Der Weltmeister ist raus!

Liebe und geschätzte Leser von „Gib mich die Kirsche“ – ein Kommentar ist immer die Meinungs-äußerung eines Redakteurs. Das unterscheidet ihn von einem Bericht, der objektiv sein muss. Zumindest, wenn man „alten“ journalistischen Regeln folgt. „Die Kirsche“ folgt diesen Regeln und deshalb ist jetzt das, was ich hier schreibe, nicht unbedingt die Meinung aller Redakteure unseres Magazins. Es ist meine!

Zuerst einmal möchte ich deutlich machen, dass es nicht um den BVB geht… oder nur zum Teil. Ein bisschen. Es geht auch um andere Vereine der Bundesliga. Und um die DFB-Auswahl. Ich benutze bewusst diesen Begriff, weil ich mich scheue, „Nationalmannschaft“ zu schreiben. Ich habe seit 2008 ein Problem, von dem ich erzählen will. Und vielleicht geht es dem einen oder anderen in unserer geschätzten Leserschaft genauso.

2008 – Europameisterschaft. Eine 5 x 3 Meter große Deutschlandfahne wurde über unser Dach gespannt. Fahnen am Auto, am Flaggenmast hing schwarz-rot-gold - selbst meine Frau schenkte mir Trikot und Präsentationsanzug der Nationalmannschaft. „Fully equipped“ war ich. Danach irgendwie nie wieder. Ich wollte nicht. Es hat mir keine Freude mehr gemacht. Die Frage ist, warum.

Der DFB ist eine ganz eigene Welt

Nicht, dass mich jemand falsch versteht: Ich hänge am und liebe mein Vaterland – dafür habe ich zwölf Jahre lang gedient als Offizier. Die Betonung liegt auf „gedient“. Mein damaliges Salär wird nicht reichen, um die Kopfhörer unserer „Nationalspieler“ zu bezahlen. Aber es geht nicht um das Geld, es geht um das „Dienen“. Und es geht um die Vorbildfunktion, die Vertreter unseres Landes inne haben – ganz gleich, ob sie Diplomaten, Fußballspieler, Trainer, DFB-Funktionäre oder sonst irgendwas darstellen. Und es geht um ein Gefühl, dass ich nicht beweisen kann: Die intensiv gefühlte Bevorzugung von Spielern aus Gründen, die sich mir entziehen. Obwohl womöglich durchaus bessere (oder passendere) Spieler verfügbar wären.

Ich bin aus dem „Fanclub Nationalmannschaft“ schon vor Jahren ausgetreten. Es war nicht mehr die meine. Dafür kriege ich bis heute Spam von Coca-Cola. Nur nebenbei bemerkt: Vom BVB und seinen Sponsoren bzw. Werbepartnern hab ich noch nie Spammails bekommen. Es geht mir auch nicht darum, ob ein Spieler der DFB-Auswahl unsere Hymne mitsingt oder nicht. Auf Lippenbekenntnisse stehe ich sowieso nicht. Mir geht es um das „WIE“!

Ich habe heute nach der Niederlage des DFB den Fernseher ausgeschaltet. Bela Rethy hat mir gelangt. Ich wollte die Entschuldigungen in bajuwarischer Manier einfach nicht hören. Ich ertrage sie nicht. Und auch der Weltmeistertitel hatte für mich keinen Wert: Wir hatten sauviel Glück… und Götze zehn Sekunden. Sonst nichts… abgesehen von dem grandiosen Spiel gegen Brasilien. Das war in der Tat weltmeisterlich. Das ist aber zwei Jahre her.

Tatsächlich wünschte ich, Ihr, die Leser, könntet das ganze Spektakel durch meine Augen sehen. Wie mich die großen Ankündigungen und Machenschaften des DFB abschrecken, wie mich Löws Körperöffnungsprüfungen anwidern, wie ich mich für etliche der Statements der „Nationalspieler“ fremdschäme.

Vielleicht bin ich durch Elternhaus und Bundeswehr „falsch“ erzogen worden – aber bevor sich ein Bundeswehrsoldat in Formation nach stundenlangem „Stillgestanden“ in der Öffentlichkeit irgendwo kratzt oder popelt, fällt er lieber wegen Kreislaufproblemen um. Fordern die Trainer nicht Disziplin von ihren Spielern? Und Konzentration? Volle Hingabe für die Aufgabe? Also DIENEN? Bis zum Umfallen?

