Die ganz besondere Begegnung (7)

Pressekonferenzen sind "überragend"

Ja gut, so beginnen seit vielen Jahren die Antworten der Fußballer auf Journalistenfragen in Deutschland. Ich glaube, diese Floskel habe ich von Jürgen Klopp nie gehört. Er hat schon direkt bevor er zum BVB kam das Fußballvolk davon überzeugt, dass er anders ist. Als Experte bei der Fußball-EM 2008 analysierte er nicht nur die Spiele der deutschen Mannschaft in ganz neuem Stil. Der Fehler des Verteidigers war bei ihm nicht ausschlaggebend für das Tor, vielmehr war er nur das Ende einer Kette von Unzulänglichkeiten, die beim Stürmer begann. So eröffnete Klopp der Fußballnation einen völlig neuen Blick auf ein Fußballspiel. Er sieht ein Spiel einfach anders als die meisten anderen.
Und das haben auch die Journalisten zu spüren bekommen, kriegen es immer wieder aufs Neue zu spüren. "Ihr werdet dumme Fragen stellen und wir werden dumme Antworten geben", ist einer meiner Lieblingssätze zum Beginn einer Pressekonferenz. Jürgen Klopp will über Fußball reden, nicht drumherum. Das Hineininterpretieren in Gesten, in dumme Sätze anderer, oder in lange Vergangenes ist seine Sache nicht. "Klare Kante" nennt man so etwas wohl.
Genauso sind ihm Statistiken ein Greuel, vor allem dann, wenn sie eigentlich nichts mit dem Spiel zu tun haben. Damit mag er einfach nichts anfangen. Wenn eine Mannschaft immer bei Regen gewinnt, setzt er wie selbstverständlich darauf, dass sie das eben auch bei Sonnenschein kann. Aber drüber reden mag er nicht.
Pressekonferenzen mit diesem Trainer sind Kultveranstaltungen. Wer die drögen Fragen und die noch drögeren Antworten seiner Vorgänger kennt ("Ja gut, ..."), weiß was ich meine. Klopp ist auch hier einfach eine ehrliche Haut. Klare Worte - egal wie es ausgegangen ist. Und niemals ein schlechtes Wort über die eigene Mannschaft.
Ich hatte schnell einen Heidenrespekt vor dem Mann auf dem Podium, vielleicht sogar ein bisschen Angst. Denn wenn einer der Journalisten eine schwache oder eine aus seiner Sicht gar dusselige Frage stellt, kann es durchaus passieren, dass er vor allen anderen gerüffelt und zurechtgewiesen wird. Wer einmal erlebt hat, wie Jürgen Klopp einem schreibenden Kollegen vor laufenden Kameras nur sagt, wer solch falsche Informationen in die Welt setze, mit dem rede er nicht mehr und deshalb gibt es auch keine Antwort auf seine Frage, kann sich vorstellen, das kann ganz hart werden.
Doch die Momente, die ewig bleiben, zeigen eher den humorigen Klopp. Schlagfertig, witzig und zumeist gut gelaunt. So lachte er herzlich, als ihn ein ständig über den BVB schreibender Kollege von Deutschlands größter Tageszeitung nach der Aufstellung der "Manndecker" fragte. Eine Erklärung, was denn Innenverteidiger sind, schob er selbstredend nach - ganz der Lehrmeister. Wenn eine Frage richtig lange dauert, tausend Details enthält und die Antwort nur "Ja" lautet, grinst der ganze Saal. Keinem ist es gelungen, ihn jemals sprachlos zu sehen. Wer versucht, ihn aufs Glatteis zu führen, bleibt ohne Erfolg. Wer Klopp im ersten Meisterjahr 2011 erlebte, wie er bis zum Schluss glaubwürdig versicherte, nicht über die Meisterschaft nachzudenken, hat gemerkt, wie sich die Journalisten an ihm die Zähne ausgebissen haben.
Öffnet externen Link in neuem FensterMein Lieblingsinterview bleibt die Posse mit Arnd Zeigler, als er den zerknirschten Trainer gab, der seine Mannschaft nicht mehr erreicht - mitten auf dem Weg zum Titel. Was haben wir darüber lachen können. Ganz Deutschland quatscht heute über Gegenpressing, ohne den Begriff vermutlich vernünftig erklären zu können. Ohne Jürgen Klopp gäbe es auch kein "Gegenpressing". Dass heutige Fußballer vor allem "kicken" ist auch ein typischer Kloppverdienst.
Der Trainer ist eben Medienprofi. Er weiß, die Journalistenmeute muss jeden Tag etwas zu schreiben haben und er sorgt dafür, dass es in erster Linie um den Fußball geht, um den Verein und nicht um Haarverpflanzungen oder ähnlichen Unsinn. Ich habe jede Pressekonferenz genossen, stichhaltige Analysen des Geschehens auf dem Platz, fußballerische Lehrstunden, ehrliche Kritik an sich selbst, wenn er mal wieder den vierten Schiedsrichter an der Linie "in ein Gespräch verwickelte".
Bis auf Trapattonis Wutausbruch "Was erlaube' Struuunz?" hat es kein Trainer zu so vielen Klicks auf Youtube gebracht. Wer mag, kann sich stundenlang seine besten Antworten ansehen. Und jeder wird immer wieder über ein Wort stolpern: überragend! Auch das ist ein Begriff, den Klopp in die deutsche Fußballberichterstattung gebracht hat. Und genau das ist es, was mir zu so vielen Jahren mit Klopp als Trainer einfällt: überragend - vielen Dank für tolle Jahre und eine einzigartig ehrliche Art über Fußball zu reden. Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailAndreas Römer - 21.05.2015


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