Der Weltmeister auf Selbstfindungskurs – seine Fans auch

Für die polnische Nationalmannschaft war es am Samstag der Coup des Jahres. Zu den Klängen der Nationalhymne von „Noch ist Polen nicht verloren“ sangen und tanzten sie. Die Sportnation kommt derzeit ohnehin kaum mehr aus dem Feiern heraus. Überraschungen soweit das Auge reicht. Im Juni erst setzte sich die polnische Handballnationalmannschaft schon gegen Deutschland in den WM-Play-off-Spielen durch. Nur durch eine Wildcard wird die DHB-Auswahl dennoch an der Endrunde teilnehmen (können). Auch im Basketball musste Deutschland den Kürzeren ziehen. Abermals war es Polen, das sich das EM-Ticket – gleich als Gruppenerster – sicherte.

Im September feierte unser Nachbarland die nächste Sternstunde. Bei der Volleyball-WM schlugen die „Weiß-Roten“ die deutsche Auswahl deutlich im Halbfinale. Im Anschluss kann sogar der Titel im eigenen Land geholt werden. Euphorie und Ekstase pur. Auch die Fußballer wollten diesen Erfolgen gegen Deutschland eine weitere Sensation folgen lassen, nachdem Siege gegen das DFB-Team ja bislang Mangelware waren. Borussia Dortmunds Verteidiger Luskasz Piszczek hatte ja bereits so etwas wie eine Vorahnung: „Es wäre schön, wenn wir zu der Gruppe Mannschaftssportlern gehören, die Deutschland in diesem Jahr besiegt hat. Wir können es den Volleyballern nachmachen und durch großen Teamgeist zu Erfolg gelangen“, sagte der polnische Nationalspieler vorausschauend. Er sollte Recht behalten, wie wir nun alle wissen.

Natürlich war der Sieg eher glücklicher Natur und keine spielerische Offenbarung. Doch dies interessiert in Polen derzeit niemanden. Der FIFA-Weltranglisten 70. hat den Weltmeister, den Weltranglistenersten, den übermächtigen Nachbarn geschlagen. Die Tugend des Kampfes und des Arbeitens – im Ruhrgebiet gern gesehene Elemente – waren das Erfolgsrezept dazu. In 18 Anläufen zuvor blieb es den weißen Adlern nicht vergönnt. Besonders die schmerzhafte Wunde der 0:1-Niederlage bei der WM 1974 in Deutschland, ist unvergessen. Polen spielte mit Grzegorz Lato, Robert Gadocha und Andrzej Szarmach groß auf und galt bereits als Geheimfavorit auf den Titel. Die DFB-Auswahl schlug am 3. Juli 1974 in der „Wasserschlacht von Frankfurt“ die „Kadra“ und wurde anschließend zum zweiten Mal Weltmeister. Bis heute steckt der Stachel tief. Selbst Verschwörungstheorien finden noch immer ihren Nährboden: Der Rasen sei absichtlich nicht vollständig gewalzt worden. Zweifelsfrei hatte Polen damals eine starke Mannschaft, die durch das WM-Turnier fegte. Doch die deutsche Nationalmannschaft um Kapitän Franz Beckenbauer und den Bomber der Nation war stets übermächtig und der „Goliath“ – zumal im eigenen Land.

