Die ganz besondere Begegnung (3)

Klopps erstes Revierderby: Ein Vorgeschmack auf später Nicht erst jetzt - in der Retrospektive - erkennen der Fußballfachmann und die -fachfrau, dass Borussia Dortmund mit Jürgen Klopp einen „guten Fang“ gemacht hat. Bereits mit seinen ersten Worten hatte er die Fans auf seiner Seite gehabt. Vollgasfußball sollte zelebriert werden und nichts anderes haben die Fans bekommen. Doch gerade die Partien gegen den Reviernachbarn waren das Salz in der Suppe der Emotionen. Die Duelle zwischen beiden Ruhrpottteams sind über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. In der Bundesliga gibt es kein vergleichbares Derby. Doch man muss sich eingestehen: Die Spiele waren und sind stets eng und die Blauen hatten in den Jahren vor der Ära Klopp die Nase vorn. Von 2004/05 bis zum Beginn der Ära Klopp beendeten die Knappen die Bundesliga-Spielzeiten jedes Jahr vor den Dortmundern. Der BVB war in dieser Dekade nur biederes Mittelmaß. Die Blauen hingegen spielten zwar oben mit, doch die Schale schnappten sie sich natürlich auch nicht. Mit der Inthronisierung von Klopp kam die Wende. Am Ende der Saison 2008/09 landete der BVB endlich wieder vor dem wenig geliebten Nachbarn. Zudem verlor man keines der beiden Duelle. Besonders das erste Revierderby von Klopp hatte es in sich und bedarf der Erinnerung:

Wir schreiben das Jahr 2008 - genau genommen den 13. September. Ein wunderschöner Altweibersommertag und der 4. Spieltag der Bundesligasaison stand auf dem Plan. Die Mutter aller Derbys. Jürgen Klopp, der in Sachen Ruhrpott-Derby noch gänzlich „jungfräulich“ war, ließ es sich vor dem Spiel dennoch nicht nehmen, einen Seitenhieb gegen die Schalker zu verteilen: „Schalke hat sich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, indem sie das Saisonziel Deutscher Meister ausgegeben haben. Viel gewinnen können die nicht“. Zumal der BVB mit breiter Brust ins Spiel gehen konnte, denn mit sieben Punkten aus drei Spielen hatte die Borussia einen super Saisonstart hingelegt. Einen Plan hatte der neue Coach auch schon: „Wir müssen Emotionen und Reiz so bündeln, dass daraus Kraft entsteht. Dann können wir Schalke schlagen.“ An Emotionen und Reizen sollte es nicht mangeln.

Doch die Begegnung vor 80.553 Zuschauern kam nur langsam in Schwung. Die ersten 20 Minuten waren sogar zum Abgewöhnen. Beide Teams neutralisierten sich und Dortmund war in der Offensive fast gar nicht präsent. Die Blauen hatten sogar leichte Feldvorteile. Dann nahm der Schrecken seinen Lauf. Kevin Kuranyi hob den Ball über Neven Subotic. Die Kugel kam vom Himmel gefallen und landete auf dem Arm des damals sehr jungen BVB-Verteidigers. Schiedsrichter Lutz Wagner, der im weiteren Verlauf noch im Blickpunkt stehen sollte, zeigte zum entsetzen aller Schwarzgelben auf den Punkt. Nach kurzem Gespräch zwischen Rafinha und Farfan netzte der peruanische Neuzugang per Strafstoß zur Führung der Emscherstädter ein.

Nun kippte die Partie vollends zugunsten der Gäste. Heiko Westermann eroberte den Ball im Mittelfeld und setzte zu einem Sololauf an. Im Sechzehner legte er auf den mitgelaufenen Rafinha ab, der mühelos auf 2:0 erhöhte (39.). Der Brasilianer zelebrierte sein Tor mit einem Eckfahnentanz direkt vor der Südtribüne, was für ordentlich Zündstoff sorgte und ihn an der Rand einer kaum aufrecht zu erhaltenen körperlichen Unversehrtheit führte. Denn eigentlich hätte der kleine biestige Außenverteidiger da auch gar nicht mehr auf dem Feld stehen dürfen. Er hatte Nelson Valdez schlichtweg einen Schlag ins Gesicht mit auf den Weg gegeben. Es sollte nicht der einzige fiese Ausrutscher im gegnerischen Gesichtsbereich in seiner Karriere bleiben, wie wir - und Kuba - heute wissen. Eine klare Tätlichkeit also, die nur mit Gelb geahndet wurde. Doch der Albtraum wollte nicht enden.

Nach dem Seitenwechsel spielten unerklärlicherweise weiterhin nur die Schalker. Westermann erzielte folgerichtig das 3:0 (54.). Es hätte sogar noch schlimmer kommen können, doch Kuranyi gelang das Kunststück, den Ball aus drei Metern am Tor vorbei zu köpfen. Klopp, passenderweise im schwarzen Hemd, sah teils ratlos und auf jeden Fall ziemlich geschockt aus. War das eine Vorentscheidung, oder etwa sogar das Ende? Aus dem nichts: Die schwarzgelbe Aufholjagd Die meisten Überschriften zum Ausgang des Derbys waren bereits vorformuliert: „Schalke zerlegt BVB“ oder „Dortmunder Megaklatsche im Derby“. Doch die Partie nahm doch noch eine ungeahnte dramatische Wendung. Nach einem Eckstoß von Alexander Frei, der sein Comeback nach fast dreimonatiger Verletzungspause feierte, köpfte ausgerechnet "Elfmeterverursacher" Subotic den Anschlusstreffer (67.). Angesichts des Ergebnisses war da der Jubel eher verhalten. Doch nun ging die Post erst richtig ab. Der BVB war urplötzlich wieder drin in der Partie. Nach Tingas Pass auf Frei, der aus dem Abseits kam (ja, er war deutlich sichtbar in der verbotenen Zone), zirkelte der Schweizer den Ball aus rund 20 Metern in den Winkel des langen Ecks (70.). Wohl gemerkt: mit seinem schwächeren Linken! Das Westfalenstadion tobte und man spürte, dass noch mehr in der Luft lag.

Die Borussia drehte nun auf. Die Blauen wussten sich nicht besser zu helfen, als den Dortmunder Ansturm mit rüden Fouls zu unterbinden. Passend dazu wurde es auf dem Platz zunehmend übersichtlicher. Innerhalb von drei Minuten mussten gleich zwei(!) Schalker vom Feld. Zunächst durfte Christian Pander nach wiederholtem Foulspiel - er sah erst vier Minuten zuvor die erste Gelbe Karte - früher unter die Dusche. Doch dieser war noch gar nicht in der Kabine angekommen, da sah Fabian Ernst die Rote Karte. Der frühere Bremer senste Kuba Blaszczykowski von hinten um. Nach dem Spiel erklärte er lächerlicherweise, dass er vorher ausgerutscht sei. Er sollte mal Lahm und Alonso fragen, was es wirklich heißt, auszurutschen.

Der BVB rannte an, doch der erlösende Ausgleichstreffer wollte einfach nicht fallen. Erst mit gütiger Mithilfe des Unparteiischen Lutz Wagner bekam der BVB seinen Lucky-Punch frei Haus serviert. Nach einem Seitenwechsel wollte Kuba den Ball direkt per Kopf in die Mitte ablegen. Doch Verteidiger Mladen Krstajic blockte den Ball - angeblich - mit der Hand. Bei Betrachtung der Wiederholung war ziemlich schnell klar: Der Arm war angelehnt und es gab keine aktive Bewegung - somit auch keine Berechtigung für den Pfiff. Ein Geschenk vom Schiedsrichter, welches im Lager der Blauen - ja man möchte sagen fast standesgemäß - für blankes Entsetzen sorgte. Alex Frei war es sch...egal. Der Schweizer lief an und verwandelte den Strafstoß sicher. Wie so oft. Der Jubel unseres Ruhrpottderby unerfahrenen Trainers war seinerzeit noch eher verhalten. Zudem sah der Übungsleiter die Ausführung des Elfmeters gar nicht. Er hatte sich weggedreht. Die anschließenden explosionsartigen Läufe und Michel Jordan-artigen Sprünge sollten erst später folgen... Jürgen Klopp konnte sich nach dem Unentschieden aufgrund des Spielverlaufs als Derbysieger fühlen. Es war aber sogar mehr drin: „Der Schiri hat direkt nach 90 Minuten abgepfiffen. Sorry, aber drei Minuten mussten da mindestens noch drauf“, betonte Klopp: „Aber charakterlich war das das Limit. Es war eine wundervolle Aufholjagd. Wenn Du nach 66 Minuten 3:0 führst, so wie Schalke, dann fühlt sich ein 3:3 am Ende nicht gerade weltklasse an. Es gab schon Siege, über die habe ich mich deutlich weniger gefreut. Einen echten Derbysieg feierte er erst zwei Jahre später. Doch sein erstes Derby hat ihn sehr geprägt: „Nach dem 0:3 habe ich auch gedacht: Das ist ja jetzt blöd. Ulla (Klopps Frau/Anm. d. Red.), pack’ die Koffer, das macht überhaupt keinen Spaß hier in Dortmund. Nee, im Ernst. Das 3:3 war sensationell. Ein Schlüsselerlebnis für alles weitere.“  Diese Partie kann aus heutiger Sicht als Blaupause des Fußballs angesehen werden. Sie beinhaltete alles: Rückschläge, scheinbar hoffnungslose Situationen, Leidenschaft, Glaube, Intensität, Teamgeist und Siegeswillen. In den darauf folgenden sieben Jahren durften wir das gesamte Spektrum dieser Eigenschaften erleben. Wir waren teilweise im Rausch und unsere Droge war Borussia. Mal zog sie uns runter, meist jedoch ließ sie uns schweben. Für diese Achterbahnfahrten an Emotionen danken wir dir, Jürgen. Du warst es, der diesen schlafenden Riesen, der der BVB zweifelsfrei vor dir war, wieder geweckt hat. UND: Für eines danken wir dir besonders! Durch dich haben wir endlich wieder regelmäßig die Blauen hinter uns gelassen. Gut, außer vielleicht in dieser Spielzeit...

Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Fotostrecke zum Derby-Debüt von Jürgen Klopp Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailArthur Makiela - 06.05.2015


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