren.“ Viel wichtiger ist: Die beiden entschlossen sich die Edinburgh Borussen zu gründen – und das machten sie auch auf Facebook publik. 2009 war das, im Oktober. Und seitdem sind sie weltweit mit einer steigenden Zahl derjenigen in Kontakt, mit denen sie ihr feines Sensorium für die erlesene Lebensart teilen. Das heißt, sie kommunizieren mit BVB-Fan-Clubs in England, Irland, Ungarn, Mexiko und natürlich auch in Deutschland. Tendenz – Ausweitung.


George (Docherty) ist auch über diese social community zum Club gestoßen. Seit 1992 vom Virus befallen erinnert er den Zeitpunkt seiner Infektion noch immer ganz genau: “Ich habe unsere Jungs von Celtic  nach Dortmund begleitet, zum UEFA-Cup Spiel. 1987 war ich schon dabei.. Aber diesmal… Also wie wir da empfangen wurden, damals..  Den Fantreff vor dem Spiel werde ich nie vergessen. Danach war ich BVB Fan.“  Über die Edinburgh-Borussen stolperte er im November 2010. „Ich war ja richtig beglückt, weil ich ja offenbar nicht der einzige Verrückte in der Stadt war.“ – Von da an lief er auch im Brauhaus auf, um sich endlich nicht mehr allein von unseren Jungs verzaubern zu lassen. - Mark (Pickup) landete im vergangenen Jahr auf demselben Weg beim Club: Nachdem er die Edinburgh Borussen auf Facebook entdeckt hatte, wollte er so schnell wie möglich ins real life und kam gar nicht schnell genug ins Brauhaus.

Schuldig an seinem Fieber aber ist sein Vater. Der hatte nämlich in den 90ern eine Satellitenschüssel installiert, die auch deutsche Programme einfing. „Sie sahen sich eine ganze Menge Bundesliga an“, sagt George, der dann fast nebenbei eine weitere eherne Wahrheit formuliert, „da war es nur natürlich, dass er den BVB zu seinem Team wählte.“ - Und dann gehört noch Graham (Scott) zum harten Kern der Edinburg Borussen. Ursprünglich kommt er aus Newcastle. Graham infizierte sich, wirklich wahr, bei einem Schüleraustausch. Ob sich dann sein Gegenbesuch aus Deutschland später für Newcastle entschied, das ist bislang nicht bekannt. – Wie auch immer: Das sind sie, die glorreichen fünf, die sich in Edinburgh trauen, den BVB zu feiern. Was einerseits ihr Stilgefühl belegt, andererseits aber auch ihre unglaubliche charakterliche Stärke. Denn die 483.000 Einwohner große Metropole ist zufällig Partnerstadt von - München! Und da die Briten bekannt faire Sportler sind, erinnert sich George ganz ohne Häme besonders an eine Begebenheit bei seinen vielen Besuchen in Deutschland, die er auf sich nimmt,„um unsere geliebte Borussia anzufeuern.“ Unvergesslich, sagt er  „bleibt das Pokal-Finale 2012. Bayern 5:2 geschlagen“, eine wunderbare Erinnerung – vor allem an die Zukunft. Glasgow dagegen, nur rund 80km von Edinburgh entfernt, liegt dem BVB  bekanntlich sehr viel näher,  und ist offiziell „nur“ mit Nürnberg verbandelt. Sari Tänzer beispielsweise kommt von dort. Sie „schlägt“ regelmäßig bei den Jungs im Brauhaus auf. Sie kam um zu studieren und blieb dann in Glasgow „hängen“. Heute gehört sie zu den  „engagiertesten BVB-Fans in unserem Kreis.“ Eine weitere ehrenvolle Erwähnung, so George Doberty, „verdienen an dieser Stelle Jeorge Kleine, Kevin Wynne, John Ruddick, Michael Dixon, Stephen Young, Brian Keeley und seine Frau, Bibo und Jan Paterekn“. Überhaupt: „Zu einer der schönsten Seiten unseres Clubs zählt,  dass wir viele BVB-Fans treffen, die Edinburgh besuchen; die studieren, Urlaub machen. Wir haben eine Menge neuer Freunde auf diesem Weg gewonnen. Sebastian und Laura Soligan zum Beispiel, die 2012/2013 hier studierten. Wenn wir aus beruflichen Gründen nicht gucken konnten, dann hielten die beiden im Brauhaus das Feuer in Gang. Wir sind richtig dicke Freunde geworden, wie etwa auch mit  Simon Ro and Heike Mayer, die 2011 in Edinburgh zu Gast waren.“ Gleichwie: Mit dem Treffen zwischen Andy (Bild rechts) und Kenny fing in Edinburgh alles an. Seitdem hat sich im Brauhauseine große Familie von echten Dortmunder Jungs gebildet – natürlich auch weiblichen.“  Und die Familie wächst. „Es gibt eine Menge Fans, die in der Bar zu uns stoßen – oder sich unseren Reisen nach Deutschland anschließen.“. Und dann wurde George noch einmal ganz persönlich:„Falls euch euer Weg einmal am Brauhaus in Edinburgh vorbeiführen sollte: Wir würden uns freuen, wenn ihr vorbeikämt, - um unser Bier zu zahlen. All the best, George Docherty.“ Johnny, der neue Barchef im "Brau" freut sich über seine Borussen. Und das Interesse ist groß. Die „Borussen Sailors“ aus Hamburg haben ihren Besuch angekündigt und ihrerseits zu einem Turnier in die Hansestadt am 18. Januar 2014 eingeladen.

833 „Likes“ hat die Facebook-Seite der schottischen Borussen mittlerweile. „Einigermaßen beeindruckend nach nur vier Jahren“, meint der Kommunikationsexperte. - Lieber George, es sind jetzt 834! – Und das Bier zahlt ihr! PS:  George schrieb dieser Tage noch einen wichtigen Anhang. Weil Freunde ja das letzte Wort haben (sollen) steht es auch an dieser Stelle: “Ich wusste, dass ich einige vergessen habe: Brian Laird, George Gourlay und Billy McLelland müssen noch genannt werden. Ex-Kirsche - Redakteur Christoph Schwichtenhovel auch, unser Lieblingsdeutscher. Er wird schon wissen warum. Andreas, Jorg und Kilian. Schließlich und endlich und diesmal meine ich es wirklich ernst: All die Jungs aus dem ‚Anno 1900’ (im Brüderweg/Die Red.): Das Leben wäre ohne euch Verrückte nicht mehr dasselbe.. Craig Doogs McAulliffe, noch ein Schotte aus Dortmund und Uwe Liefert, Andy's Schulfreund. Ich bin nicht sicher, ob es jetzt wirklich alle sind, die genannt werden müssen, iIch werde ja auch nicht jünger. Aber, Leute, wir sehen uns, in Dortmund, in der Wand! HEJA BVB!!! Euer George.“ Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailMichael Friederici, 14.11.2013



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