Von Strohhalmen und Verletzungspech – Die Krise beim VfL Wolfsburg

Es ist noch keine anderthalb Jahre her, da galt der VfL Wolfsburg als potentieller Bayernjäger der kommenden Jahre. Die ‚Wölfe‘ hatten erstmals in der Vereinsgeschichte den DFB-Pokal gewonnen und landeten in der Liga hinter dem Rekordmeister auf Platz 2. Was folgte, sorgte für Ernüchterung bei den Fans und Verantwortlichen der Grün-Weißen.

Leistungsträger wie Kevin De Bruyne und Ivan Perisic waren nicht zu halten und konnten nie adäquat ersetzt werden. Die Krise beim örtlichen Automobilkonzern und Hauptsponsoren des Klubs sorgten für das Übrige. Die Saison 2015/16 endete auf einem enttäuschenden 8. Platz. Allein das Erreichen des Viertelfinales der Champions League löste Begeisterungsstürme in der Volkswagenarena aus. 

Über einen Platz im Mittelfeld würde man sich momentan freuen am Mittellandkanal. Nach der 1:2 Heimniederlage gegen das ebenfalls schwächelnde Bayer Leverkusen rangieren die Niedersachsen auf dem Relegationsplatz. Der Trainerwechsel von Dieter Hecking zu Valérien Ismael blieb bisher wirkungslos.

Klaus Allofs und die offene Trainerfrage


Wenig überraschend ist, dass der Franzose vermutlich nur eine Interimslösung auf der Bank des VfL bleiben wird. So äußerte sich Geschäftsführer Klaus Allofs branchentypisch zur offenen Trainerfrage: „Wir haben einige Dinge abgearbeitet und auch schon Gespräche geführt. Das gebe ich zu, aber ich werde niemals irgendwelche Namen bestätigen.“



Aber auch an dem 59-jährigen ist die Krise nicht spurlos vorbeigegangen: „In der Führungsetage und auch bei Eigner VW wird nicht nur die verfehlte Transferpolitik des Managers argwöhnisch beäugt. Auch seine Beziehungen zum umstrittenen Spielervermittler Giacomo Petralito machen den Verantwortlichen Sorgen. Der Italiener agiert zwar offiziell nicht mehr im Namen des VfL, ist aktuell aber dennoch auf dem Trainermarkt aktiv. (…) Klar ist: Allofs' nächste Entscheidung in der T-Frage muss sitzen. Interimslösung Valérien Ismaël hat wohl keine Zukunft. Erste Gespräche soll es mit dem Portugiesen André Villas-Boas gegeben haben. Dieser absolviert momentan allerdings eigentlich ein Sabbatical und ziert sich noch“, berichtet sport.de.
 

Verletzungspech oder Transferfehler?


Die Frankfurter Rundschau geht auf Ursachenforschung: „Die Stimmung beim VfL hat nach dem 1:2 gegen Bayer also den nächsten Tiefpunkt erreicht, es war das achte sieglose Spiel im neunten Versuch in dieser Saison, und spätestens jetzt ist klar, wie fest die Krise sitzt. Sie ist weit mehr als nur der verkorkste Saisonstart einer wieder einmal großflächig und mit viel Geld umgebauten Mannschaft. Anstatt um den Einzug in den Europapokal zu spielen, wie es das Ziel des von VW finanzierten Klubs ist, stecken die Wolfsburger im Abstiegskampf, und es ist nicht ersichtlich, wie sie sich daraus so schnell befreien wollen. Das Spiel gegen Leverkusen war ja nicht nur geprägt gewesen von einem rätselhaften Einbruch in der zweiten Halbzeit, sondern auch von allgemeiner Ratlosigkeit über die verfahrene Situation.“

Möglicherweise ist aber die angespannte Personallage mitursächlich für den Abschwung des Werksklubs: „Allofs wirkte von allen Wolfsburger Protagonisten noch am wenigsten verzagt nach der Niederlage gegen Leverkusen. Seiner Meinung nach hat die Misere des VfL einen klar zu identifizierenden Grund, nämlich das Verletzungspech. Unter anderem fehlen Josuha Guilavogui, Vieirinha und Daniel Didavi, nun verletzte sich noch Verteidiger Robin Knoche früh, für ihn kam der 21 Jahre junge Debütant Hendrik Hansen. Die deutlich erfahreneren Philipp Wollscheid und Marcel Schäfer mussten draußen bleiben. „Wenn die verletzten Spieler wieder mittrainieren, wird neuer Schwung kommen“, sagte Ismaël. Man kann diese Aussage als Beleg echter Hoffnung interpretieren – oder als die nächste Durchhalteparole“, schreibt die Tageszeitung weiter.




Apropos Durchhalteparolen: So sprach Torschütze Maximilian Arnold nach der Heimpleite am Samstag von „Strohhalmen, an denen wir uns entlanghangeln müssen.“ Das wiederum hat Javier Cáceres von der Süddeutschen Zeitung aufgegriffen: „Mit dem Halm allein wäre es nicht getan. Denn das Problem, das zum achten Spiel ohne Sieg in Serie führte (Wolfsburg gelang nur zum Auftakt ein 2:0 in Augsburg), war nicht ein Mangel an Einsatz, sondern ein Mangel an Fußball. Angreifer Mario Gomez war nahe an der Wahrheit, als er die VfL-Leistung zwar "hervorragend" nannte, sogleich aber relativierte, dies gelte nur in Kenntnis der akuten Notlage.“

Die spielerischen Defizite der VfL-Kickern hat dagegen die Rheinischen Post analysiert: „Wie verunsichert die Mannschaft ist, zeigte ihr Auseinanderfallen im Werksduell. Maximilian Arnold (37.) hatte die Gastgeber ja in Führung gebracht, doch dann stellte Wolfsburg plötzlich das Spielen, das Verteidigen, ja sogar das Kämpfen ein. So konnten Admir Mehmedi (79.) und Tin Jedvaj (83.) die Partie noch drehen - und die Wolfsburger Fans ließen ihrer Wut auf die hochbezahlten Kicker des VW-Konzerns freien Lauf.“

Die ‚Halbwertzeit‘ der Bayernjäger


Den Status als Nummer Zwei der Liga hat der Verein für Leibesübungen längst verloren. Übernommen hatte ihn in der vergangenen Saison Borussia Dortmund. Die Schwarz-Gelben konnten die siebte Vize-Meisterschaft der Vereinsgeschichte feiern und leisteten dem FC Bayern im Pokalfinale 120 Minuten lang Widerstand. Aktuell hat der BVB aber ähnliche Sorgen wie sein ‚Vorgänger‘: Eine dünne Personaldecke und Neuzugänge, die erst noch zu einer schlagkräftigen Elf zusammenwachsen müssen.



Als heißester Anwärter auf die Rolle des größten Konkurrenten gilt momentan RB Leipzig. Der unbeliebte Aufsteiger führt den ‚Rest der Liga‘ mit zwei Punkten Rückstand auf den FC Bayern an. Ob sein finanzieller Spielraum dem Neuling hilft, dem Branchenprimus langfristig Paroli bieten zu können, bleibt allerdings abzuwarten.

Deutlich wird in der Diskussion um die Verfolgerrolle die Dominanz der Bayern. Früher konnten Fans und Fachleute über die Meisterfrage fachsimpeln, das fällt jetzt weg. Zu befürchten bleibt eine immer unattraktiver werdende Fußballbundesliga, in der nur offen ist wer absteigt und welche Vereine in die internationalen Wettbewerbe einziehen.

Opens window for sending emailRamon Budde, 31.10.2016 – Fotos: Archiv


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