Jokertore halten Eintracht auf Kurs

Das Attribut Überraschungsmannschaft kann in diesen Tagen fast schon inflationär vergeben werden. Dass der finanzstarke Aufsteiger aus Leipzig nach 11. Spieltagen die Bundesliga anführt, damit konnte man nicht unbedingt rechnen. Darüber hinaus finden sich mit dem 1. FC Köln und der TSG 1899 Hoffenheim zwei Vereine im oberen Tabellendrittel wieder, die dort vor der Saison nicht zu erwarten waren.

Punktgleich mit den genannten Klubs liegt eine Elf, die den Klassenerhalt 2015/16 erst über den Umweg Relegation feiern konnte: Eintracht Frankfurt. Die Hessen liegen momentan nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz unterhalb der Plätze, die im kommenden Jahr zu internationalem Fußball berechtigen.



„Die Eintracht ist seit nunmehr sechs Pflichtspielen ohne Niederlage und lieferte erneut einen Beleg für eine steile Lernkurve unter Trainer Niko Kovač. Die Hessen rangieren mit 21 Punkten direkt hinter den Europacup-Plätzen“, schreibt sport.de.

Debütant wird zum Helden

 Am gestrigen Sonntag bestätigten die ‚Adler‘ ihre bisherigen Saisonleistungen beim 2:1 Auswärtssieg im Bremer Weserstadion, der eine ganz besondere Geschichte bot. Zur Pause lagen die Gastgeber mit 1:0 in Führung. Nur sieben Minuten nach dem Wiederanpfiff sorgte der kurz zuvor eingewechselte Routinier Alex Meier für den zwischenzeitlichen Ausgleich. Zum Matchwinner wurde dann in der 90. Minute ein Spieler, dem SGE-Trainer Niko Kovac erst eine Viertelstunde vorher zu seinem Bundesligadebüt verholfen hatte: Aymen Barkok.

„Es sind aufregende Zeiten für Barkok. Vor vier Wochen erst hat der in der A-Jugend spielende Teenager einen Profivertrag erhalten. Auf den ersten Blick als Notlösung, damit zwölf Deutsche auf der Kader-Liste stehen. Aber Trainer Niko Kovac und Sportdirektor Bruno Hübner hatten sich mehr dabei gedacht. „Wir haben ihn in der A-Jugend beobachtet, und in der U-Nationalmannschaft spielt er ja auch“, sagte Kovac gestern: „Er hat sich den Einsatz verdient, auch weil er während der zweiwöchigen Länderspielpause sehr gut gearbeitet hat.“ Der Trainer wollte den groß gewachsenen Mittelfeldspieler schon bei den letzten beiden Spielen bringen. Am Ende hatten taktische Erwägungen seinen Einsatz vereitelt“, zeichnet die Frankfurter Neue Presse den bisherigen Karriereweg des 18-jährigen Talentes nach.

Ralf Weitbrecht von der FAZ schildert den entscheidenden Treffer wie folgt: „Dass es so schnell gehen würde, hätte sich Aymen Barkok nicht in seinen kühnsten Träumen ausgemalt. Doch der Jungprofi der Eintracht, gerade mal 18 Jahre alt, hat bei seinem Bundesliga-Debüt am Sonntag für den Knalleffekt gesorgt. Es geschah in der 90. Minute, als der eingewechselte Barkok, dem zuvor viele Fehler unterlaufen waren, „weil ich total nervös gewesen bin“, Maß nahm. Mit dem linken Fuß schlenzte er in bester Alexander-Meier-Manier den Ball aus 18 Metern in das linke Eck des Bremer Tores. Barkoks Volltreffer war gleichbedeutend mit dem 2:1-Auswärtssieg der weiterhin famosen Frankfurter.“

Frank Hellmann von der Frankfurter Rundschau analysiert dagegen die taktischen Finessen von Niko Kovac, die letztendlich zum Erfolg führten: „Die Hessen waren zum dritten Male in Folge mit einer Auswärtstaktik angetreten, die Meier einen Bankplatz bescherte. Stattdessen agierte der zehn Jahre jüngere Branimir Hrgota als Sturmspitze, die links vom flinken Mijat Gacinovic und rechts vom trickreichen Marco Fabian flankiert wurde. Trainer Kovac allerdings sah auch, dass dem Offensivspiel Punch und Power abging. Hrgota war eine einzige Enttäuschung. Erst mit der Änderung in der Halbzeit – für Meier musste der matte Szabolcs Huszti raus – kam die Eintracht besser auf Touren. „Mit den beiden Stürmern hatten wir mehr Tiefe im Spiel, haben nicht mehr so sehr in die Breite gespielt“, sagte Sportdirektor Hübner. „Entscheidend war die Hereinnahme von Alex Meier.“

Neue Ballsicherheit im Spiel der Eintracht

 In der vergangenen Saison verspielte die Eintracht den direkten Klassenerhalt an der Weser. Daran erinnert Ralf Mulot vom Online-Magazin SGE4ever.de: „Es liegt nahe, in den Begegnungen zwischen Werder Bremen und Eintracht Frankfurt vor allem die letzten Minuten in den Fokus der Betrachtung zu legen. Während vor einem halben Jahr noch die Hanseaten jubeln und den Klassenerhalt feiern konnten, waren es gestern die Hessen, denen der nicht mehr erwartete Siegtreffer kurz vor Spielende gelang. Damit erschöpfen sich die Vergleiche zur letzten Saison aber schon fast, denn beide Mannschaften haben sich im Laufe der letzten sechs Monate gründlich verändert. Vor allem die SGE hat mit dem unsicheren und verunsicherten Team aus der Endphase der Veh-Ära kaum mehr etwas gemein. Mit nunmehr 21 Punkten und einem stattlichen Polster auf den Relegationsplatz gehört Eintracht Frankfurt zu den Überraschungsmannschaften dieser Saison. Nachdem die Jungs von Niko Kovac auch den Stresstest in Bremen erfolgreich absolviert haben, lohnt sich ein Blick auf die Erfolgsfaktoren der letzten Zeit.“



(…) „Die Entwicklung des Teams ist vor allem in spielerischer Hinsicht erstaunlich. Auch wenn es manchem anmaßend erscheinen mag: Das Auftreten der SGE in der Anfangsphase des Bremen-Spiels erinnerte an die Reife und Klasse der Bayern in ihren Hochzeiten unter Guardiola. Der Ball wurde mit großer Sicherheit in den eigenen Reihen gehalten, die Räume dichtgemacht, die Defensive wusste, klug zu verschieben, und gelegentlich entwickelten Fabián und Gacinovic kreative Ideen, für die sich in der Spitze aber kein Abnehmer fand“, schreibt der Redakteur weiter. 

Spitzenspiel in der Commerzbank-Arena

Der guten Arbeit von Niko Kovac ist es geschuldet, dass sich das nächste Heimspiel der Eintracht durchaus als Spitzenspiel des 12. Spieltags ansehen lässt. Zu Gast ist der punktgleiche Tabellennachbar aus Dortmund. Nur aufgrund der besseren Tordifferenz kommt Schwarz-Gelb als Tabellendritter an den Main. Die Fans beider Teams können sich also auf hochklassige 90 Minuten und vor allem eine wichtige Standortbestimmung freuen.

Opens window for sending emailRamon Budde, Fotos: Archiv - 21.11.2016





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