Die ganz besondere Begegnung (9)

Goodbye to all that!

Als mich „die Kirsche“ fragte, ob auch ich meine Gedanken über Klopp und die Chancen ihn möglicherweise demnächst in der Premier League zu sehen, niederschreiben würde, war ich - wie jeder britischer BVB-Fan - zuerst einmal richtig stolz.  Aber was könnte diese Abreise für mich als Fan bedeuten, was bedeutet sie für unseren BVB? Nach kurzem Nachdenken schien mir eine Reflexion über das Ende der Ära Klopp das eigentliche Thema dieses Artikels zu sein.

Die Nachricht, dass unser Coach den BVB verlassen würde, fühlte sich für mich so an wie damals, als ich das erste Mal hörte, dass sich meine Eltern scheiden lassen wollten. “Kloppo” war für so viele von uns zu einer Art Vaterfigur geworden. Ein Vater, wie man es sich als Junge nur wünschen könnte:  bärenstark, humorvoll, freundlich, Intelligent und inspirierend - ein Typ, aus dem der Stoff von Helden dieser großartigen Sportart Fußball gemacht ist. Er war jemand, der immer eine Antwort wusste, auf den Verlass war – und der   uns zum Erfolg führte. Diesem Mann gelang es, eine echte Beziehung mit Millionen von Dortmund-Fans gleichzeitig anzufangen, ohne dass einer eifersüchtig geworden wäre, ganz im Gegenteil! Jürgen Klopp, das war, das ist für uns einfach viel mehr, als nur ein Fußball-Lehrer. Und überhaupt: Kann man sich Jürgen bei einem anderen Verein überhaupt vorstellen – oder den BVB ohne Klopp?  Wenn, dann Jürgen – oder zumindest ein Charakter wie er, auch wenn uns allen natürlich klar ist, das der Wunsch nach Abziehbildern allenfalls in den Kindergarten gehört. Aber vielleicht gerade deshalb? Papa Kloppo ist uns ans Herz gewachsen! Er ist ein wesentlicher Teil der BVB-Familie, wie man sie von außen betrachtend, wahrnimmt. Alle sind stolz einen solchen Dad zu haben und vor allem zu wissen, dass uns die ganze Fußballfamilie um ihn beneidete (einen Teammanager nach englischem Vorbild gibt es in Deutschland nicht!).

Kloppo - A Superstar! - Eine Großartige Ära

Die unglaublichen Erfolge der 2011er Meisterschaft, das Double 2012, das Wembley Finale 2013/14 mit einem weltweiten Ausrufezeichen, 2014 wieder DFB-Pokal-Finale, die Super-Cup-Siege, oder auch Malaga und Madrid - dieser BVB machte uns stolz. Aus der Sicht eines englischen Fußball-Fans hatte sich mit dem BVB ein mittelgroßer schlafender Riese mit dem Budget von Stoke City  plötzlich durch Kampftugenden und Ehrgeiz zu einer echten globalen Macht entwickelt. Wir Engländer lieben so eine Under-Dog-Story... Einfacher ausgedrückt: der BVB und Jürgen Klopp wirkten wie ein Magnet, von dem gerade wir englischen Fans uns sehr, sehr gern „anziehen“ ließen. Ja, wir waren regelrecht glücklich Teil dieser großen schwarzgelben Familie zu werden! Echte Liebe, also True Love auch für uns!



Als Jürgen 2008 beim BVB anheuerte, dümpelte der Club aussichtslos abgeschlagen von irgendwelchen Ansprüchen auf dem 13.Tabellenplatz und erholte sich nur peu à peu vom Versuch, Erfolg zu erkaufen. Wie manch einer vergessen haben mag, kam Kloppo vom gerade abgestiegenen FSV Mainz 05. Seine Ernennung war deshalb nicht unumstritten. Ein Zweitligatrainer... war das ein schlechtes Zeichen für jene Dinge, die bald noch auf Verein und Fans einprasseln sollten?

