Die ganz besondere Begegnung (2) - Abschiedsbrief an Jürgen

Wir sind noch lange nicht im Abschiedsmodus! Ein offener Brief von Kirsche Redakteur Michael Friederici an Jürgen Klopp in Form einer ultimativen, aber zutiefst notwendigen, Lobhudelei! Lieber Jürgen, als Du kamst, locker, lässig und unverschämt cool, da hast Du mal eben die eine oder andere Vollgasveranstaltung angekündigt. Unsereiner dachte: Was‘n das für einer? Wobei, um genau zu sein: Du warst, und darauf hast Du immer Wert gelegt, mindestens drei: Die Co-Trainer Zeljko Buvac und Peter Krawietz gehören nämlich auch dazu; nicht zu vergessen der komplette bisherige Fitness-Stab (der jetzt wohl auch gehen darf), Präsident Reinhard Rauball, Geschäftsführer Aki Watzke, Sportdirektor Michael Zorc – und, natürlich, die besten Fans der Welt. Keiner weiß bis heute warum, aber auf einmal passte das alles zusammen. Auch deshalb, weil Du einer bist, der mit seinem Ego die anderen nicht verdrängt, sondern mitzieht, einer, der uns nicht als „Kunden“ verhandelt, sondern als Teil des Gesamtkunstwerkes BVB. - „Tiefe Balleroberung und ab ging die wilde Fahrt.“ You are so beautiful (Joe Cocker) Eine Revitalisierung war „damals“, vor sage und schreibe sieben Jahren, bitter nötig. Die Borussia galt als lebendiger Toter. Von wegen Kadaverkosmetik: Die alte schwarzgelbe Dame sieht heute jünger aus als vorher und noch dazu richtig sexy. Der Verein ist in Rekordzeit ökonomisch saniert, es entstand aus nahezu Unbekannten eine richtig geile Mannschaft, die „gegenpresste“ und blitzschnell „umschaltete“. Davon hatte bis dahin nicht einmal Grimms Deutsches Fußball-Wörterbuch gehört. Die Jungs fingen plötzlich an Fußball zu spielen, so wie Du ihnen das vorlebtest - immer am Limit!  - „Meine Jungs sind Mentalitätsmonster. Nothing Compares 2 U (Sinéad O’Connor) Wie Du die Fresse aufgerissen hast, das war intelligent, witzig, schlagfertig, immer charmant – und strotzte zudem vor Selbstironie. So etwas kennen und schätzen die alten Tanten und Onkel aus den anderen Vereinen gar nicht, die vom DFB erst recht nicht – und die Presse findet sich nur selbst ganz toll. Meine Güte, was haben wir es genossen, dass den versammelten „Wie-fühlen-Sie sich“-Phrasen-Profis endlich mal die Ohren glühten. Da trat doch wirklich jemand auf und schwafelte nicht die immergleichen vorgestanzten Berater-Dummdeutsch-Plattitüden. Ja, Dich kotzte das Global-Banal der sammerigen Karlheinz-Hohlschwätzer mindestens ebenso an wie uns, und Du konntest dann auch noch eloquent über die Kickerei kaspern. Ein ums andere Mal hast Du den Spaßbremsen und Propagandisten des klinisch-sauber-öden „Ereignis-Fußballs“ Klartext diktiert. Über den Bayern- und Lautern-Marcel ließest Du die Öffentlichkeit wissen, dass der wohl der Einzige gewesen sei, der „in seinem Leben sowieso nichts mehr witzig“ findet, nicht mal einen Marvel-Spaß-Kick in purer, kindlich-ausgelassener Lust am Spiel. - Wir san eben nicht die Mia-san-mia-Schickis. Wir sind Fußball. Frei nach Bill Shankley („Manche Leute denken, Fußball ist eine Sache auf Leben und Tod. Ich mag diese Haltung nicht, es ist viel ernster als das.”) kann man das auch so wie Du ausdrücken: „Fußball ist in Dortmund nicht die schönste Nebensache der Welt. Es ist eine Hauptsache.“ Man muss sich das mal vorstellen: Du, der Schwabe aus Mainz hast unserem Traum vom BVB ein Gesicht gegeben, und das alles ohne anbiedernd zu sein. - „Zuerst einmal möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Ich sehe Sie hier zum ersten Mal, aber direkt eine Forderung zu stellen, was ich zu sagen habe… Hut ab! Welches Ressort? Was machen Sie? Tierfilme? Sport, oh, alles klar.”
