Ausstellung "Tatort Stadion 2" im Borusseum eröffnet

Im Vorfeld des traditionellen Heinrich-Czerkus-Laufes wurde heute die von der unabhängigen Fan-Initiative Öffnet externen Link in neuem Fensterballspiel.vereint! nach Dortmund geholte Ausstellung "Tatort Stadion 2" durch den BVB-Präsidenten Dr. Reinhard Rauball eröffnet. Diese Ausstellung dokumentiert Diskrimierungen in Bereich des Fußballs - und auch was Fußball-Fans dagegen unternehmen. Seit 10 Jahren findet alljährlich an Karfreitag in Gedenken an Öffnet externen Link in neuem FensterHeinrich Czerkus der nach ihm benannte Lauf von der Roten Erde bis zum Mahnmal in der Bittermark statt. Der ehemalige Vereinswart von Borussia Dortmund wurde als Widerstandskämpfer gegen die Nazis von der Gestapo verfolgt, zum Ende des Zweiten Weltkriegs dann verhaftet und schlussendlich in den so genannten Karfreitagsmorden zusammen mit einigen hundert Menschen ermordet. Morde, für die übrigens die verantwortlichen Täter nie richtig zur Rechenschaft gezogen wurden. Die Ausstellung Öffnet externen Link in neuem FensterTatort Stadion 2 zeigt dabei auf verschiedenen Schautafeln die verschiedensten Formen der Diskriminierung - zu der eben nicht nur die leider bekannte Ausländerdiskriminierung gehört (auch beispielsweise im Umgang mit der Nationalmannschaft), sondern auch andere Formen wie Antisemitismus, Antiziganismus, Homophobie und Sexismus. Denn auch wenn es beispielsweise für die meisten Stadionbesucher normal ist, dass natürlich auch Frauen ins Stadion gehen, gibt es dennoch sexistische Klischees, die gerne mal daher gebölkt werden - oder auch wirtschaftlich genutzt werden, wenn beispielsweise spezielle Fankollektionen für Frauen in rosa angefertigt werden (siehe Abbildung). Da gibt es ja auch beim BVB entsprechende Merchandising-Artikel (wobei inzwischen die Anzahl fast auf 0 heruntergefahren wurde), was man dahingehend dann auch kritisch anmerken sollte. Zwar gibt es keine spezielle "Dortmunder" Tafel im Rahmen der Ausstellung (wohingegen andere Städte und Vereine dort auftauchen) jedoch haben die Initiatoren an geeigneten Stellen entsprechendes Dortmunder Fotomaterial hinzugefügt, welches das jeweilige Thema der Ausstellungstafel unterstreicht (siehe auch eines der folgenden Bilder). Die Ausstellung wurde durch zwei Redebeiträge eröffnet, die leider aus technischen Gründen nicht veröffentlicht werden können (der Ton ist bei den Videos nicht korrekt aufgezeichnet worden).

Zuerst sprach Dr. Reinhard Rauball in seiner Funktion als Präsident von Borussia Dortmund und zeigte sich erfreut, dass es endlich geschafft worden sei, die 2001 etablierte Ausstellung nach Dortmund zu holen. Er warb deutlich für die Ziele der Ausstellung und bedankte sich ausdrücklich bei ballspiel.vereint!, die die Ausstellung nach Dortmund gebracht haben.

Er zeichnete dabei auch ein Bild der geänderten gesellschaftlichen Verhältnisse - denn zu der Zeit als er juristisch ausgebildet wurde gab es beispielsweise noch den Öffnet externen Link in neuem Fenster§ 175 StGB, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte - und zwar wie Rauball festhielt, wurde man da nicht mit den moderaten Haftbedingungen in Gefängnissen konfrontiert, die man in der letzten Zeit in Bezug auf den Fußball öfters aus Bayern gesehen hat, sondern mit dem Zuchthaus.

Den anwesenden Gästen der Ausstellungseröffnung offenbarte er dann auch eine jüngste Entscheidung von Borussia Dortmund bzw. genauer gesagt des eingetragenen Vereins. Denn der Vorstand habe sich jetzt dazu entschieden einen mehr oder weniger prominenten bekannten Rechten aus dem Verein auszuschließen, da sein politisches Wirken sich nicht mit den Grundsätzen des BVB in Einklang bringen lassen würden. Hierzu würde der BVB in Kürze noch gesondert genauer informieren, so dass er deswegen auch in den Interviews danach nicht genau dazu sich äußern wollte. Hier ist jedoch davon auszugehen, dass damit Michael Brück gemeint ist (siehe auch die Ruhrbarone: Öffnet externen Link in neuem FensterBVB leitet Vereins-Ausschlussverfahren gegen Michael Brück ein); genaueres wird wohl in der kommende Woche bekannt werden. Nach Dr. Rauball sprach ein Vertreter der Initiative ballspiel.vereint! und lobte die Zusammenarbeit mit u.a. dem Verein, mit der Stiftung "leuchte auf" und dem Borusseum, erklärte noch einmal die Beweggründe, warum diese Ausstellung jetzt ihren Weg nach Dortmund gefunden hat, wie sie aufgebaut sei und was ihre Intention ist. Ein Ziel sei es beispielsweise, dass man auch die Rassisten, die gar nicht wissen, dass sie sich mit ihren Äußerungen rassistisch diskrimierend äußern, zu informieren und aufzuklären. 