Aber Kloppo schlug ein wie ein Blitz in Dortmund ein: Aus dem Stand 6. Platz in der Bundesliga und Qualifikation für Europa, ein Sieg im deutschen Super-Cup gegen Meister Bayern München. Jürgens "Heavy Metal" -Fußball, eine Kombination aus jugendlichem Elan und Angriffsenergie, das sogenannante "Gegenpressing“, maximale Intensität und vor allem diese neue „Gier“ kreierte einen Fußball, der den Gegner geradezu vom Platz wirbelte. Dieses Art zu kicken brachte unglaubliche Ergebnisse und begeisterte die Fußballfans – und zwar nicht nur die in Deutschland! Borussia Dortmund wurde plötzlich in die Stratosphäre von Galacticos gerufen, auf einmal galten Real Madrid, Barcelona, ​​Manchester United, Chelsea oder Juventus nicht mehr als die Höhepunkte eines Jahrzehnts, sondern die monatliche konstante Besucherzahl im Westfalenstadion. Die große Fußball-Party lief nicht im Norden oder Süden, sondern mittendrin im Revier! Fußball, das war auf einmal wieder ein rauschendes Fest. Und genau dafür liebten wir Kloppo – wir alle!! 

Eine Goldene Generation?

Kloppo brachte uns eine goldene Generation, nicht wenige in Deutschland argumentieren, dass das BVB-Team von 2010-2013 als das Team in die Geschichte eingehen wird, das den legendären „Fohlen“ Borussia Mönchengladbach's der 70er so ein bisschen den Rang abgelaufen hat. Ein Team, das von Manchester United Trainer-Legende Sir Matt Busby "ein Team, das von keinem anderen Club der Welt geschlagen werden könnte" oder als "Football Perfection" bezeichnet wurde.  Der BVB gewann 2011/12 den Titel mit einem Bundesliga Rekord von 81 Punkten und nur 3 Niederlagen in einer ganzen Saison, dazu ungeschlagen in 28 Spielen in Folge.

Auf den Titel folgte dann 2011/12 das Double von DFB-Pokal und Meisterschaft. Der Weg ging schließlich bis ins Champions League-Finale 2013, wo man sich erst in der Schlußminute geschlagen geben musste. Wie Hennes Weisweiler und sein Mönchengladbacher in den 70ern hatte Klopp ein fast unheimliches Auge für junge Talente. Er hatte eine sensationelle Fähigkeit das Beste aus den Spielern heraus zu holen und sie besser zu machen. Der Erfolg wurde nicht gekauft! Klopp hatte ihn aufgebaut, brachte Talente wie Neven Subotic mit oder fand in Lukasz Piszczek, Kevin Großkreutz, Marcel Schmelzer, Nuri Sahin, Shinj Kagawa, und Marco Reus, Robert Lewandowski und Mario Götze, aber auch Ilkay Gündogan und Mats Hummels formbare Klasse. Kloppo’s "Busby Babies“ bildeten ein echtes Team, aus dem Legenden entstehen. Die Klopp-Ära, das war vor allen Dingen zunächst  einmal ‚Fußball Perfection‘ aus Dortmund.

Der Tempel bröckelte

Meine eigene Erfahrung vor allem seit den 80er Jahren vor Augen, in dem ich Woche für Woche mit dem BVB-Fußball gefiebert habe, besteht aber auch aus einem nahezu ungläubigen Staunen: Zwischen 2011 und 2013 verließen 24 Spieler den Verein, nicht irgendwer, sondern zumeist Größen die viele Experten für den wahren Garant des Dortmunder Erfolges benannten: Lucas Barrios, Mario Götze, Shinji Kagawa, Dede und viele andere gingen. War der Umbruch in dieser Radikalität im Nachhinein betrachtet wirklich notwendig? War das Champions League-Finale 2013/14 wirklich der Höhepunkt oder bereits das eigentliche Ende der Ära Klopp? Die Geschichte wird wohl, obwohl dies von manch einem als unfair betrachtet werden dürfte, auch als Ära der Fehleinkäufe in die Geschichtsbücher eingehen: Viele der Einkaüfe der Jahre 2013/14 und vor allem 2014/15, z.B. Jocic, Ji Dong Won, Ramos und vor allem Immobile, kamen für X-Millionen.

