Ernüchterung im Volkspark

Fünf Spieltage sind in der Saison 2016/17 gerade einmal absolviert und schon zwei Trainerwechsel gibt es zu verzeichnen. Nach Bremens Viktor Skripnik in der Vorwoche musste nun Bruno Labbadia seinen Trainerposten beim Hamburger SV räumen.

Auch die bisher beste Saisonleistung seiner Spieler, das knappe 0:1 gegen den FC Bayern, konnten seinen Job nicht mehr retten. Die Gründe für seine Entlassung sind so einfach wie logisch: Der 50-jährige hat es einfach nicht geschafft seinen Kader spielerisch weiterzuentwickeln. 



Sein Nachfolger schien schon vor seinem Abschied festgestanden zu haben. Markus Gisdol ist neuer Trainer des hanseatischen Traditionsklubs. Zuvorkommen wollten die HSV-Funktionäre offensichtlich ihrem Erzrivalen Werder Bremen. Bei den Grün-Weißen soll der ehemalige Coach der TSG Hoffenheim ebenfalls hohes Interesse geweckt haben.

Nach Platz 10 im Vorjahr herrschte im Sommer eine gewisse Aufbruchstimmung im Hamburger Volkspark. Neben einer verhältnismäßig ruhigen Saison im Mittelfeld wurde diese durch die Investitionen von Klaus-Michael Kühne erzeugt. Der HSV-Geldgeber hatte seine Schatulle geöffnet und dem sportlichen Leiter Didi Beiersdorfer rund 30 Mio. Euro für neue Transfers zur Verfügung gestellt. Neuzugänge wie Filip Kostić, Alen Halilović, Douglas dos Santos und Bobby Wood sollten für Aufschwung sorgen.

HSV-Chefs in der Kritik


Dieser ist aber bisher ausgeblieben. Mit nur einem Punkt aus fünf Partien belegen die ‚Rothosen‘ den drittletzten Platz. Der Euphorie ist mittlerweile Ernüchterung gewichen. Die Gründe für die Misere sind aber auch im Umfeld des selbsternannten Bundesliga-Dinos zu suchen.

„Doch dieser HSV lebt als einer der wenigen Vereine der Bundesliga noch das Hire-Fire-Prinzip. Labbadia war Trainer Nummer 14 in zwölf Jahren. Keinem ist es gelungen, einen eigenen, modernen Spielstil zu etablieren. Wie auch, wenn die Halbwertzeit unter einem Jahr liegt? Das Ende vom Lied: Beim HSV entwickeln sich gute Spieler zurück“, analysiert die Mitteldeutschen Zeitung.



Die Begleitumstände des ‚Abschieds‘ von Labbadia kritisiert die Zeit: „(…) Die Art, wie es zur Entlassung von Bruno Labbadia kam, war stillos. Schon nach zwei Spieltagen ließ der 79-jährige Kühne in der Ostsee-Zeitung öffentlich Zweifel aufkommen, ob Labbadia noch der richtige Trainer sei. Kurz darauf, nach einer Niederlage in Freiburg, erklärte Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer, er müsse dem Trainer nicht jeden Tag Rückendeckung geben. Man werde in Ruhe analysieren, ob Labbadia weiterhin für den HSV an der Seitenlinie stehe. Er hatte tiefe Augenringe und rang nach Worten.“

Ein neuer Hoffnungsträger


Welche Qualitäten hat Markus Gisdol? Was unterscheidet ihn von seinen Trainerkollegen Skripnik und Labbadia? Mit diesen Fragen hat sich Christof Kneer von der Süddeutschen Zeitung auseinandergesetzt: „(…) Antwort: Weil Gisdol immerhin für etwas steht. Der neue HSV-Trainer ist ein Schüler des Backnanger Bildungssystems, er hängt der Rangnick-Lehre des zackigen Umschaltfußballs an, und unabhängig davon, ob man diesen Fußball für geeignet hält, ist das deutlich mehr, als sie in Hamburg oder Bremen zuletzt zu bieten hatten. Wer junge Spieler, Sponsoren und überhaupt die Öffentlichkeit für sich interessieren will, braucht eine gute Geschichte und am besten auch einen Spielstil, der als Marke taugt. An diesem Punkt haben sich die Nordrivalen mit ihren Nöten getroffen: In Hamburg stand Labbadia maximal für Rettung und Pragmatismus, in Bremen konnte der Kollege Skripnik nur die Zugehörigkeit zur Werder-Familie als Trainermerkmal für sich reklamieren - ein charakteristischer oder wenigstens halbwegs systematischer Fußball war weder da noch dort zu finden.“



Im Oktober 2015 endete Gisdols Amtszeit bei der TSG Hoffenheim. Seither hat sich der 47-jährige neue Inspirationen nicht nur im Fußball gesucht: „Auch nach seiner Entlassung in Hoffenheim blieb Gisdol am Ball - er nutzte die Zeit intensiv zur Weiterbildung. Gisdol jettete oft auf die Insel, um sich Spiele der englischen Premier League anzuschauen, beobachtete acht Tage das Training beim Champions-League-Finalisten Atletico Madrid und verfolgte intensiv die EURO in Frankreich sowie die U19-EM in Deutschland. Eine seiner Stärken: Gisdol schaut auch über den Tellerrand. So besuchte er eine Woche lang den deutschen Handball-Rekordmeister THW Kiel, wo er sich in vielen Gesprächen mit Coach Gislason neue Anregungen für die tägliche Trainingsarbeit holte“, berichtet der Stern.

HSV vor schweren Aufgaben

Die nächsten Wochen haben es in sich für die Hamburger. Auf dem Terminplan stehen so hochkarätige Kontrahenten wie Hertha BSC, Borussia Mönchengladbach, Eintracht Frankfurt, der 1. FC Köln und Borussia Dortmund. Alles andere als leichte Aufgaben für die Norddeutschen.

Keine leichte Ausgangsposition für Gisdol, um seiner neuen Elf eine spielerische Linie zu ‚verpassen‘. Bei einem positiven Verlauf könnte der gebürtige Schwabe allerdings für eine neue Euphoriewelle in an der Alster zu sorgen. Dann steht auch einer längerfristigen Zusammenarbeit zwischen Trainer und Verein nichts mehr im Weg.

Zunächst hat Gisdol nur einen Arbeitsvertrag bis zum 30.06.2017. Einen längerfristigen Kontrakt hatte der Fußballehrer abgelehnt. Die Begründung ist allerdings eher ungewöhnlich: „Die Vertragslaufzeit spielt für mich grundsätzlich keine Rolle. Ich arbeite immer so, als wenn ich einen unbefristeten Vertrag hätte. So kann sich der HSV bis zum Sommer in aller Ruhe ein Bild machen und entscheiden, ob es eine Basis für eine längerfristige Zusammenarbeit gibt.“

Opens window for sending emailRamon Budde, 26.09.2016 - Fotos: Archiv 


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
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