Bei der WM 2006, bei der EM 2008 hagelte es Niederlagen. 30 Jahre lang musste das Land jetzt auf seine „Genugtuung“ warten. Die ‘Gazeta Wyborcza‘ schrieb: "Wenn man bislang nicht an Wunder geglaubt hat, konnte man nun eines mit den eigenen Augen verfolgen." In der Tat, die Elf von Joachim Löw war zwar drückend überlegen und die spielbestimmende Mannschaft, doch Überlegenheit allein weist noch lange nichts Zählbares auf der Habenseite aus. 25 Torschüsse standen am Ende auf ihrem Konto, doch die Null stand am Ende – trotz 28 Torschüssen. Der Ball wollte einfach nicht rein. Entweder hielt Arsenals Wojciech Szczęsny oder ein polnisches Bein oder Körperteil blockte den Schuss. Selbst der eingewechselte Lukas Podolski, in Polen geboren und Doppeltorschütze bei der EM 2008 gegen sein Heimatland, traf – wenn auch sehenswert – nur die Querlatte. Dem Team von Nationaltrainer Adam Nawałka gelang somit der ersehnte Coup. Böse Zungen sprechen von Effektivität. Denn zwei der insgesamt drei Torabschlüsse fanden den Weg ins Tor von Welttorhüter Manuel Neuer, der zu allem Überfluss sogar behilflich war. Erste Pleite also für Jogi Löw nach 18 Pflichtspielen ohne Niederlage. Die letzte gab es übrigens bei der EM 2012 mit 1:2 gegen Italien – ebenfalls im Nationalstadion von Warschau. Beide Tore fallen auf der Seite, auf der unser Team damals auch Balotelli abgeschossen hatte. Für Deutschland bleibt das Nationalstadion in Warschau also ein schlechtes Pflaster. Auch die Fans können sich eine Scheibe vom Erfolg abschneiden, denn sie sorgten für eine zeitweise elektrisierende Stimmung, die selbst beim Weltmeister Eindruck hinterließ. Mats Hummels äußerte sich so auf seiner Facebook-Seite: „Meinen Respekt noch an das polnische Publikum, die Atmosphäre während unserer Hymne hat mir gut gefallen. Ich hoffe, dass sich unsere Gegner bei Heimspielen in Zukunft desselben Respekts erfreuen dürfen.“ Die Anhänger der ‚Biało-Czerwoni‘(dt.: Weiß-Roten) peitschten ihr Team nach vorne und explodierten bei den beiden Treffern. Was bleibt am Ende an Erkenntnissen? Für Deutschland war es eine unnötige Niederlage. Für Polen waren es viel mehr als nur drei Punkte. Eine ganze Nation feierte den Sieg, als gebe kein Morgen mehr. Im 19. Anlauf gelang der erste Sieg gegen den großen Nachbarn im Westen. Zudem keimen ernsthafte Hoffnungen auf, dass Polen womöglich wieder an einer EM-Endrunde teilnehmen könnte – erst zum insgesamt dritten Mal dann. Die Niederlage gegen Polen wollte Bundestrainer Joachim Löw nicht dramatisieren. Doch seit dem Finale in Rio de Janeiro läuft es spürbar nicht mehr für den Weltmeister. Grund genug für Löw also, die Schwächen in Sturm und Abwehr zu beheben, denn Polens Sieg hatte die Problemzonen der deutschen Nationalmannschaft explizit aufgezeigt. Dennoch hielt der Bundestrainer auch gegen Irland an seinen beiden Youngstern auf den Außenbahnen fest. „Was Bundestrainer Löw und sein Team jetzt brauchen, ist ein in allen Kategorien überzeugender Sieg", schrieb der ‚Tagesspiegel‘ und verwies darauf, dass Deutschland nach der ersten Niederlage in einem EM-Qualifikationsspiel seit sieben Jahren in Gelsenkirchen das Tore schießen nicht wieder vergessen sollte. Exakt so sollte es kommen. Die DFB-Elf war wieder optisch haushoch überlegen, tat sich erneut brutal schwer, die nahezu undurchdringliche Abwehrketten der Iren zu bespielen. Dass es aber dann zu allem Überfluss O'Shea beschieden sein sollte, das ganze Land in kollektive Sorgenfalten zu stürzen, war sicher nicht geplant. Dennoch sorgte er für den Schock in der 94. Minute, als er sich gegen Hummels durchsetzen konnte. Auf den Bundestrainer wartet eine große Herausforderung, wenngleich diese Qualifikation große Türen Richtung Frankreich aufweist. : Dennoch: Von sechs angestrebten Punkten blieb grad mal einer übrig. Der Aufwand weist nicht den Ertrag auf, der von allen erwartet wurde und werden konnte.

Am Dienstagabend traten die Löw-Schützlinge übrigens zum dritten Mal seit dem Triumph von Rio vor heimischem Publikum an. Doch wie schon im Spiel der EM-Qualifikation gegen Schottland in Dortmund und der nach-WM-Feier in Düsseldorf gegen Argentinien blieben auch in Gelsenkirchen erneut etliche Plätze leer. Und das im Ruhrgebiet. Ein Alarmsignal! Dabei hatte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach nach der WM im Magazin ‘Der Spiegel‘ noch frohlockt: "Wir erwarten einen Boom." Den gibt es tatsächlich - nur der findet nicht in den Stadien statt, weil die Leute die enormen Preise nicht mehr so klaglos in ihrer angedachten Aufgabenstellung als reiner „Jubelchor“ akzeptieren. Dazu kommt diese furchtbare „Show“ drum herum, die einen nur noch anödet. Die „Schwarz und Weiß“- Single von Oliver Pocher (Erscheinungsdatum: 28. April 2006!!) beispielsweise, wird vom grenzdebilen Bremer Stadionsprecher Christian Stoll, genannt "Stolli" ohne Hirn und Verstand mit all dem anderen Scheiß ewig gleich herunter gedudelt und belegt einmal mehr in schonungsloser Weise, welchen Stellenwert die Fans bzw. der Coca Cola-Fanclub Nationalmannschaft im System DFB tatsächlich hat.

Fazit: Die Nationalmannschaft hat auch schon mal mehr Spaß gemacht.
Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailArthur Makiela, Holger W. Sitter – 14.10.2014


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