"Cazzo" - Das war italienisch! (4)

Es gab viele Situationen, die ich mit Jürgen Klopp erleben durfte. Meist eigentlich nur als „Statist“ aus der 2. Reihe. Ich persönlich stehe, wenn es um die „Pressearbeit“ geht, eher gern im Hintergrund und lasse die „alten Hasen“ der Medienlandschaft ganz nach vorn an die Front. Aber an diesem Abend des 02. Oktober 2008 stand auch ich plötzlich „mittendrin statt nur dabei“. Ein Abend, den selbst Manni Breuckmann in all seinen gefühlten 100 Dienstjahren so noch nicht erlebt hatte. So geschehen im italienischen Udine nach einem wahren Krimi inklusive Elfmeterschießen und Ausscheiden unserer Borussen. Die Vorgeschichte ist kurz und knapp erzählt. Der BVB verlor das Hinspiel, mehr oder weniger überraschend, klar und sang- und klanglos mit 0:2. Trotzdem machten sich über 2.000 Fans des BVB auf die gut 1.000 Kilometer lange Strecke zum Stadio Friuli nach Udinese. Auch wir von „der Kirsche“, unsere Chefredaktion Holger Sitter und Sascha Mimberg, Schatzmeister Ingo Niewald und meine Wenigkeit, wollten live dabei sein, wenn die Borussen eine erhoffte Aufholjagd starten. Nach einer spontanen Grillparty mit Gerstenkaltschale kurz nach der Ankunft am Stadion, und nach einem zähen Kampf mit den Offiziellen des Heimatvereins bezüglich unserer Presseakkreditierungen, spendeten wir einen Teil unserer Zeit der Kultur und besichtigten die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten.

Nach der Pflicht folgte die Kür. Im Stadion angekommen betraten Holger und ich den Pressebereich und gönnten uns einen Espresso. Sascha und Ingo machten es sich im Fanblock gemütlich, entdeckten dort das marode Sitzplatzmobiliar und heizten dennoch den Tifosi ordentlich ein. Hajnal (Bild unten) sorgte jeweils in den Nachspielzeiten beider Halbzeiten für euphorischen Jubel beim Borussen-Anhang. Somit ging es mit einem 2:0 in die Verlängerung und - mangels physischer Erschöpfung - schlussendlich auch ins Elfmeterschießen. Dort scheiterten leider Hajnal und Kuba am italienischen Keeper und der Drops war vor 10.000 Zuschauern gelutscht. 4:3 am Ende und raus - schade. Dann kam es zu einm "Nachspiel" der besonderen Art. Die deutschen Medienvertreter versammelten sich in der Mixed Zone und fachsimpelten bis zum Erscheinen der ersten Spieler über das soeben abgelieferte Gekicke und darüber wie knapp es am Ende doch noch gewesen ist. Doch bevor es losging kamen das erste Mal italienische Ordnungskräfte auf uns zu und versuchten uns gestenreich zu vermitteln, dass wir doch diesen Bereich zügig zu verlassen hätten. Man verwies uns auf eine, ich sage mal noch ruhige, aber doch schon recht energische Art und Weise des Feldes und postierte uns nach draußen vor den Pressebereich.



Dort standen wir dann gute 15 bis 20 Minuten bis sich endlich der erste Borusse den Weg zu uns bahnen konnte durch diesen verengten Korridor. Young Pyo Lee war zuvor rüde daran gehindert worden. Wer jetzt aber dachte es wäre alles in Butter, der wurde eines besseren belehrt. Kaum gingen die Diktiergeräte an und die ersten Fragen wurden Florian Kringe gestellt, kamen wiederum diese netten Herren mit den glänzenden Leibchen und fingen an, Spieler und Journalisten mit nicht gerade zimperlichem Körpereinsatz weiter weg zu drängen. Es wurde oben wie unten gearbeitet. Sprich, die Ordner versuchten mit treten und schubsen ihrem Vorsatz Nachdruck zu verleihen. Das war der Startschuss für die Offiziellen des BVB und für Jürgen Klopp. Dieser war eh schon auf Betriebstemperatur, da ihn Trainerkollege Pasquale Marino über 30 Minuten warten ließ, um dann letztendlich doch nicht zur PK zu erscheinen. Und das war dieser Augenblick, wo ich Jürgen Klopp zum ersten Mal wirklich in Action erleben durfte. Während ich noch damit beschäftigt war, mir den einen oder anderen Ordner vom Hals zu schaffen und dabei gleichzeitig noch O-Töne von Hajnal und Kehl einzufangen sah ich, wie mittlerweile Jürgen Klopp mit Holger an der Seite an einem Eckpfeiler stand, eine Feierabendkippe rauchte und ein Pläuschchen bezüglich dieser Umstände hielt. Dieses war aber schnell beendet, als Klopp sah wie ein „Ordnungshüter“ Josef Schneck so schubte, dass dieser fast hinfiel und sich anschließend mit Sebastian Kehl anlegte. Diesem viel zu klein gewachsenem Italiener fiel aber nix besseres ein, als unseren Coach als „Cazzo“ zu betiteln. Für diejenigen die jetzt nicht wissen, was sich dahinter verbirgt sei gesagt, es handelt sich dabei um eine vulgäre Ausdrucksform für das männliche Geschlechtsteil. Jürgen Klopp jedenfalls, schien sogleich der italienischen Sprache mächtig zu sein, nahm diese „Einladung“ dankend an und antwortet kurz: "ich geb dir gleich Cazzo", baute sich mit seinen 1.93 Meter vor diesem Bonsaigewächs auf, nahm noch mal einen kräftigen Zug seiner Kippe und fragte mit einem sehr aggressiven Unterton, ob er ihn wirklich als Cazzo betiteln wolle.

Ganz ehrlich? Ich dachte nur, jetzt hat es dieser Pizzabäckerlehrling doch tatsächlich geschafft. Der wird jetzt jeden Moment in seinem eigenen Stadion von unserm Trainer in seine Einzelteile zerlegt. Das dachten sich wohl auch die mittlerweile eingetroffenen Carabinieri, die dann Jürgen Klopp mit vollem Körpereinsatz von besagtem Ordner entfernen mussten. Wer weiß, wofür es gut war… zumindest für den Ordner. Diese Geschehnisse sorgten im Nachhinein noch für Aufsehen in der Presselandschaft. Für mich, wie auch Holger, sorgt es nach all den Jahren immer wieder für ein Schmunzeln und ein Lächeln im Gesicht. Es war einer dieser besonderen Abende, die unvergessen bleiben werden. Nicht, weil ein Felipe Santana das erlösende Tor gegen Malaga erzielte, oder ein Lewandowski im Alleingang die Königlichen aus Madrid zerlegte. Nein, sondern weil Jürgen Klopp an diesem Abend so war, wie wir ihn alle lieben und schätzen gelernt haben. Authentisch bis in die kleinste Haarspitze. Immer für eine Überraschung gut. Jürgen Klopp hat dem Verein vom Start weg neues Leben eingehaucht. Jetzt liegt es an den Offiziellen und seinem Nachfolger, diese Steilvorlage möglichst positiv zu verwerten. Und trotzdem wird der Mensch Jürgen Klopp uns allen fehlen. Mir ganz sicher! Dieser Mann hat es geschafft, dass ich nach dem Spiel - wie lang auch immer - warte und mir Menschen wie Effenberg, Matthäus oder Jessica Kastrop angucke, nur um ihn im Anschluss in einem Interview sprechen zu hören. Den wohl geilsten Trainer, den es je in Dortmund gab. Danke für alles, Jürgen.

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailMathias Laßauer - 13.05.2015




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