Ausbilder Schmidt pöbelt wieder

Zwei Spiele Sperre für einen „Spinner“ und für ein „halt doch mal die Schnauze“. Bayer-Trainer Roger Schmidt fiel mal wieder aus der Rolle. Das hat die Presse genüsslich aufgenommen.

Die DFB-Gerichtsbarkeit war diesmal schnell. Schon heute verurteilten die Sport- und Tugendwächter den Coach von Bayer Leverkusen, Roger Schmidt, für zwei Spiele Sperre und 15.000 Euro Geldstrafe. Damit kommt der als „Wiederholungstäter“ geltende Fußballlehrer eigentlich noch ganz gut weg, muss er doch nur die zwei Spiele aussetzen, die ihm nach seinem Platzverweis im Februar zur Bewährung aufgebrummt waren.

Wenn man die DFB-Maßstäbe auf den vielen Tausend Fußballplätzen in der Republik jedes Wochenende anlegen würde, wäre es vermutlich ziemlich einsam auf den Plätzen. „Da werden oft Dinge gerufen, die weitaus weniger akzeptabel sind. Egal ob von pöbelnden Eltern, zeternden Rentnern und anderen Besuchern. Das alles passiert ja nicht, weil es ständig in der Bundesliga vorgelebt wird“, weiß Sebastian Stier vom Tagesspiegel.

Nicht nur Verständnis

Doch Schmidt findet nicht nur Verständnis. Auch wenn Trainerkollege und auch als HB-Männchen durchaus vorstellbare Streich aus Freiburg via Kicker Unterstützung signalisiert: „Wir sind auf dem Kickplatz und da wird auch mal vulgärer gesprochen und da rummst es ab und zu", sagte Streich. Dass der Leverkusener Coach jetzt "wie eine Sau durchs Dorf getrieben wird", war für den Streich Anlass für eine grundsätzliche Kritik, vor allem an den Mikrofonen der Fernsehsender, die direkt auf die Trainerbänke ausgerichtet sind. "Man fühlt sich überwacht und verliert auch ein bisschen die Lust." Für Streich "hat das mit Journalismus nichts mehr zu tun". Die Trainer würden "vorgeführt", in einer Situation, "in der wir unter totaler Anspannung sind".

Und natürlich bekommt Schmidt auch von Rudi Völler volle Rückendeckung. Das erregt den Kollegen Oskar Beck von der Welt: „Dabei wäre das Gegenteil geboten. Nicht zum ersten Mal zündet der wütende „Ruuuudi“ Nebelkerzen.“ Bei Beck hat der Trainer keine Gnade verdient: „Schmidt-Schnauze‘ hat wieder zugeschlagen. So nannte man früher Helmut Schmidt, den großen Kanzler. Jeden hat der abgekanzelt, der ihm schräg kam - wie der Trainer Schmidt, der jetzt den Hoffenheimer Kollegen Nagelsmann in der 52. Minute anschrie: „Du Spinner, halt doch einfach mal die Schnauze!“ Und weiter empfiehlt Beck: „Schmidt sollte das auch mal tun. Oder Rudi Völler, sein Sportchef. Einfach bis drei zählen, auf die Lippen beißen und anschließend von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen. Denn mit den Schließmuskeln des Mundes ist es wie mit denen des Afters - wenn sie versagen, geht der Schuss in die Hose.“



Die meisten Journalisten gehen hart ins Gericht mit Roger Schmidt. „Schmidt hat sich nicht im Griff“ (Sport1), „Roger Schmidt pöbelt sich um seinen guten Ruf“ (Süddeutsche), „Schmidt: Zwischen Einsicht und Starrsinn“ (Kicker), „Schmidt ist eine tickende Zeitbombe“ (Express), „Abermaliger Ausraster an der Seitenlinie“ (FAZ) oder „Roger Schmidt, der Mann mit der kurzen Lunte.“ (Express). Nee, gefallen hat das den meisten nicht.

Lauschangriff im Stadion

Allerdings scheinen einige der Schreiber auch mehr als nur einen pöbelnden Trainer zu sehen. So hat Klaus Höltzenbein im der Süddeutschen durchaus im Blick, dass die am Rand stehenden Trainer ein bisschen arme Kerle sind: „Gefürchtet wird der Lauschangriff, eine nachrichtendienstliche Attacke. Dieser hat die Bundesliga bei Vergabe der Fernsehrechte selbst zugestimmt, weil für immer mehr Millionen Euro immer mehr Authentizität (ehemals: O-Töne) gefordert wird. Nun sind die Stadien zu Orwell'schen Zimmern mutiert, in denen Kameras und Richtmikrofone das Raumklima bestimmen. Und in denen hinterm Sofa die Lippenleser hocken.“

Trotzdem hätte er Schmidt etwas mehr Grips zugetraut, war er doch schon zweimal in seiner noch kurzen Bundesligakarriere auf die Tribüne verbannt worden. Wobei man zugeben muss, hätte er sich im Spiel gegen den BVB im Februar nicht geweigert auf die Tribüne zu gehen, wäre vermutlich eine Geldstrafe alles gewesen. Und gerade der BVB hatte mit Trainer Klopp einen, der auch die Kontonummer des DFB-Gerichts als Favorit bei der Bank hinterlegt hatte.

Doppelmoral

So meinen die meisten Journalisten, Schmidt hätte einfach besser wissen müssen, was ihm das so rausrutscht. So schreibt der Kölner Express: „Wer zuvor schon  in seiner Zeit bei Bayer zweimal auf die Tribüne verwiesen worden und auch gesperrt war und dann vor laufender Kamera wieder so loslegt, ist offenbar nicht lernfähig.“
Und der Express legt gleich noch nach: „Kann sich ein Klub, der immer um Anerkennung und Sympathien ringt, auf Dauer solch einen Trainer leisten, der derzeit zudem keinen Erfolg hat?“

Die Antwort hat Oskar Beck vom Tagesspiegel parat: „Nun die Frage zu konstruieren, ob Schmidt für Bayer Leverkusen noch tragbar ist, zeugt von Doppelmoral. Fußball ist von seiner Konzeption her ein Kampfspiel, und dazu gehört eben auch eine gewisse Kampfrhetorik. Das macht seinen Reiz aus, und das wollen die Zuschauer auch sehen und hören.“

Und auch der „Beleidigte“, Trainer-Youngster Julian Nagelsmann, fand das alles wenig dramatisch- Er verwies nur auf die Emotionalität eines Fußballspiels. Nach einer Entschuldigung war die Sache für ihn erledigt.

Opens window for sending emailAndreas Römer, Fotos: Archiv - 24.10.2016






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