Zusätzlich warben beide Redner auch für weitere Veranstaltungen, die nachfolgend aufgelistet sind (und zur Sicherheit noch einmal die Details zur neuen Ausstellung): 
  • Ausstellung Tatort Stadion 2: vom 18. April bis zum 28. April 2014 im Borusseum
  • Führung rund um den Borsigplatz Öffnet externen Link in neuem Fenster"Der BVB, Nazis und Widerstand": am 21. April 2014 (Ostermontag) um 17:30 Uhr
  • Vortrag mit Gerd Dembowski Öffnet externen Link in neuem Fenster"Diskriminierung und Antidiskriminierung im deutschen
    (Profi-)Fußball"
    : am 24. April 2014 um 19:09 Uhr
  • Theaterstück Öffnet externen Link in neuem Fenster"STEH DEINEN MANN": am 25. April 2014 um 19:09 Uhr (Einlass ab 18:30 Uhr)
Für die Veranstaltungen - bis auf die Ausstellung - sind aufgrund begrenzter Plätze vorherige Anmeldungen unter info (at) ballspielvereint.org notwendig.

Im Gespräch…

Nachfolgende Interviews wurden am Rande der Ausstellungseröffnung durchgeführt: Reinhard Rauball, Präsident von Borussia Dortmund und Ligapräsident:
Heute wurdet Tatort Stadion 2 im Borusseum eröffnet. Warum eigentlich erst jetzt? Die Ausstellung gibt es ja schon seit 2001.

Ja, das ist eine gute Frage! Die habe ich auch gerade in meinen Einführungsworten thematisiert. Aber ich weiß, dass The Unity glaube ich zu Beginn des letzten Jahrzehnts diesen Versuch schon gestartet hat, diese Ausstellung nach Dortmund zu bringen. Aber das scheiterte damals an Dingen, die mit Geld zu tun haben und deswegen ließ sich damals das nicht machen. Jetzt ist das etwas anders strukturiert und Borussia Dortmund unterstützt das, die Stiftung “leuchte auf” unterstützt das und wir sind der Meinung, dass es jetzt langsam Zeit wurde und freuen uns, dass es eben Zeit geworden ist.  Was sind die schlimmsten Formen von Diskriminierungen, die sie in Bezug auf Borussia Dortmund mitbekommen haben?

Meine Tätigkeit begann ja 1979 hier und ich habe die achtziger Jahre mit der Borussenfront mit erlebt. Das war sehr bedrückend weil es zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht das Bewusstsein vorhanden war und die Mittel nicht da waren um da so gezielt und effektiv gegen vorgehen zu können, wie das jetzt der Fall ist. Es ist trotzdem zu einer Beruhigung damals gekommen, aber dass das Thema gelöst worden ist, kann man ja nicht sagen, denn wir finden ja heute immer noch die Spuren der Borussenfront auch wieder und Protagonisten der damaligen Bewegung sieht man heute ja wohl auch auf der Tribüne. Das war sicherlich eines der Dinge. Dann war das. was mit Jens Lehmann passiert ist, etwas was glaube ich, nicht Borussia Dortmund-würdig ist. Auch die Aktivitäten jetzt im politischen Bereich in den letzten Jahren, die ja verstärkt dann auch betrieben worden sind, insbesondere in Richtung Rechts - wo aber dann durch eine Gegenbewegung gegen Rechts und gegen Rassismus dann versucht wurde das zu konterkarieren und das ist im erheblichen Maße gut gelungen. Aber es ist noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, wir müssen da wachsam bleiben, wir müssen da nachhaltig bleiben und deswegen werden wir alles unterstützen, was diese Tendenzen der Diskriminierung wieder so weit wie möglich zurückfährt.  Sie haben ja nicht nur ein Amt bei Borussia Dortmund, sondern sind über die DFL als Ligapräsident auch quasi für den Fußball in ganz Deutschland mitverantwortlich. Das ist ja jetzt nicht nur ein reines Dortmunder Problem, das gibt es auch in anderen Städten bzw. bei anderen Vereinen. Gibt es da auch entsprechende Initiativen? Ja, die gibt es auch. Ich war zusammen mit Wolfgang Niersbach auf der Abschlußveranstaltung der Fanveranstaltung in Frankfurt. Uns ist dort eine Resolution übergeben worden - vom MSV Duisburg, von Alemannia Aachen, von Eintracht Braunschweig und eben auch hier von Borussia Dortmund, wo die Dinge mal aufgezeigt worden sind, die es kritisch zu hinterfragen gilt und was vor allem dagegen gemacht werden kann. Kritisch zu hinterfragen in der Richtung was kann man machen, welche Möglichkeiten bestehen, wer kann mit ins Boot genommen werden, um hier diese Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung in den Griff zu bekommen. Das sind nur diejenigen, die eine Resolution übergeben haben. Beim Kaffee danach hat sich eben auch herausgestellt, dass auch viele andere Vereine davon betroffen sind. Wir haben jetzt alle diese Vereine, die uns da angesprochen haben, eingeladen und es hat auch schon Treffen gegeben, um das mit denen im Gespräch zu hinterfragen und Lösungen gemeinsam zu erarbeiten. Denn es gibt nicht die Lösung, die man von oben überstülpen kann und dann ist alles geregelt. Da ist sehr viel Kleinarbeit erforderlich, da ist auch sehr viel Mut und sehr viel Initiative erforderlich und deswegen freue ich mich so, dass diese Veranstaltung, die ich jetzt auch vorher gesehen habe von der Thematik aus allen Schattierungen heraus hier jetzt so populär ist. Sicherlich auch weil sie einen solchen Rahmen jetzt hat und auch in Verbindung mit dem Heinrich-Czerkus-Lauf hier stattfindet und deswegen freue ich mich, dass es Leute gibt, die diese Initiative so ergriffen haben.  Also empfehlen Sie allen Stadionbesuchern vorher mal hier vorbeizuschauen?

