Reformen auf Kosten der Kleinen

Im vergangenen Herbst sorgte der FC St. Pauli Abseits des Rasens für Gesprächsstoff: Der Zweitligist plante eine Revolution bei der Verteilung der Fernsehgelder. Der Kiezklub stellte bei der DFL den Antrag, die Klubs von der Verteilung der Fernseheinnahmen auszuschließen, die sich nicht an die 50+1-Regel halten müssen (Die KIRSCHE Opens external link in new windowberichtete).

Allerdings nahmen die Hamburger ihren Antrag bereits vor der DFL-Mitgliederversammlung im Dezember letzten Jahres wieder zurück. „Wir haben leider festgestellt, dass die Solidarität zwischen erster und zweiter Liga auf dem Spiel steht. Um Ruhe hereinzubringen, haben wir entschieden, den Antrag zurückzuziehen“, so St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig zu den Beweggründen.

Was die Bild-Zeitung am vergangenen Freitag berichtete, dürfte dem Funktionär gar nicht schmecken. Demnach haben 16 Bundesligisten ein 16-seitiges Papier mit dem Titel ‚Zukünftige strategische Ausrichtung der Bundesliga‘ ausgearbeitet, das allen 36 Profiklubs vorliegt. Neben der Verteilung der Fernsehgelder ab der Saison 2017/18 befasst dich das Dokument mit Reformen bei der Ausrichtung des DFB-Pokals und einer Neuorganisation des DFB.

Rechenmodell mit Haken


Momentan erhalten die Klubs der 2. Fußballbundesliga 142 Mio. Euro aus den Einnahmen der zentralen Vermarktung der Fernsehrechte. Im Raum steht, dass der prozentuale Anteil bei der Verteilung von 20 auf 15% reduziert wird. Eine endgültige Entscheidung über die Verteilung der Fernseheinnahmen hat die DFL für die Zeit nach der TV-Ausschreibung im Sommer 2016 in Aussicht gestellt. Zentraler Knackpunt wird sein, ob der Ligaverband ab der übernächsten Saison die Schallmauer von einer Milliarde Euro für die Vergabe der TV-Rechte generieren kann.





Marcus Krämer
von Spiegel Online hat das Modell durchgerechnet: „(…) In dem Reformpapier wird dieses Rechenbeispiel veranschaulicht: Erhielte die DFL tatsächlich eine Milliarde Euro und bliebe es bei der bisherigen 20-Prozent-Regelung für die zweite Liga, würden an die Erstligisten 800 Millionen verteilt. Bei gleichem Erlös schlägt die Reformgruppe nun aber ein Einfrieren der bisherigen absoluten Summe vor (142 Millionen Euro), die Bundesligisten bekämen dann 858 Millionen Euro. 58 Millionen Euro mehr. Verteilt auf 18 Vereine. Eine Revolution ist das nicht.“

Als Konsequenz befürchtet der Redakteur, dass die sportliche Konkurrenzfähigkeit der Zweitligisten weiter schwinden wird: „Was ist also der eigentliche Grund für diesen Vorschlag? Die Zahl der beteiligten Klubs lässt aufhorchen. 16 Vereine aus dem Oberhaus sprechen eine Empfehlung aus, die sie zwar profitieren lässt, aber vor allem den Status der 20 anderen Vereine festigt. Schon jetzt ist es schwierig, sich als Aufsteiger in der Bundesliga zu halten - auch wenn es in der aktuellen Saison mit Ingolstadt und Darmstadt zwei Gegenbeispiele geben könnte. In den vergangenen zehn Jahren sind von den 20 direkten Aufsteigern in die Bundesliga zehn gleich im ersten Jahr wieder abgestiegen.“

Pokalauftakt ohne die Spitzenvereine?


Im gleichen Atemzug mit der finanziellen Bevorteilung der Erstligisten sieht das Strategiepapier deren sportliche Entlastung vor. So ist es angedacht, den Modus des DFB-Pokals ab der Saison 2019/2020 zu ändern. So sind momentan mehrere Szenarien möglich, die ein späteres Eingreifen aller Bundesligisten oder zumindest der Europapokalteilnehmer vorsehen. Neu ist diese Idee allerdings nicht: In der Saison 1999/2000 hatten die international vertretenen Erstligisten in den ersten beiden Runden des Wettbewerbs ein Freilos.



Mit den Folgen für den Amateurfußball hat sich die Frankfurter Allgemeine auseinandergesetzt: „Zwar soll durch die möglichen Änderungen der Anschluss an die internationale Konkurrenz gehalten bzw. sogar verringert werden, doch könnten solche Reformen die Kluft zwischen Bundesliga und Zweiter Liga sowie den Amateurklubs weiter vergrößern. So müssten unterklassige Vereine zunächst mindestens zwei Pokalrunden überstehen, bis sie die Chance hätten, auf einen der Top-Vereine wie Bayern München, den BVB oder Mönchengladbach zu treffen.“

Sven Busch von Eurosport sieht es ähnlich: „Vor allem das geplante Neuformat im DFB-Pokal hätte weitreichende Auswirkungen. Ab 2019 könnten die ersten beiden Pokalrunden ohne die sieben Europacup-Teilnehmer stattfinden. Das würde bedeuten: Frühestens in der dritten Runde könnten Amateurvereine auf die Topklubs treffen. Der Pokal würde gewaltig an Reiz verlieren.“



DFB im Wandel


Als letztem Schritt soll auch der DFB einem Modernisierungsprozess unterzogen werden. Angedacht ist es die Strukturen des Verbandes grundlegend zu ändern: „In der Frage nach der künftigen DFB-Organisation sprachen sich die Vereine bei ihrer
Versammlung für eine Ausgliederung der wirtschaftlichen Bereiche des Verbandsbetriebes in eine DFB GmbH aus. Die Führungsstruktur soll einem Wirtschaftsunternehmen entsprechend aus einem hauptamtlichen Geschäftsführer sowie Direktoren für einzelne Bereiche und einem Aufsichtsrat bestehen“, berichtet das Fachmagazin Kicker.

Wie solidarisch ist die DFL wirklich?


Die Solidarität zwischen Erst- und Zweitligisten dürfe nicht gefährdet werden. Das war das Standardargument der Gegner der Vorschläge, die Andreas Rettig im Herbst 2015 zur Neuverteilung der TV-Gelder hervorbrachte. Und gerade die bleibt auf der Strecke, falls die DFL ihre ‚Ideen‘ umsetzt. Schon jetzt erhalten die Hälfte aller Profiklubs nur ein Fünftel der Erlöse aus der zentralen Vermarktung der Fernsehgelder. Mit der höheren medialen Präsenz der Erstligisten ist dieser Verteilschlüssel nur unzureichend zu begründen.

Nach heutigem Stand wird sich diese Diskrepanz in den kommenden Jahren noch verschärfen. Die finanzielle und sportliche Konkurrenzfähigkeit deutscher Spitzenklubs geht dann zu Lasten der Zweitligisten.

Opens window for sending emailRamon Budde, 15.02.2016 – Fotos: Archiv


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