Die ganz besondere Begegnung (1)

Das Ende einer Ära steht bevor. Jürgen Klopp wird den BVB nach der laufenden Saison und nach sieben geilen Jahren voller Emotionen, großartiger Erfolge und unvergesslicher Momente verlassen. Unter dem Motto: „Erste Runde Krankenschein… – Borussia Dortmund international“, bereisten wir voller Freude Europa und erlebten rauschende Feste. In der Bundesliga traten wir zwei Jahre lang den Bayern in den Hintern und genossen es mit unserm Spielsystem „angesagt“ zu sein.

Wir würdigen diese Zeit in den nächsten Wochen mit einer Artikelserie der schönsten Erlebnisse unserer Redakteure mit unserm scheidenden Trainer seit dem Sommer 2008. Erster Teil: „Meine Erlebnisse mit Jürgen“.

Egal, was man über diesen Menschen sagt, es wird ihm nie wirklich gerecht. Ich hatte öfter Gelegenheit, mit ihm schöne Anekdoten zu erleben und muss jetzt eine Geschichte auswählen, was mir gar nicht so leicht fällt. Da war zum Beispiel der DFB-Pokal und die Niederlage am 28.10.2010 gegen Drittliga-Tabellenführer Kickers Offenbach im Elfmeterschießen. Der Presseraum zum Zerbersten gefüllt, nicht mal Andy Möller hatte einen Sitzplatz. Ich stand notgedrungen exakt dort, wo Jürgen Klopp (wie alle auf dem Podium) zwingend her musste und er schaute mich angefressen an und raunzte: „Ja, da hast Du auch nichts zu zu sagen, oder?“ Und in der Tat, nach dem 4:2 im Elfmeterschießen und dem Verpassen des Achtelfinales, hatte es mir tatsächlich die Sprache verschlagen...

Erstmals tauchte im BVB-Umfeld der Name Jürgen Klopp beim Nachrichtensender „n-tv“ am 19. April 2008 auf, als wir nachmittags in Berlin gemütlich über den Kudamm schlichen. Am Abend, im Pokalfinale gegen die Münchner schafften wir es mit „Witzfigur“ Thomas Doll auf der Bank sogar in die Verlängerung, doch die Bayern hatten - wie so oft - das bessere Ende für sich. Doch das machte uns gar nicht einmal so viel aus, denn die an diesem Tag unglücklich oder gezielt(?) in die Öffentlichkeit gelangte Nachricht vom bevorstehenden Trainerwechsel hatte uns längst alle ergriffen. Jedem in meinem Fanclub war sofort klar, dass es künftig wesentlich strukturierter zugehen würde beim BVB.

Überhaupt der Pokal. M
ein persönliches emotionalstes Erlebnis mit „Kloppo“ fand in den Katakomben eben jenes Berliner Olympiastadions am 12. Mai 2012 statt. Borussia hatte mir zuvor einen lange gehegten Herzenswunsch in meiner langen Vita voll emotionaler Spiele erfüllt und eine lange offene Wunde geschlossen. Denn am 24.Juni 1989, als der BVB das letzte Mal diesen schicken goldenen Pokal in Händen hielt, lag ich mit vierfachem Beinbruch in der Klinik in Münster. Meine damalige Endspielkarte ist auch heute noch unbeschädigt und nicht abgerissen.

Jetzt also war es soweit. 5:2. Was für ein Ergebnis. Neben mir saßen sämtliche Koryphäen der Medienbranche und favorisierten – wie gehabt – mehrheitlich den FC Bayern. Und dann das! Kleine Tränchen schlichen sich in meine Augen und die Gewissheit, dass es auch mir endlich vergönnt ist, Pokalsiege live zu erleben, machte mich glücklich. Ich schlurfte gedankenverloren die lange Treppe zur Pressekonferenz hinunter und wohnte Jupp Heynckes' lustloser Bilanzierung der Katastrophe bei. Dann kam er, unser Trainer. Er strahlte, scherzte und riss einmal mehr alle in seinen Bann. Pressekonferenzen mit Jürgen Klopp – das beinhaltet halt immer allerbeste Unterhaltung.

Als die stattliche Anzahl der Medienvertreter zufrieden war, zog er von dannen – allerdings kam er nicht sehr weit. Hinter der großen Eisentür im Keller des altehrwürdigen Olympiastadions fing ihn ein Radioredakteur vom MDR ab und hielt ihm das Mikro ins Gesicht. Er legte unverzüglich los und war voll in seinem Element. In diesem Moment ging ich rechts an ihm vorbei, bzw. wollte es, denn er zog mich mit langem Arm zu sich an seine Brust, umarmte mich wie er das kurz zuvor mit seinen siegreichen Spielern getan hatte, klatschte mich ab und dokumentierte damit, dass er wusste, wie sehr auch meine Freude, einem Berichterstatter für die Fans, sei. Eine großartige Geste, die einen für mich besonderen Tag komplett vollends perfekt machte.


2009 im KIRSCHE-Interview: Kloppos damalige Ankündigungen hat er sämtlichst sukzessive in die Tat umgesetzt

Ja, Jürgen Klopp ist ein einmaliger Mensch. Christoff Strukamp und ich hatten kurz nach seiner Inthronisierung im Sommer 2008 die Freude, zu einer vom BVB ausgewählten Gruppe von Fans zu gehören, die den neuen Trainer treffen durfte. Sympathisch locker ordnete er gleich an, die Sitzordnung kreisförmig zu gestalten, damit man besser und offener miteinander reden konnte. „Ich bin der Jürgen“, bot er uns sofort das vertrauliche „Du“ an. Jeder sollte frei sagen, was für Vorstellungen und Wünsche man seiner Amtszeit mit auf den Weg geben wolle. Und er seinerseits gab uns allen nach langen, ausgiebigen Diskussionen ein Versprechen mit auf den Weg. „Ehrlicher Fußball“ solle künftig gespielt werden, entsprechend der Mentalität des Ruhrgebiets. Seine Vorstellungen von Borussias Zukunft waren glasklar. Vom ersten Tag an.

Dass er jetzt den Zeitpunkt für das Ende seiner Amtszeit selbst wählt, spricht ebenso für ihn. Loyalität und Ehrlichkeit ist ihm eben stets ein Anliegen. Wir alle verdanken ihm sehr viel. Es sind keineswegs nur die drei Titel allein, sondern zahllose „Vollgasveranstaltungen“, Endspiele und spielerische Highlights, die Europa aufhorchen ließen. Der Mensch Jürgen Klopp wird fehlen.

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailHolger W. Sitter, Fotos: Archiv – 22.04.2015



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