Yesterday (Paul McCartney / John Lennon) Wobei man sich ja immer vor Augen halten sollte, dass dieses Fußballmärchen ganz unten begann. Wir westfälischen Kaltheißblüter müssen uns das immer mal wieder in Zeitlupe ansehen: Schichtführer Klopp holte uns auf Pleitesohle 7 ab, mittlerweile gehören wir zu den geilsten Mannschaften in Europa. Fünf Titel in sieben Jahren, und wenn einige Schiedsrichter in Wembley und in Berlin Eier gehabt hätten, dann sähe die Bilanz noch besser aus. Wir haben Real demontiert, die Bayern in der Isar versenkt… Schon vergessen? Wir dachten doch, wir säßen im falschen Film. Dass auch mal wieder Schlagwetter kommen, dass die Rolex- und Zocker-Bande-Süd irgendwann beginnt mit Kohlepyro bei uns zu zündeln, wer hätte denn anderes erwartet? Dass die bemüht um Emotionen buhlenden Möchtegern-Machiavellis dann auch noch die Impertinenz besitzen, Dir einen (vergifteten) Blumenstrauß zum Pokal anzukündigen, das belegt einmal mehr, dass Stil nie die Stärke der „Deutschen Bank des  Fußballs“ war. - „Allein die Tatsache, dass ich auf Titelbildern zu sehen bin, macht mich doch noch nicht zu einem anderen Menschen.“ Alles aus Liebe (Die Toten Hosen) Ach Jürgen, ich weiß ja nicht, ob Du Dich noch an die Schmetterlinge im Bauch beim ersten Mal erinnerst. „Echte Liebe“ schmeckte auf einmal nach mehr als nur nach Marketing. Von wegen Geiz - Klopp und der BVB sind geil! Jeden Samstag feierten wir Weihnachten. Und der Baum brannte von beiden Seiten – an jedem Spieltag. Und je länger wir mit Dir auf Wolke 7 schwebten, desto mehr planten wir schon mal die polygame Goldene Hochzeit mit Dir und allen, die dazugehören. Schließlich heißen nicht alle Götze oder wie die „Berater“ von Lewan. Ja, wir haben in diesen Zeiten der Hamburger-Trainer-Kurz-Beziehungen auf einen langfristigen Sir-Alex-Ferguson-Effekt gehofft. - Kapitalismus hin, Eventfußball her. - „Wir sind alle ein bisschen verknallt in diesen Verein.“   You make me feel (Aretha Franklin) Dass es bei uns derzeit an vielen Ecken knirscht, dass die Kickerei nur noch für romantische Dummdödel wie unsereinen eine Herzensangelegenheit ist, das haben selbst die Geräuschunempfindlichen mitbekommen, die auf der Süd groß geworden sind. Spätestens seit Babyface Götze - der in Dortmund hätte ein Gott werden können - auf dicke Gefühlshose machte, nur um sich dann ins Rolex-Land abzusetzen - spätestens da war klar, dass sich auch im Stadion Gefühle in Euro bemessen. Der BVB ist der einzige börsennotierte Fußballverein Deutschlands. Unter „uns Jürgen“ hat sich der Kurs der Aktie fast verdreifacht. Schon vor der Bekanntgabe Deiner Demission spekulierten der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock und die australische Bank Macquarie auf einen fallenden Kurs von BVB-Aktien. Alles klar? - „Freunde der Südsee, geht mir nicht auf den Sack!