Das kann ich uneingeschränkt nur empfehlen! Interview mit einem Vertreter von ballspiel.vereint! Die Ausstellung Tatort Stadion 2 wurde von ballspiel.vereint! nach Dortmund geholt. Was aber ist eigentlich ballspiel.vereint!? ballspiel.vereint! ist eine Initiative von Fans und Fanclubs der Dortmunder Fanszene, die einen antidiskriminierenden Konsens in der Dortmunder Fanszene etablieren möchte, so dass sich jeder antidiskrimierend äußern kann und dass keiner Angst haben muss, auf der Tribüne diskriminiert zu werden. Auch dass man nicht mehr von der Außenwahrnehmung nur noch hier als die Dortmunder "Nazifans" wahrgenommen wird.  Eine Eurer ersten Aktionen ist jetzt hier die Ausstellung. Beschreib die Ausstellung doch mal kurz mit ein, zwei Sätzen: Die Ausstellung wurde 2001 erstmals von dem Bündnis aktiver Fußballfans (B.A.F.F.) entwickelt, sie ist eine Wanderausstellung und es werden halt Diskriminierungsformen und wie man sich dagegen als Fußballfan wehren kann dargestellt und was in den Stadien bisher passiert ist…  Ist die Situation inzwischen nicht schon etwas entspannter? Es gab ja mal Zeiten, da waren auf den Tribünen ganz andere Leute…

Ja klar gab es solche Zeiten, allerdings ist es auch ja so, dass wenn die Tribüne nichts mehr gegen Schwule ruft, dann kann trotzdem jemand daneben stehen und das nur leise rufen und wenn da jemand in der Nähe einer steht, der homosexuell ist, der kann sich dann auch diskriminiert fühlen.  Was genau sieht man alles in der Ausstellung? Wie sieht das Konzept mit den Schautafeln aus?

Jede Tafel hat ihr eigenes Thema, dann wird auch auf die einzelnen Diskriminierungsformen wie Homophobie, Sexismus, Antiziganismus usw. eingegangen, aber auch auf einzelne Personengruppen wie die Funktionäre, die Fußballfans, besonders Ultras und Hooligans, den Fußball in Österreich usw. Ich habe gesehen, dass es auch städte- bzw. vereinsbezogene Tafeln gibt - da gab es beispielsweise was zu Bremen und zu 1860 München. Aber keine zu Dortmund. Warum eigentlich nicht? Das hat sich jetzt auch aufgrund der Kurzfristigkeit nicht ergeben, wir wollen aber jetzt auch mal schauen, wie die Ausstellung jetzt so ankommt, aber auf Dauer wäre so etwas natürlich auch sehr schön!  Die Eröffnungsveranstaltung heute ist sehr gut besucht - das soll die nächsten Tage so weiter gehen?

Ja, wir haben aber auch gerade das Borusseum als Ausstellungsfläche gewählt, um auch Laufpublikum zu wählen. Wir hoffen aber auch, dass viele Leute gezielt herkommen um die Ausstellung zu besuchen.  Wer also jetzt die Tage hier ein BVB-Spiel besucht, sollte unbedingt hier vorbeischauen?

Genau, innerhalb der nächsten neun Tage kann man die Ausstellung kostenfrei besuchen, allerdings nicht das Borusseum selbst - das müsste dann extra bezahlt werden.
  Also wer die Partien Öffnet externen Link in neuem FensterBorussia Dortmund vs. FSV Mainz 05 (am 19.04.2014, siehe auch den verlinkten Vorbericht) oder Borussia Dortmund U 23 vs. SV Wehen Wiesbaden (am 25.04.2014) sich anschaut, sollte vielleicht etwas eher als sonst vor Ort sen, um sich die Ausstellung anzuschauen.
Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-Mail Jens Matheuszik - 19.04.2014


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