Die Isländer leben alles vor!

Auch wenn es vielleicht ein bereits ausgelutschtes Thema ist, aber das hat mir bei den Isländern gefallen – sie hatten keine Chance und haben sie genutzt. Man kann über die Aufstockung der Mannschaften in der EM-Endrunde sicher diskutieren, aber ohne diese Aufstockung wären uns die tapferen Isländer entgangen. Und nicht nur die.



Sie haben gekämpft und gerackert, sind an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gegangen und haben die Menschen daheim in Island stolz und glücklich gemacht. Das waren keine Millionarios, die vor, während und nach einem Spiel den Sitz ihrer Frisur prüfen. Für mich war das Fußballromantik pur mit drei Buchstaben: HUH! Ich käme aber trotzdem nie auf die Idee, in einem Trikot der Isländer durch die Gegend zu laufen. Trotz gut gefülltem DFB-Kleiderschrank hatte ich mein Dortmund-Trikot an – da bin ich wech, da gehöre ich hin.

Ich habe keine Ahnung von Fußballtaktik. Dafür gibt es sehr gut bezahlte Fachleute. Ich habe auch keinen Plan, wie man die richtige Mannschaft aussucht und aufstellt. Ich habe nur immer wieder dieses blöde Bauchgefühl, dass etwas nicht stimmt. Aber ich nicht sagen kann, was es genau ist.

Ohne jede Frage: sechs Mal hintereinander ins Halbfinale eines großen Turniers zu kommen und auch Weltmeister zu werden, verdient Hochachtung. Hat sonst keine Länderauswahl auf dieser kleinen Weltkugel geschafft. Aber wäre der DFB tatsächlich ins Finale gekommen und hätte es womöglich gewonnen, wären die Bayern Europameister. Sind ja auch Weltmeister geworden vor zwei Jahren… die anderen Spieler sind ja nur Staffage, so wie Julian Weigl, der als einziger Feldspieler keine Minute auf dem Platz stand. Oder sie werden erst gar nicht mitgenommen, wie ein Marcel Schmelzer zum Beispiel.

Dafür geht jetzt die Suche nach den Schuldigen los. Wie immer, wenn der DFB verliert. Italienischer Schiedsrichter? Wie kann man nur! Portugal im Finale mit fünf Unentschieden? Ein Skandal! Zu viele Mannschaften in der Endrunde? Verdammte UEFA-Mafia! Halbfinale verloren? Wir waren aber die bessere Mannschaft! Gerade das letzte Zitat wird vielen BVB-Fans noch gut in Erinnerung sein.

Ich fühle mich von alldem peinlich berührt. Ich ärgere mich darüber, dass heute Morgen keine Deutschlandfahne mehr zu sehen ist. Ich schaue auf den Hochglanzkatalog für DFB-Fanartikel und sehe Hochmut und Arroganz. Ich stehe inmitten einer Welt, in der nur Titel zählen und alles andere nichts mehr wert ist, in der ein Kontoauszug wichtiger ist als die Ehre, sein Land vertreten zu dürfen.

Aber vielleicht stimmt ja mit mir was nicht. Ich sehne mich zu einer Fußballromantik zurück, wie sie vielleicht noch 2006 existiert haben könnte. Nur um heute zu erfahren, dass auch dieses Turnier „gekauft“ wurde. Und ein Herr Beckenbauer die Verträge nicht liest, die er unterschreibt.

Danke, Herr Löw, Danke DFB-Auswahl. War ein schönes Turnier und es ist keine Schande, im Halbfinale gegen Frankreich auszuscheiden. Gratulation an die Franzosen! Wer 2:0 gewinnt, zieht verdient ins Finale ein.

Die Machenschaften und Skandale im nationalen wie internationalen Fußball haben sehr an meiner Fußballromantik gekratzt. Ich will sie wiederhaben! Deswegen werde ich heute das Testspiel des BVB gegen Erkenschwick schauen und mich in meine kleine Dortmundwelt zurückziehen – da bin ich wech, da gehöre ich hin.


Opens window for sending emailErnst Andersch, Fotos: Getty Images - 07.07.2016




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