Eine grausame Serie von Verletzungen zwischen 2013 - 2015 sorgte für den Niedergang einer begeisternden Idee vom Fußball. Dazu kam, dass sich alle Gegner inzwischen leicht auf den Tempo-Fußball einstellen und durch zwei Viererketten den Spaß am Tempo rauben konnten. Borussia kämpfte zum ersten Mal seit 1986 gegen den Abstieg! Kampf gegen den Abstieg? Wirklich?



Auf den Tribünen witterte man schon Verrat beim äußern böser Ahnungen und blieb erstaunlich ruhig. Obwohl der Zusammenhalt in der Mannschaft nicht mehr stimmte, die früher vorgelebte Motivation zu fehlen begann - selbst bei den „Weltmeistern“ wie Großkreutz, Weidenfeller, Ginter oder Mats Hummels fehlte auf einmal das Selbstbewußsein, der Killer-Instinkt vor dem Tor fehlte und sogar die Trikots waren bei den meisten Fans plötzlich Seuchentrikots und unbeliebt. Es kam faustdick. Die Stimmen wurden immer lauter, dass Unsagbare wurde auf einmal geflüstert: Kloppo war nicht mehr überall unumstritten.

Eine Szene, die für immer in allen Köpfen der Dortmunder Fans haften bleiben wird, war die Umarmung zwischen BVB-Boss Aki Watzke und Jürgen Klopp am Ende der Pressekonferenz des 15. April 2015. Ein "Wo warst du, als du gehört hast, dass John Lennon oder JFK erschossen wurde?” -Moment für jeden Borussen. In Kloppos eigenen Worten spiegelte sich die Verzweiflung über das Eingeständnis des Scheiterns: "Diese Entscheidung musste getroffen werden".  Er nahm selbst, wie immer, das Heft des Handelns in der Hand und - ging. Igendwie hatten wir es alle fast erwartet, aber es traf uns doch wie ein Stich ins Herz.

Eine neue Ära beginnt 

Ohne Kloppo, ohne Gundogan und Kapitän Kehl, der nach 13 Jahren definitiv seinen Hut nimmt, startet jetzt die Neuzeit. Spieler werden ersetzt, andere kommen zurück. Manchmal besser und manchmal schlechter, aber der BVB wird in den Tiefen und  Höhen weiterleben, wie er das ja seit mittlerweile mehr als 106 Jahren tut. Auch der Nach-Klopp-BVB wird weiter wachsen! Jürgen Klopp aber wird für immer einen besonderen Platz in den Herzen der BVB Fans haben egal ob es den DFB-Pokal am Ende dieser Saison noch gibt oder eben nicht. Wir werden uns alle über Klopp’s (vorerst) letzte Lkw-Fahrt um den Borsigplatz freuen. Und was aus ihm werden wird, ob er zu United oder City oder zu Liverpool geht, es ist egal! Unsere besten Wünsche werden ihn begleiten.



Und wir Schwarzgelben in England? Wir werden diesem runderneuerten BVB folgen, wie wir ihm in der Vergangeneit immer gefolgt sind. Der BVB aber ist  für uns Dortmund-Fans “von der Insel“ längst sehr viel mehr als nur ein “Klopp-Klub” geworden; mehr als nur eine Liebe für "Gegenpressing" und " Heavy Metal-Fußball". Für fast jeden englischen Fan, der das Westfalenstadion, Dortmund und seine Menschen erlebt hat, ist der BVB zu einer "Echten Liebe" geworden! Meine Prognose? Es werden Ende Mai noch viele Tränen um den BVB fließen - und Jürgen Klopp wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailBen McFadyean, Fotos: Archiv - 27.05.2015



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