Eine Schwalbe und ihre Folgen

Das Spitzenspiel des 13. Spieltags zwischen RB Leipzig und Schalke 04 war kaum angepfiffen, als sich die Szene des Wochenendes abspielte, die für den höchsten Gesprächsstoff sorgen sollte: RB-Stürmer Timo Werner wird vor dem Strafraum kurz vom Schalker Verteidiger Naldo gehalten, läuft noch einige Schritte und lupft das Spielgerät über den herauseilenden Torhüter Fährmann Richtung Toraus. Ohne dass ein Kontakt zwischen Angreifer und Keeper stattfindet, lässt sich der U-21-Nationalspieler im gegnerischen Strafraum fallen.

Schiedsrichter Dankert bewertet die Szene völlig falsch, verwarnt den Schalker Schlussmann mit Gelb und entscheidet fälschlicherweise auf Strafstoß. Selbigen verwandelt der Leipziger Neuzugang zur 1:0 Führung der Gastgeber. Der Grundstein für den späteren 2:1 Heimsieg war gelegt.

Eine Szene – Viele Sichtweisen


Im Focus lassen sich später die wichtigsten Zitate der handelnden Akteure nachlesen. So äußerte sich Werner wie folgt: „(…) Es tut mir leid, dass es nach einer Schwalbe aussieht, das war nicht meine Intention. Ich habe dem Schiedsrichter später auch gesagt, dass von Fährmann kein Kontakt ausging. Ich glaube, er hat das in der Hektik überhört. Von Fährmann war es auf keinen Fall ein Foul, aber Naldo reißt mich klar um."



Zugutehalten muss man dem Nachwuchsprofi, dass er sein Fehlverhalten später eingeräumt hat: „(…) Natürlich sieht es dann nicht nur nach einer Schwalbe aus, sondern es ist eine - Punkt. Denn wenn Fährmann mich nicht berührt, was ich ja immer bestätigt habe, was ist es sonst?" Die TV-Bilder ließen da aber auch keine andere Reaktion mehr zu.

Aus der Sicht des Unparteiischen Dankert hört sich die Szene wie folgt an: „Die Berührung von Naldo an Werner erkenne ich auch. Die war aus meiner Sicht aber nicht strafstoßwürdig. Ich habe dann leider einen Kontakt von Fährmann an Werner wahrgenommen, den es nicht gab."

Uneinig sind sich die handelnden Personen darüber, wer sich im entscheidenden Moment mit wem unterhalten hat. „Wenn mich Naldo nicht so umreißt, umspiele ich den Torwart und schiebe den Ball locker ins Tor. Am Punkt war der Schiedsrichter kurz da. Ich habe gesagt, wenn dann muss Naldo die Gelbe Karte bekommen, nicht Fährmann“, so Werner.

Die Aussagen des ehemaligen Stuttgarters werden von seinem Kontrahenten Fährmann bestätigt: „(…) Das ist ja das Ärgerlichste an dieser Situation. Werner sagt, dass ich ihn nicht foule, ehrlicher kann man nicht sein in dieser Situation. Da muss man ihm Respekt zollen, super Sportsmann. Der Schiedsrichter steht einen Meter daneben und hört das. Dass er dann nicht handelt, finde ich umso ärgerlicher."

Dementiert werden diese Äußerungen allerdings vom Referee: „Es hat kein Gespräch zwischen mir und Timo Werner stattgefunden. Ich habe Werner vor dem Elfmeter gefragt: 'Was war denn?' Aber da kam nichts, und dann habe ich den Elfmeter ausführen lassen."

Im Prinzip steht da Aussage gegen Aussage. Anzweifeln lässt sich jedoch die Wahrnehmung von Timo Werner, der ein reißen seines Gegenspielers Naldo gespürt haben möchte. Auf den Fernsehbildern lässt sich im entscheidenden Moment jedoch nur ein kurzes Halten erkennen. 

Diskussion über den Videobeweis ist neu entfacht


Über die Einführung des Videobeweises wird jetzt wieder diskutiert werden findet Sebastian Fischer von der Süddeutschen Zeitung: „Sollte sich kein Untersuchungsausschuss mit dem Thema befassen, wird die Frage nach den Inhalten der Gespräche wohl ungeklärt bleiben. Der Videobeweis, da waren sich alle einig, hätte das Problem gelöst; nur ist der ja noch nicht eingeführt.

