Die ganz besondere Begegnung (8)

Klopp, Klinsmann und Türgriffe an der Einbauküche

Um sich bewusst zu machen, wie lange Jürgen Klopp in Dortmund schon Trainer ist, hilft es einen Blick zurück auf die Anfangstage unter „Übungsleiter Klopp“ zu werfen. Meine ersten Bekanntschaften mit dem Trainer aus Mainz und dem WM-Experten des ZDF machte ich gleich im Sommer 2008. Unter anderem beim T-Home Supercup im Westfalenstadion – einem leisen, inoffiziellen Versuch seitens der DFL den Supercup wieder zum festen Bestandteil des Rahmenspielplans zu machen.


Im Rückblick wird sich kaum jemand an den damaligen 2:1-Sieg des BVB erinnern. Kuba und Hajnal hatten den BVB durch zwei Tore in vier Minuten auf die Siegesstrasse gebracht und auch sonst präsentierte sich die BVB-Elf um Buckley, Valdez und Rukavina deutlich engagierter, als die Elf um Toni, Klose und Podolski auf bayrischer Seite. Kurz nach der Pokalübergabe laufe ich in Richtung Mixed-Zone, um hier und da einen Spieler für ein kurzes Statement zu erwischen. Vielleicht einen der beiden 19-jährigen Innenverteidiger namens Hummels oder Subotic. Oder den eingewechselten Ur-Borussen Florian Kringe, der sich eigentlich immer für einen kurzen Kommentar Zeit nimmt.

Da die Spieler aber allesamt noch mit dem Pokal vor der Südtribüne stehen und sich von den knapp 49.000 Zuschauern im Westfalenstadion feiern lassen, stehe ich alleine mit Josef Schneck, Klopp und Klinsmann in der Mixed-Zone und folge den Dreien zurück in Richtung Pressekonferenz. Da stand ich also. Andächtig, wie ein Messdiener, vor dem Aufzug unter der Osttribüne. Vor mir der nette Herr Schneck, rechts von mir dieser blonde, zerzauste Trainer aus Schwaben und links von mir stand er: Jürgen Klinsmann. Mein erstes Fußball-Idol. Früher, ganz früher.

Zur WM 1990 kamen meine Eltern auf die famose Idee mir ein Deutschland-Trikot mit seinem Namen und der Nummer 18 zu schenken. Auf den ersten Blick war das ziemlich kontraproduktiv gegenüber den Bemühungen meines Onkels, der mir stets charmant eintrichterte, dass man als Dortmunder zum BVB halten müsse, aber immerhin deutlich besser, als das Matthäus-Trikot, das sie meinem Bruder anzogen. Im Rückblick hielt ich zu meinem Verein, ohne aber den Weg von Klinsmann jemals ganz aus den Augen zu verlieren. Kinder vergöttern Stürmer und Klinsmann war einer der Größten. Auch menschlich. Als ich als junger Teenager mein Taschengeld an seine Stiftung Agapedia spende, erhalte ich Wochen später einen persönlichen Brief von ihm aus dem DFB-Quartier im Oman.



An diesem Abend treffe ich Klinsmann erstmals persönlich. „Hätte ich jetzt das Deutschland-Trikot von 1990 dabei“, verfluche ich mich selbst, als mich Klopp aus den Gedanken reist. „War doch ganz lustig, oder?“, scherzt der BVB-Coach im Aufzug noch bevor die Tür schliesst. Auf dem Weg nach oben stehen zwei völlig verschiedene Trainer neben mir. Der eine völlig in sich gekehrt, ruhig, lethargisch, fast stoisch. Auf der anderen Seite Klopp. Glücklich über den ersten Sieg im Westfalenstadion und in jenem Supercup-Finale, das er zwei Tage vorher süffisant anpries mit: „Was kann man da gewinnen? Eine DSL-Telefonleitung? Ich ziehe nämlich gerade um“.

Es wäre unfair zu behaupten, dass es nur dieses eine Spiel dauerte, bis mich Klopp als Erwachsener noch deutlich mehr faszinierte, als Klinsmann es als Kind je tat. Aber es war wohl genau jene Anfangszeit im Jahr 2008, die schon deutlich machte, dass ein Weltklasse-Trainer nicht zwingend auch ein Weltklasse-Spieler gewesen sein muss. Als er den Presseraum mit den Worten: „Ich war fußballerisch noch limitierter als Jürgen Klinsmann“ zum lachen bringt und sich danach in einer begeisternden Rede über die taktische Disziplin und das Gegenpressing seiner Mannschaft zu verlieren droht, hängt Deutschlands versammelte Pressejournalie bereits an seinen Lippen. Klopp ist ein Menschenfänger, das wird schnell klar.

Als ich Klopp in diesen Wochen bei einem inoffiziellen Fantreff im Stadion treffe, schiebt er gerade Tische und Stühle zusammen, als ich den Raum betrete. Danach sprechen wir in kleiner Runde bei zwei, drei Brinkhoffs über seine Vorstellung von Fußball und über Borussia. Klopp wirkt gleich wie einer von uns. Als ihn während des Fantreffs seine Frau Ulla auf dem Handy anruft, unterbricht er kurz, erscheint nach drei Minuten zurück auf seinem Stuhl und erzählt vom Umzugsstress und den Türgriffen an der neuen Einbauküche. Nicht, dass jemand danach gefragt hätte, aber zu dem Zeitpunkt erinnert das Kennenlernen zwischen Trainer und Fangruppen eh längst schon an einen gemütlichen Familienabend. Als ich das Westfalenstadion irgendwann an diesem Abend verlasse, bin ich fast sicher, dass „Glatten im Schwarzwald“ irgendwo zwischen Kirchderne und Bövinghausen liegen muss.

Sieben Jahre ist das nun her. Gestern schaute ich etwas wehmütig die letzte Bundesliga-Pressekonferenz mit Klopp auf Youtube. Wie oft hatte mich dieser Trainer in diesen Runden zum Lachen gebracht. Als wir uns letztes Jahr zur ersten Pokalrunde bei den Stuttgarter Kickers in der Pressekonferenz treffen und im öffentlichen Teil der PK die inzwischen vierte, taktische Frage an seinen Trainerkollegen gestellt wird, schnauft Klopp amüsiert ins Mikro: „Sagt mal, habt ihr Euch alle zu lange nicht mehr gesehen, oder was ist hier los?“.

Bei aller Vorfreude auf Thomas Tuchel: In diesen Tagen und kurz bevor ich gleich zum Flieger in Richtung Heimat und zum letzten Klopp-Heimpiel sprinte, wächst bei mir die feste Überzeugung, dass er irgendwann wieder da sitzt. 2019 oder so. Auf dem Podium, mit BVB-Hoodie und neuer Pöhler-Kappe und irgendein anderer Gästetrainer wird fragen müssen: „Habt ihr Euch alle zu lange nicht mehr gesehen, oder was ist hier los“? Von mir aus Jürgen Klinsmann.

Danke für die ersten sieben Jahre BVB. Machs gut, Borusse.

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailChristoff Strukamp, 24.05.2015



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