Hrubesch: "In 40 Jahren erzählst Du es deinen Enkelkindern"

Doping, mangelhafte Organisation, fehlende Stimmung: Die Olympiade 2016 in Brasilien wird wohl nicht als ein Feuerwerk des Sports in die Geschichte eingehen. Das aber haben andere geschafft – zumindest, was den deutschen Fußballsport angeht: Horst Hrubesch als Trainer der Olympiaauswahl, Serge Gnabry (FC Arsenal) als wirklicher „Shootingstar“, Lars Bender von Bayer Leverkusen, sein Zwillingsbruder Sven Bender und Matthias Ginter, beide von Borussia Dortmund. Jetzt stehen sie gemeinsam nach einem schwer erkämpften 2:0 Sieg gegen Nigeria im Finale der Olympiade 2016… natürlich gegen Brasilien. Eine bundesdeutsche Auswahl im Olympiafinale? Das gab es noch nie! Das schwarzgelbe Herz hingegen frohlockt: Unsere beiden Goldjungs Bender und Ginter haben Silber sicher! Auch das gab es noch nie!

Die Erfolgsgeschichte einer bundesdeutschen Fußballauswahl bei Olympia war bisher recht kurz: 1988 (Seoul) qualifizierte sich erstmals ein Team (unter Trainer Jürgen Klinsmann) und holte mit Borussia's Kapitän Frank Mill Bronze – das war es dann aber auch schon. Nur die ehemalige DDR konnte 1976 in Montreal mit Gold glänzen und 1980 bei der Olympiade in Moskau, die vom „Westen“ wegen des Angriffs der Sowjetunion auf Afghanistan boykottiert wurde, mit Silber. Aber eine Finalteilnahme der Bundesrepublik? Fehlanzeige!

Die stiefmütterliche Behandlung deutscher Olympiateams setzt sich auch im Jahre 2016 fort: In die Auswahl dürfen keine EM-Teilnehmer, nicht mehr als zwei Spieler von jedem Bundesligaklub, keine Spieler, die gerade den Verein gewechselt haben und niemand, der im August Europacup-Qualifikationsspiele bestreiten muss.  Hinzu kommt, dass beim olympischen Turnier aktuell nur U 23-Teams zugelassen sind -  allerdings hat jeder Trainer das Recht, drei "Ältere" zu nominieren. Für Matthias Ginter kein Problem: er ist „erst“ 22. Für die Bender-Zwillinge mit ihren 27 Jahren allerdings war der Anruf von Horst Hrubesch eine Offenbarung: Ja, sie sind dabei und JA, sie wollen!

"Erlebt man nur einmal im Leben"

"Das ist einfach eine super Sache. Wir freuen uns extrem, dass wir nach einigen Jahren mal wieder zusammenspielen können. Und dann auch noch bei so einer großartigen Gelegenheit wie Olympia", begeistert sich Lars Bender. Sein zwölf Minuten jüngerer Bruder Sven fügt hinzu: "Diese Möglichkeit bekommt man nur einmal im Leben, jetzt haben wir uns auch viel fürs Turnier vorgenommen und wollen ins Olympische Dorf einziehen und um die Medaillen spielen."

Das haben sie geschafft: Seit gestern wohnen sie im Olympischen Dorf, haben die Silbermedaille sicher und greifen als Teamleader der Rasselbande
von Horst Hrubesch nach Gold. Es ist sicherlich kein Wunder, dass Matthias Ginter nach vollbrachter Balleroberung und erledigter Abwehrarbeit seinen Dortmunder Teamkollegen Sven Bender sucht und findet, um schnelle und präzise Angriffe der bundesdeutschen Olympiaauswahl voranzutreiben.

Der Gewinn der U19-EM 2008 unter Trainer Horst Hrubesch war der krönende Abschluss des letzten Zusammenspielens der beiden Benders. Acht Jahre später sind beide als „Zwillings-Sechs“ wie schon damals die tragenden Säulen des gegenwärtigen Erfolgs… zusammen mit Matthias Ginter, der in der Abwehr des Olympiateams bei tropischen Temperaturen von über 30 Grad, wie vom BVB gewohnt, ackert, kämpft, rennt, sich in die gegnerischen Bälle wirft und sich für das Team aufreibt. Weltmeisterlich halt, aber das ist Matthias Ginter ja schon, der 
von Horst Hrubesch auf der Innenverteidiger-, bzw. Rechtsverteidigerposition sowie im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden kann. Und auch wichtige Treffer erzielt – so geschehen beim respektablen 4:0 Sieg gegen Portugal; dort erzielte er das spielentscheidende, weil beruhigende 2:0 per Kopf.

