Was war denn da los?

Die Presse reibt sich verwundert die Augen: Warum haut der Trainer öffentlich so heftig auf die eigene Mannschaft ein? Treibt er dabei nicht ein gefährliches Spiel?

Ja, Thomas Tuchel war sauer, sehr sehr sauer. Seine Mannschaft hatte nicht gut gespielt und am Ende in Frankfurt verloren. Wer den BVB-Coach aber danach in der Pressekonferenz gesehen hatte, fragte sich, warum macht der Mann das? Es ist sicher völlig okay zu sagen: „mit dieser Leistung, kannst du auswärts nichts holen“. Aber seine Unzufriedenheit schon mit den Trainingstagen nach dem Champions League-Spiel öffentlich zur Schau zu stellen und – vielleicht ironisch gemeint – zu sagen: „Die Art und Weise, wie wir aus der Kabine sind – da hätte es mich fast gewundert, wenn wir kein Tor bekommen hätten“.

Uuups – was ist das? Thomas Krause titelt auf stern.de dann auch gleich „Warum sich BVB-Coach Thomas Tuchel dringend coachen lassen sollte“. Er vermisst bei Tuchel Sportsgeist und schreibt, der habe „wie ein beleidigter Grundschüler öffentlich über sein eigenes Team hergezogen“. Wahrlich kein gutes Zeugnis für den BVB-Trainer. Allerdings muss er da noch mehr aushalten. Sebastian Wessling überschreibt seinen Artikel in der Berliner Morgenpost ebenfalls mit einer wenig schmeichelhaften Aussage: „Dortmunds Trainer Tuchel vergisst sich.“ Und die Bildzeitung schreibt von Tuchles Eigentor.

Gefahr fürs Binnenklima

Tuchel habe, so schreibt Wesseling weiter, es schon unmittelbar nach der Partie geschafft, das Binnenklima beim BVB um einige Grad zu senken.  Das sei kein spontaner Ausbruch, sondern eine kühl kalkulierte Generalabrechnung gewesen mutmaßt der Autor. Die Süddeutsche ergänzt: „Die Äußerungen des Trainers nach dem 1:2 in Frankfurt lassen auf eine gewaltige Missstimmung im BVB-Klima schließen“. Tuchels Tirade sei so eisig, dass im Pressesaal sogleich akute Frostgefahr herrschte. „Es war ein Auftritt, den in dieser Form selbst ständige BVB-Begleiter selten erlebt haben“.



Viele Journalisten vermissten einen Teil Selbstkritik beim Trainer. Immerhin seien auch taktischen Mängel Schuld an der Niederlage gewesen, konstatieren Sie. Und das sei eindeutig das Hoheitsgebiet des Trainers. „Berühren die Defizite ohne Ende, von denen Tuchel spricht, nicht auch den Verantwortungsbereich des Trainers?“, fragt Frank Hellmann in der Frankfurter Rundschau. Und Sebastian Mittag schreibt auf Sport1.de „Tuchel muss sich aber schon die Frage gefallen lassen: Warum nutzte er die Halbzeitpause nicht dazu, seinen Profis diese Lethargie auszutreiben? Auch die Trainingsleistungen vor dem Spiel gefielen Tuchel nicht. Warum steuerte er dann nicht schon im Training entgegen?“

Überhaupt fragt man sich, warum die Mannschaft die Stabilität, die Tuchel gern sehen würde nicht hinbekommt. „Für eine Mannschaft, die nach den Abgängen von drei wichtigen Schlüsselspielern im vergangenen Sommer noch auf der Suche nach Automatismen und Homogenität ist, ist es nicht einfach, sich immer wieder umstellen zu müssen“, formuliert Oliver Müller in der Welt. Auch die erste Dreier-Auswechselung BVB-Bundesliga-Geschichte könnte ein zusätzlicher Beleg sein, dass er mit der Startelf zumindest kein besonders glückliches Händchen hatte, so Müller weiter. Sport1 schreibt von „Überrotation“. Das Team sei auf der Suche nach Automatismen fasst die Berliner Morgenpost zusammen. Das sei aber ganz schwer, „wenn der Trainer seine Mannschaft durcheinander wirbelt, acht Neue bringt. Und im dritten Spiel binnen einer Woche die dritte taktische Formation wählte.

Überzogene Kritik

Sebastian Weßling findet in jedem Fall, Tuchels Kritik überzogen. Auf derwesten.de schreibt er: „Das geht selbst nach einem schwachen Auftritt wie jenem in Frankfurt zu weit, weil es die Spieler grundsätzlich und umfassend abqualifiziert.“ Ein Anführer stelle sich auch mal vor seine Truppe, gebe sie nicht zum Abschuss frei und eröffne schon gar nicht als erster das Feuer. „Und er nimmt sich nicht aus der Kritik. Denn auch die Aufstellung, die Tuchel gegen Frankfurt wählte, war nicht unbedingt über alle Zweifel erhaben“, kritisiert Weßling.



Und auch Freddie Röckenhaus in der Süddeutschen schüttelt nur den Kopf: „Tuchel wirkte hochgradig beleidigt - und bei solch öffentlich vorgebrachter Kardinalkritik müssen die Versäumnisse eigentlich tiefer liegen. Haben die Spieler nach Trainer-Meinung die Erfordernisse für den Bundesliga-Alltag nicht erkannt?“ Also beginnt jetzt die Spekulation, inwieweit stimmt es zwischen Trainer und Mannschaft nicht mehr? Für die Süddeutsche klang „schon aus dem ersten Statement eine gewaltige Distanz heraus“. Und Sebastian Mittag warnt auf Sport1 schon „mit dieser Art von Menschenführung kann ein Trainer schnell seine Mannschaft verlieren. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Team den Coach nach öffentlicher "Hinrichtung" hängen lässt.“

Wenn es denn stimmt, dass Tuchel mit dem eigenen Chefscout seit geraumer Zeit wegen persönlicher Animositäten nicht mehr spricht, wie auch Mittag weiter behauptet, ist tatsächlich etwas faul im Staate Dänemark – pardon – Borussia. Ob das alles schon intern abgehakt wurde ist unklar. Allerdings kamen die Spieler zum um 10 Uhr angesetzten öffentlichen Training erst fünf Minuten vor elf auf den Platz – das spricht dafür, dass ein bisschen geredet wurde. Wir sind gespannt.


Opens window for sending emailAndreas Römer, 28.11.2016



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