“ Heroes (David Bowie) Aber verdammte Hacke, Jürgen Klopp gehört nicht zu diesen aasigen Karlheinzens, ist kein verklemmter Matthias oder ein Erfolgsfan, wie sie jetzt zunehmend die Stadion bevölkern, dann hinter Glas mal richtig auf die Kacke hauen und sich die „Stimmung“ der Prolls da draußen auf der Süd vorspielen lassen. Durch Typen wie Klopp hat der Glaube an das Gute im  Fußball überhaupt überlebt! Und deshalb steht der BVB wieder synonym für Fußball: Dieser Typ hat „unsan Vaein“ zu dem gemacht, was er einmal war – und was er wieder sein könnte: Ein ständiger und sehr lebendiger Pfahl im verbayerten, verökonomisierten Bundesliga-Fleische! - Wer Erfolg will, hat Klopp einmal gesagt, der soll bei Bayern anheuern. Wer Fußball will, der soll zum BVB kommen. Bayern kann noch so viele Titel holen, der BVB bleibt das faszinierendste Fußball-Projekt der letzten Jahre, eines das die Phantasie beflügelt, von der Unschuld der Pöhlerei träumen lässt und Leidenschaften auslöst, die wunderbare Leiden schaffen.  – „Wenn die Zuschauer Emotionen wollen, du aber Rasenschach anbietest, muss sich einer von beiden ein neues Stadion suchen.“ Was soll das? (Herbert Grönemeyer) Dass man in Dortmund die ehernen Vermarktungs-Gesetze zumindest auf den Prüfstand stellt, dass man sich dem Sport-Radau-Boulevard entzieht, das behagt den Krawallskis nicht, die mit Fußball wenig, dafür mit „Skandal“ viel am Fuß haben. Sie brauchen Gerüchte, Ondits. Und wenn es die nicht gibt, dann fabrizieren sie eben selbst welche - Helmut Markwort im WDR, vermeintliche „Enthüllungs“geschichten über Jürgen Klopp; schon im Vorfeld des Halbfinales geiferte Bayern-Sponsor T-online: „Klopp nicht mehr unantastbar“; der „focus“ (ein Kind des Bayern-Verwaltungsbeirates Helmut Markwort) titelte: Wie Jürgen Klopp zur Aufgabe beim BVB gedrängt wird; sport1, ebenfalls in München beheimatet, wähnte den BVB „am Scheideweg“ – und sky… also sky… - aber erst Marcel Reif… - Es ist schon toll, wer sich jetzt alles Sorgen um unseren Verein und die Mannschaft macht.  - „Wir haben uns soeben entschieden, den Verein nicht aufzulösen, obwohl wir unentschieden gespielt haben.“ 1st Cut is the deepest (Rod Stewart) Nä, sach getz ma nix. Et is nur so, die Elsbeth hat gerade Zwiebeln geschält… Sons is nix.  Aines alladinks musse mir vaschprechen, Jürgen: Zu die Blauen oder nach München daafse nie gehen. Dann könnte ich damit leben. Irgendwie. – Denn getz geht’s weiter. - Natürlich geht es weiter. Wie immer. Jetzt ersetzt ein Tüftler den Pöhler; Klopp, das hieß Energie, Optimismus, Nähe, jetzt folgt Distanz und Akribie. Vielleicht ist nach dem Fieber der kalte Umschlag ja genau das Richtige. - „Wir sind wie eine frische Wunde, in die irgendjemand immer wieder Salz streut und es brennt sofort aufs Neue.“   Stand By Me (Ben E. King) Lieber Jürgen, eines wollte ich am Ende doch noch dringend loswerden: Dein Traum sei es, hast Du gesagt, noch mal aufm Laster über den Borsigplatz zu fahren. Es wäre das Wenigste, was wir Dir hätten bieten können. Jetzt hast Du selbst, zusammen mit der Mannschaft dafür gesorgt, dass der Korso in jedem Fall stattfindet. Deshalb noch etwas: Dieser siebenjährige Vollrausch mit Dir mag sich jetzt dem Ende zuneigen, die Geschichte mit Dir und dem BVB, da bin ich sicher, ist noch lange nicht vorbei! Egal, wie es in Berlin, egal, wie es in der Tabelle endet. In jedem  Fall: Danke, Jürgen!

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailDein Michael (Friederici) - 30.03+1.2015


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