Lasst es endlich zu Ende gehen

Selten waren sich alle so einig: Der HSV ist endgültig dran – muss endlich mal absteigen. Mit der 2:5-Pleite gegen Borussia hat der HSV nicht nur Uwe Seeler seinen 80. Geburtstag versaut, sondern sich auch in erbärmlicher Verfassung präsentiert.

Schon vor gut eineinhalb Jahren haben selbst wir hier gefordert: „Steigt endlich ab!“ und haben den HSV gemeint. Fünf Spiele hatte die Truppe zum Saisonende in Folge vergeigt und hat es mit gerade einmal mickrigen 27 Punkten geschafft, den Relegationsplatz und am Ende sogar die Liga zu halten. Und das nachdem man im Jahr zuvor ebenfalls nur mit Ach und Krach über Platz 16 und die Relegation in der Bundesliga geblieben war.

Doch der Hamburger Sportverein hatte in der vergangenen Saison sportlich ein bisschen besser ausgesehen und schaffte im Mai mit Platz 10 und 41 Punkten sogar einen schönen Mittelfeldplatz. Dazu gab’s dann noch mal 30 Millionen vom persönlichen Melk-Sponsor Kühne, mit der man die Mannschaft verstärken und Platz 6-8 anstreben sollte. Es war mit Herrn Kühne vereinbart, die Kohle sei nur zurückzuzahlen, wenn der Verein die "Internationalen Plätze" belegt. Scheinbar haben die Verantwortlichen beim HSV da was falsch verstanden und tun alles, damit dieser Fall auf gar keinen Fall eintritt.

Nach zehn Spieltagen schaffte das Team bislang mickrige zwei Pünktchen und ziert völlig zur Recht den letzten Tabellenplatz der Eiliteklasse. Selbst als man am Ende schlappe 27 Punkte sein Eigen nennen konnte, hatte der Verein nach zehn Runden mit 12 Punkten eine deutlich bessere Bilanz aufzuweisen.

Hamburger Schauerspiel

„Heilloses Durcheinander in der Führung, spottendes Publikum und nur zwei Punkte aus zehn Spielen: Das kickende Personal beim HSV kann einem wirklich leid tun“, schreibt Christian Kamp in der FAZ. Vom „Hamburger Schauerspiel“ ist da weiter die Rede. Lutz Wöckener listet in der Welt gleich „Zehn Gründe, warum der HSV endlich absteigen muss“ auf. Und weiter schreibt er: „Der Hamburger SV ist ein unheilbar Kranker, röchelnd und siechend. Vitalfunktionen sind kaum noch erkennbar beim chronisch kranken HSV, seit Jahren nur noch künstlich beatmet von den Millionen eines Investors. Der Gang in die Zweite Liga wäre für alle das Beste.“



Dem mag man nicht widersprechen. Zu trostlos das Gekicke der Jungs in den roten Hosen, die es der Borussia einfach machte, fünf Tore im Schongang zu erzielen. „Eine derartige Tristesse und vor allem eine solche Hoffnungslosigkeit auf Besserung habe ich noch nicht erlebt, seit ich in das Stadion gehe“, kommentiert  bei NDR-Sportchef Gerd Gottlob. Für der Fernseh-Journalisten ist die Vereinsführung schuld: „Der elende Fußball, den die psychisch so schwer angeschlagene Mannschaft am Sonnabend bot, ist lediglich das Resultat einer langen Reihe von krassen Fehlern und Fehleinschätzungen der Führungsetage.“

Radikaler Neuanfang

Er glaubt, „dass der HSV einen radikalen Neuanfang braucht, damit die immer gleiche, derzeit völlig unrealistische und unangemessene `Wir sind ein Topverein‘-Haltung ein Ende hat.“ Gottlob kommt so richtig in Rage: „Die werden einmal Zehnter nach zwei katastrophalen Jahren und geben das Ziel Platz sechs bis acht aus! Kühne haut 30 Millionen rein und dann muss das doch machbar sein. Was für eine verheerende Fehleinschätzung. Da der HSV zweimal dem Bundesliga-Tod von der Schippe gesprungen ist, gab es keinen erzwungenen Neuanfang. So wahrscheinlich wie in dieser Saison ist der Abstieg noch nie gewesen. Mit über 100 Millionen Verbindlichkeiten in die Zweite Liga? Das wird ein Überlebenskampf!“



Und auch Julian Meißner stellt auf Sport1-Online nüchtern fest: „Die Uhr ist abgelaufen. Der Abstieg ist längst überfällig.“ Der HSV-Kenner kommentiert weiter: „Auch Seeler muss einsehen, dass sein Klub in der Bundesliga aktuell nichts mehr zu suchen hat. Bei den Fehlern, die die Hamburger begehen - sportlich wie strategisch - stellen sich einem die Nackenhaare auf. Mittlerweile ist das fast ein Dauerzustand bei Spielen der Hanseaten oder neuen Fehltritten der Führungsmannschaft.“

"Dem HSV fehlt ein zeitgemäßer Architekt, der Klub lebt von der Vergangenheit“, findet auch die Süddeutsche. Peter Burghardt bringt es auf den Punkt: „Der HSV ist derweil auf dem besten Wege, erstmals seit deren Gründung 1963 tatsächlich aus der Bundesliga abzusteigen.“ Für den Berliner Tagesspiegel und seinen Kommentator Frank Lüdecke dürfte es daran gar keinen Zweifel geben. Unter der Überschrift „Die Lage beim HSV ist schwierig, aber aussichtslos“ sucht er vergeblich nach Hoffnungsschimmer: „Ich muss ehrlich sagen, ich finde, das Wort „schwierig“ entspricht nicht ganz der aktuellen Hamburger Lage. Denn in dem Wort „schwierig“ steckt auch etwas Kämpferisches. Die Lage ist schwierig, aber … und dann kommt doch immer irgendwas Positives. Etwas, das Hoffnung vermittelt. Was sollte das sein, in Hamburg?“

Woher soll die Hoffnung kommen?

Ja woher soll die Hoffnung denn kommen? Der Hamburger Morgenpost fällt da auch nicht mehr viel ein: „Die schlimmste Party aller Zeiten. Was der „Dino“ vor dem Wechsel bot, war ein fußballerischer Offenbarungseid und der Auftritt eines kommenden Absteigers.“ Doch noch immer regt sich ein Fünkchen Hoffnung. Fans werden sicher nicht so schnell aufgeben. Das ist nachvollziehbar. Doch selbst die draufhauenden Journalisten wollen sich noch nicht endgültig verabschieden. Da glaubt Christian Kamp in der FAZ „Auch wenn die Wahrscheinlichkeiten bei zwei Punkten nach zehn Spielen gewiss nicht für den HSV sprechen: Verloren ist noch nichts.“



In die gleiche Richtung geht der Gedanke von Julian Meißner auf Sport1-Online: „Natürlich ist die Situation nach dem 10. Spieltag eine Momentaufnahme und die Wende noch zu schaffen. Wenn man die Fans zurück gewinnt. Nicht wieder sofort den Trainer feuert. Vielleicht, indem man dem offensichtlich überforderten Dietmar Beiersdorfer einen fähigen Sportdirektor zur Seite stellt. Einen Plan entwickelt, anstatt panikhaft Millionen des Investors Klaus-Michael Kühne zu verpulvern. Die Erwartungshaltung in realistischem Rahmen hält.“ Allerdings ist Meißner doch klug genug sich selbst wieder einzuschränken: „Nur: Kann man dem HSV eine erneute Rettung überhaupt noch wünschen?“

Ebenfalls mögen nur die größten Optimisten aus dem Kommentar von Sebastian Wolff im Kicker noch Positives für den HSV rauslesen: „Die Fans wenden sich ab, Trainer und Spieler demonstrieren offen ihre Uneinigkeit über die Ausrichtung - sicher ist nur eines: Die Problemkette des HSV ist noch lang. Und scheint in dieser Konstellation kaum mehr zu lösen.“

Angst, dass wir auch in der nächsten Saison den HSV in der erste Liga kicken sehen, muss man trotzdem haben. Auch Ingolstadt taumelt und mit Darmstadt und Bremen sind zwei weitere Vereine den Beweis von Bundesligatauglichkeit bislang schuldig geblieben. Also HSV – vielleicht klappt’s ja wieder mit Rang 16….

Opens window for sending emailAndreas Römer, 7.11.2016






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