Weidenfeller: Endlich mal das Finale durchspielen

Rund 200 Länder werden es verfolgen und auch national haben die beiden Finalisten großen Zuspruch – spalten erneut das Land in zwei Lager. Etwa 710.000 Menschen haben die Spiele des FC Bayern in der abgelaufenen Saison im Durchschnitt beim Bezahlsender „Sky“ gesehen. Borussia Dortmund verbuchte mit 630.000 Fans nur unwesentlich weniger Anhänger auf der Habenseite. Auch hier ist der Abstand geringer geworden. Dortmunds Nationaltorhüter Roman Weidenfeller sieht die Rivalität zu Bayern München in vielerlei Hinsicht durchaus positiv. "Für die Fans und die Liga ist es doch toll. Beide Vereine reiben und pushen sich zu Top-Leistungen. Das macht die Bundesliga auch interessant für das Ausland", sagte der 33-Jährige kürzlich in einem Interview und konnte seine Vorfreude aufs Finale dabei kaum verbergen. Insgesamt glaubt der Vize-Kapitän des BVB, dass die Bundesliga enorm aufgeholt habe. In England und Spanien habe man insgesamt nicht so eine vergleichbare Spannung. "Wir müssen uns die nächsten Jahre keine Sorgen um die Spannung in der Bundesliga machen. Sie wird immer attraktiver", so Weidenfeller, obwohl Bayern München zum zweiten Mal in Folge mit summa summarum 20 Punkten Vorsprung Deutscher Meister geworden ist. Er, der insgesamt auf eine rabenschwarze Finalserie im Pokalwettbewerb zurückblicken kann, zog sich am 12. April 2008, kurz vor seinem geplanten Comeback, im Training einen Teilriss des Innenbandes zu, fiel damit bis zum Saisonende aus und stand eine Woche später demgemäß nicht im Kasten beim DFB-Pokal-Finale in Berlin, das da noch mit 1:2 in der Verlängerung gegen den FC Bayern München unglücklich verloren wurde. Als er dann am 12. Mai 2012 mit Borussia Dortmund endlich gegen die Bajuwaren auch DFB-Pokalsieger wurde, schaffte er es gerade noch rechtzeitig zur Siegerehrung aus dem Krankenhaus zurück, nachdem er sich bei einem Zusammenstoß mit Mario Gomez so schwer verletzt hatte, dass er nicht mehr weiterspielen konnte. Er musste bereits in der 34. Minute durch Mitchell Langerak ersetzt werden (Bild) und sich in medizinische Fürsorge begeben.

Jetzt also steht einer ersten Teilnahme über 90 volle Minuten am kommenden Samstag – Stand heute – also nichts mehr im Weg. Für das erneut anstehende Pokalfinale gegen die Bayern am 17. Mai im "deutschen Wembley" sieht der Routinier dann – als einer der wenigen – allerdings die Münchener als Favorit: "Als Meister ist man automatisch Favorit", mutmaßt Weidenfeller, der – ungeachtet dessen – die Zukunft für den BVB künftig überdies mehr als rosig sieht. Ohnehin sei der eingeschlagene Weg "einzigartig". "Es gab während der vergangenen Jahre keine ähnliche Entwicklung im deutschen Fußball. Von der Fast-Pleite bis zur Meisterschaft und dem Champions-League-Finale", betonte der BVB-Zerberus, das sei "sensationell". Er, der zumindest noch seinen bis 2016 laufenden Vertrag erfüllen will, möchte seinen Beitrag weiterhin zum Gelingen beitragen: "Danach möchte ich noch so lange spielen, wie mein Körper es mir erlaubt." Da ist es kein Wunder, dass ausgerechnet die frühere Torwartikone der Bayern, Oliver Kahn, Roman Weidenfeller als klare Nummer zwei in der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien sieht. "Allein schon, weil er über Jahre in der Champions League sehr überzeugend gespielt und auch diese Saison seinen Teil zum zweiten Platz der Dortmunder in der Bundesliga beigetragen hat", ließ der einstige Titan wissen und adelte den Borussen.

Mit 33 Jahren debütierte „Weide“ als ältester Torwart der DFB-Geschichte bekanntlich in der Nationalmannschaft. Das Spiel in England (1:0) am 19. November 2013 war die Belohnung für eine konstante Entwicklung des Keepers von Borussia Dortmund. Auf der Linie ohnehin mit starken Reflexen ausgestattet, hat Weidenfeller sowohl fußballerisch (Passgenauigkeit um die 67 %) als auch im Eins-gegen-Eins stetig zugelegt. Aufgrund seiner internationalen Erfahrung (mehr als 300 Bundesliga-Spiele, mehr als 40 Europacup-Partien) wirkt er zudem im reiferen Alter deutlich abgeklärter. Patzer wie der gegen Hoffenheim sind dagegen extrem selten, aber eben auch nie unmöglich. War die Nominierung 2013 ins DFB-Team nach jahrelangem Rumeiern um seine Person noch eine Überraschung, so ist die jetzige geradezu folgerichtig erfolgt. Weidenfeller, der bereits seit 2002 das schwarzgelbe Trikot trägt, hat über Jahre gezeigt, dass er international mit Druck umgehen kann und im Notfall sofort für Neuer da wäre. Einziger Unterschied ist, dass „Weide“ nicht unbedingt als guter Fußballer gilt, dafür aber umso stärker auf der Linie agiert. Zu seinen Tugenden gehört zweifellos unbedingt auch, schon mal seine Meinung raus zu schreien. "Torhüter müssen sich für uns aus einem Meter den Ball in die Fresse schießen lassen. Dafür brauchst du eine gewisse Grundaggressivität“. Deshalb sei es "nachvollziehbar", wenn der Umgangston mal rauer werde, hatte sein Coach bereits nach dem Halbfinale festgestellt.

Mit all seinem Ehrgeiz, seiner Disziplin und seinem Können schaut der BVB-Keeper hoffnungsvoll in die Hauptstadt, wo man gegen den FC Bayern diesmal sogar als leichter Favorit ins Rennen um den begehrten Pokal geht. Denn erst am Samstag wird die Saison des Rekordmeisters letztlich definiert. Das DFB-Pokalfinale gegen den westfälischen Erzrivalen wird darüber entscheiden, ob es nun nur eine gute oder gar eine sehr gute Saison für den Rekordmeister war. "Der Pokalsieg würde uns natürlich gut tun", weiß nicht nur Pep Guardiola. "Wir sind definitiv für Dortmund präpariert", betonte auch der in den Medien omnipräsente FCB-Kapitän Philipp Lahm: "Wir haben einen Titel in der Tasche, jetzt wollen wir den zweiten."

Sein Gegenüber Roman Weidenfeller und das Borussen-Team dürften das naturgemäß etwas anders sehen. Denn der BVB hat derzeit einen Lauf, ist in Top-Form und zudem hungrig. Die Lust nach diesem einen Titel ist riesengroß, ganz zu schweigen von dem Ansporn, den großkopferten Roten mit einem Triumph im Olympiastadion gehörig ins fade Weißbier spucken zu können. Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailHolger W. Sitter, 13.05.2014



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