Die ganz besondere Begegnung (10): Beim BVB löste er Doll ab, bei mir Hitzfeld

Meine Erwartungshaltung an Jürgen Klopp war nach der Tristesse der Doll-Zeit nicht besonders hoch. Komischerweise hat mich seine Verpflichtung damals gar nicht weiter berührt, was man umgekehrt von seinem Weggang keineswegs sagen kann.  Als ich hörte, dass er unser Trainer wird, war mein erster Gedanke: "Das passt offensichtlich zu gut – die Sache muss einen Haken haben." Dass sie vielleicht doch keinen hat, davon haben mich als erste zwei Männer überzeugt, die ihm sehr nahe stehen: Zeljko Buvac und Peter Krawietz, seine Partner im Trainerteam. Das lag daran, dass Jürgen Klopp zu Beginn seiner Amtszeit gefühlte dreihundert Interviews in nahezu allen Medien der Republik gegeben hatte. Weil wir für die Kirsche nicht das 301. führen wollten, baten wir im Oktober 2008 die beiden Männer im Schatten des Kult-Trainers zum Gespräch. Bei diesem Gespräch wurde zweierlei sehr deutlich: Zum einen, was für eine eingeschworene Gemeinschaft dieses Dreigestirn ist. Zum anderen, was für ausnehmend nette Leute diese beiden Fußballverrückten doch sind. Offen, unverkrampft, ernst in der Sache, sich selbst aber nicht zu wichtig nehmend.   Als wir einige Monate später dann doch Interview Nr. 301 mit Jürgen Klopp führten, bestätigte sich das Bild, das ich von den anderen beiden kannte, auf eindrucksvolle Art und Weise. Auch Jürgen ist offen und komplett  unverkrampft. Er kam in Trainingsklamotten, aber nicht direkt vom Platz. Zumindest nahm ich nicht an, dass er dort geraucht hatte. Der "Fußballergruß" kräftig und mit so viel Schwung, dass ich beinahe weggerutscht wäre. Und impulsiv ist der Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Als das Interview später freigegeben vom Verein zurückkam, hatte der damalige Pressechef Josef Schneck nicht viel geändert, aus dem Wort Arschloch allerdings hatte er "Idiot" gemacht. Klopps Antworten kamen spontan, nicht unüberlegt, aber auch nicht kalkuliert. Wahnsinn, dachte ich – der Typ verstellt sich kein bisschen, der ist genauso, wie er sich hier gibt. Beim Reden gestikulierte er gern, um seinen Äußerungen Nachdruck zu verleihen, haute er schon mal auf den Tisch. Einmal mit so viel Wucht, dass die Pausentaste meines Aufnahmegeräts einrastete und mir deswegen einige Minuten Interview beim Abhören fehlten… Nach dem Interview war mir klar, dass ich ab sofort einen neuen Lieblingstrainer hatte, so sehr ich Ottmar Hitzfeld auch geschätzt habe. Die Art dieses Mannes ist einfach einnehmend. Authentisch. Diese Emotionen, die er so offen zu zeigen bereit ist. Wann hat man je einen Bundesligatrainer über die Balustrade eines Stadions flitzen sehen, außer sich vor Freude, dass seine Mannschaft in letzter Sekunde noch den Siegtreffer geschafft hat? Jürgen Klopp hat uns diesen Moment in Köln geschenkt, im Januar 2010. Oder sein Jubellauf durchs halbe Hamburger Stadion im April 2011, als hätte nicht Kuba dieses phantastische Tor geschossen, sondern er selbst. Wann hat man je einen Trainer so sympathisch angeheitert gesehen wie unseren, als er nach dem Double auf dem Lastwagen durch die Stadt kutschiert wurde und "Rubbeldiekatz am Borsigplatz" ins Mikro grölte. Herrlich! Unvergessen, das alles, wie so vieles mehr. Jürgen Klopp  hat es in kurzer Zeit geschafft, in Dortmund unsterblich zu werden. Auch, aber beileibe nicht nur wegen der Titel. Sondern dadurch, wie sie zustande kamen. Das ist sein großer Verdienst. Im Gegensatz zu Fans vieler anderer Vereine habe ich das unverschämte Glück, zwei Erfolgsperioden meiner Borussia miterlebt zu haben. Somit kann ich vergleichen. Und sagen, natürlich waren die Meisterschaften 1995 und 96 eine feine Sache. Aber doch anders. Wir hatten eine tolle Truppe, aber die meisten waren echte Stars, die schon als solche nach Dortmund kamen. Mit dieser Truppe Meister zu werden, war nicht selbstverständlich, aber auch nicht die ganz große Überraschung. 2011 war das komplett anders. Sicher, die Mannschaft hatte sich unter Klopp kontinuierlich verbessert, aber als Meisterschaftskandidat wurde sie nicht gerade gehandelt. Und dann rauschen diese Jungs wie ein Schnellzug durch die Liga, fegen mit ihrem Heuschreckenfußball alles weg, was sich ihnen in den Weg stellt. Unfassbar! Nie hatte ich mir träumen lassen, dass meine Mannschaft mal so einen Fußball spielen würde. Schön, wild, aufregend. Zum Niederknien an manchen Tagen. Mit Spielern, die zwei Jahre zuvor kaum jemand kannte oder es ihnen nicht zugetraut hätte.  Diese Glanztat mit dem Gewinn des Doubles und dem Einzug ins Champions-League-Finale noch zu steigern, hätte wohl kaum jemand für möglich gehalten. Und wir durften dabei sein. Diese Zeit war nicht nur für uns Borussen außergewöhnlich. Außergewöhnlich und so noch nie dagewesen war auch die Außenwirkung. Egal, gegen wen man in diesen Jahren spielte, die Sympathien flogen einem förmlich zu. Selbst auswärts hagelte es Lob. "Ich hoffe, ihr gewinnt heute und werdet Meister" – wenn einem das ein Fan der gegnerischen Mannschaft sagt, könnte man platzen vor Stolz. Dass wir das erleben durften, haben wir diesem Mann zu verdanken. Unvergessen, wie wir in London von den Briten gefeiert wurden, die nicht müde wurden uns zu versichern, wie geil sie diesen BVB und seinen Fußball finden. Diese Sympathiewelle, auf der wir alle schwimmen durften, hat Jürgen Klopp ausgelöst. Als die ersten Gerüchte aufkamen, er würde im Sommer gehen, habe ich das nicht glauben können. Vielleicht auch einfach nicht glauben wollen. Dann seine Abschiedserklärung. Dort ist er der andere Jürgen Klopp, nicht der, der dem vierten Offiziellen zähnefletschend seine Kappe an die Stirn rammt. Seine Rede ist emotional, aber auch gefasst. Erleichtert wirkt er auf mich. Er tritt zurück, schnörkellos und konsequent. Wie groß von ihm! Stil- und würdevoll. Anständig. Wie hat Jürgen Klopp bei dieser Gelegenheit gesagt? "Als Mensch hätte ich mir gewünscht, dass es nie zu Ende geht." Wer nicht von uns? Nun geht es aber zu Ende, in wenigen Tagen schon. Beim Gedanken daran wird mein Herz schwer. Ich vermisse ihn jetzt schon, diesen großartigen Typen, dem ich die absolut geilste Zeit meines Fanlebens verdanke. Vermutlich wird es so eine Zeit nie wieder geben. Toll, dass ich sie dank ihm überhaupt erleben durfte. Das bleibt für immer. Egal, wo Du hingehst, Jürgen Klopp: You'll never walk alone! Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailUli Vonstein, 28. Mai 2015


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