Rangnick sagte, er sei froh, dass über den Videobeweis nun wieder diskutiert werde; als Andy Möller 1995 abhob, waren technische Hilfen noch Science-Fiction. Möllers Schwalbe führte damals zum 2:1-Sieg für Dortmund. Wenig später gewann der BVB um den herausragenden Möller die Meisterschaft, verteidigte in der folgenden Saison den Titel, gewann die Champions League.“

RB Leipzig und sein Image


Der Aufsteiger ‚erfreut‘ sich allgemeiner Antipathien. Das Finanzgebaren von Klubmäzen Dietrich Mateschitz stößt vielen traditionsbewussten Fans sauer auf. Es ist der Eindruck entstanden, dass der Klub nur Teil der Marketingstrategie des Red Bull-Konzerns ist.



Das Ansehen des unbeliebten Aufsteigers hat durch das Verhalten seines Angreifers weiter gelitten. Das findet zumindest Lutz Wöckener von der Welt: „Die Sorge um das Image, sie war greifbar. Während die Zuschauer den Fortbestand der Tabellenführung feierten, lief bei den Offiziellen das Krisenmanagement an. Sie dürften ahnen, dass sie dieser Abend um Monate zurückwerfen und wichtige Punkte kosten wird: Sympathiepunkte.

Die Kritiker, mit den Erfolgen und der positiven Außenwirkung in den vergangenen Wochen mundtot gemacht, eröffneten bereits während der ersten Halbzeit in den Sozialen Netzwerken das Feuer. Der Tenor: RB Leipzig, Red Bull, Schwalbe, Betrug – wen wundert‘s?! Eine Dose als Mogelpackung. So ungerecht es ist, die Tat eines einzelnen Spielers stellvertretend auf den Habitus eines gesamten Klubs oder gar Konzerns zu übertragen, so falsch war es zuletzt allerdings auch, die fragwürdige Vereinschronik beim Blick auf den tollen Tempofußball zu vergessen. RB Leipzig ist ein einzigartiger Verein. Und das Urteil darüber sollte jeder für sich selber fällen. Unabhängig von Toren, Siegen oder Schwalben.“

Die Folgen


Soll der 20-jährige ehemalige Stuttgarter für sein Fehlverhalten nachträglich gesperrt werden? Diese Frage wird in der Rheinischen Post mit Nein beantwortet: „Timo Werner von RB Leipzig droht derweil keine nachträgliche Schwalbe. Der Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Bastian Dankert (Rostock) war eine "nicht angreifbare Tatsachenentscheidung". Im Unterschied zur Aktion von Möller, bei der kein Gegenspieler in unmittelbarer Nähe war, musste Werner in der Laufbewegung zurückziehen. So argumentierte der DFB zumindest nach der klaren Schwalbe von Bayern Münchens Arturo Vidal beim 4:0 im DFB-Pokalhalbfinale gegen Werder Bremen, als der Chilene vor dem Elfmeter zum zwischenzeitlichen 2:0 ohne Kontakt zum Gegenspieler abgehoben war.“



Aus sportrechtlicher Sicht ist der Vorfall damit also offensichtlich beendet. Genauso sollte man ihn auch aus moralischer Sicht nicht überbewerten. Ein junger Mensch hat einen Fehler begangen und sich dafür entschuldigt. Es bleibt zu hoffen, dass der Kicker aus der Angelegenheit gelernt hat und sie somit einen gewissen erzieherischen Effekt hat.

Gedanken sollte man sich eher darübermachen, wie sich die Kommunikation zwischen Spielern und Schiedsrichtern in Zukunft verbessern lässt.

Last but not least, die alte Debatte um den Videobeweis. Hier sollten die Herren der DFL endlich mal einen Konsens finden, um die moderne Technik zukünftig im Sinne der Fairness zu nutzen. Denn dann lässt sich das Risiko solcher Auseinandersetzungen leicht minimieren. ´

Opens window for sending emailRamon Budde, 05.12.2016 - Fotos: Getty Images; Archiv


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