Der Olympia-Trainer jedenfalls setzt auf Ginter, seine Zwillinge und diese auf ihn. Sven Bender sagte im BILD-Interview: „So richtig habe ich mich mit dem ganzen Thema vorher nicht beschäftigt, da ich ja eigentlich schon zu alt für eine Teilnahme bin. Dementsprechend überrascht, aber auch glücklich war ich, als die Anfrage kam. Schön, dass uns Horst Hrubesch nicht vergessen hat und uns die Möglichkeit gibt, bei Olympia zu spielen.“ Und im Hinblick auf seinen Bruder Lars ergänzt er: „Es (der U19-Europameistertitel 2008, Anm. d. Red.) war unser erster großer Titel, aber auch unser letzter gemeinsamer. Es ist mein Ziel, noch mal einen sportlichen Erfolg mit meinem Bruder zu feiern. Warum nicht mit dem Trainer, der uns damals schon begleitet hat?“

Die Bender-Zwillinge und Ginter: Eine Ansammlung von Anständigkeit, Skandalfreiheit, Bodenständigkeit und fußballerischer Erfahrung, die Gold wert ist. Lars Bender kann mit Bayer Leverkusen auf 197 Spiele in der Bundesliga und Champions League verweisen, hat 19 Länderspiele für die A-Nationalmannschaft absolviert war EM-Teilnehmer 2012. Sven hat sieben A-Länderspiele vorzuweisen und absolvierte 178 Spiele in der Bundesliga und Champions League für den BVB. Nicht zu vergessen die zwei deutschen Meisterschaften und der DFB-Pokalsieg in schwarzgelb. Matthias Ginter, seit 2014 bei Borussia Dortmund, kommt auf 108 Spiele in der 1. Bundesliga, hat sich 19 Mal in CL bzw. EL Spielen beweisen können und trug während neun Begegnungen das Trikot der deutschen A-Nationalmannschaft. Und, wie bereits erwähnt, wurde er 2014 Weltmeister.

Ganz Brasilien sinnt auf Rache

Mit diesem „Dreigestirn“ hat Trainer Hrubesch bereits großartiges, ja historisches geleistet: „Vor drei Jahren habe ich davon geträumt, dass ich hier sitze", sagt er und meint das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro. Dort findet am Samstag (ab 22:30 Uhr MEZ, live auf ARD) das hochemotionale Endspiel gegen Gastgeber Brasilien statt. „Gegen Brasilien im Maracanã zu spielen, diese Möglichkeit bietet sich jedem Fußballer nur einmal in der Karriere“, verlautet es aus der Mannschaft. Die Brasilianer jedenfalls werden die Schmach des 1:7 gegen die DFB-Auswahl bei der WM 2014 tilgen wollen: "Es wird laut werden. Wir stellen uns darauf ein. Das wird gigantisch", sagen die Benders. Horst Hrubesch fasst es in einem Satz zusammen: "In 40 Jahren erzählst Du es deinen Enkelkindern."


Es ist bereits jetzt sensationell, dass die deutsche Olympiaauswahl die Silbermedaille sicher errungen hat. Kaum Vorbereitung, viele Hindernisse im Vorfeld, geringe Eingewöhnungszeit an tropische Temperaturen u.v.m.: Hrubesch und seine „Rasselbande“ haben trotz der Widrigkeiten deutsche Tugenden und Teamgeist gezeigt. Und auch Anstand – kein Popeln des Trainers, kein Reiben am „Gemächt“, überschäumende Freude und Spaß am Fußball, keine schönfärbenden Interviews. Ehrlichkeit und bodenständige, harte Arbeit. Wie sagte es Sven Bender nach dem glücklichen 3:3 gegen ein starkes Südkorea im kicker-Interview: „Ich bin sehr erleichtert. Es zeigt die ganz große Moral dieser Mannschaft. Wir haben uns wieder selbst alles abverlangt… Solange wir frisch waren, haben wir es gut gemacht, danach haben die Power und die Frische gefehlt. Ich habe es bei mir gemerkt, ich habe auch kein gutes Spiel gemacht und hatte Unkonzentriertheiten, das liegt an der fehlenden Frische. aber das zeichnet die Mannschaft aus, dass sie zum zweiten Mal so zurückkommt, obwohl sie noch gar nicht so weit ist.“

Nun geht es also gegen Brasilien und „Superstar“ Neymar. Ein Spieler, über den es aus dem deutschen Olympiateam heißt, dass er „mehr Ablösesumme bringt als unser ganzes Team zusammen“. Es fühlt sich gut an, dass die deutsche Olympiamannschaft keine „Superstars“ in ihren Reihen hat, sondern Spieler, die bei Bundestrainer Löw kaum noch Berücksichtigung finden. In Dortmund jedenfalls fiebert man dem Finale entgegen und hofft inständig auf Gold. Denn dann hat man in den Reihen des BVB nicht nur Welt- oder Europameister, sondern auch Olympiasieger.

Opens window for sending emailErnst Andersch, Fotos: Getty Images - 19.08.2016




Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund