Brasilien hat gewonnen - wenn nur der Fußball nicht gewesen wäre

Vier Wochen WM in Brasilien und wir werfen einen Blick zurück. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die erschwerten klimatischen Witterungsbedingungen die Akteuren weit weniger vor körperliche Probleme stellten, als allgemeinhin erwartet wurde. Dieser, im Vorfeld vielzitierte Vorteil der Südamerikaner wurde schon deshalb obsolet, weil deren Topspieler allesamt in Europa kicken. Das sportlich unbefriedigende Abschneiden des Gastgebers hatte unterdessen ganz sicher andere Gründe.

Ebenso ist es erstaunlich, wie ungeschoren die deutschen Spieler durch diese WM gekommen ist – vor alle4m wenn man bedenkt, wie das vor dem ersten Spiel noch aussah. Als die Mission „4.Stern“ angetreten wurde, glich die Zusammenkunft des DFB-Teams einem Krankenlager.

Es fing ganz schlecht an. Marco Reus zog sich beim letzten bedeutungslosen Kick gegen Armenien einen Teilriss der Syndesmose zu. Wir erinnern uns auch noch gut an die „Schulter der Nation“ bei Manuel Neuer. Jerome Boateng hatte ein Ziehen im Oberschenkel recht problemlos überwunden. Sami Khediras Kreuzbandplastik im rechten Knie hielt entgegen der Erwartungen mancher skeptischer Mediziner. Auch eine Innenbandzerrung im linken Knie vor zwei Wochen hatte er erstaunlich schnell überstanden. Bastian Schweinsteiger musste gar mit dem Hubschrauber zu einem Fifa-Mediziner geflogen werden, um die Sporttauglichkeit zu erlangen. Doch sie haben im Verlauf des Turniers tatsächlich alle mitgereisten topfit hingekriegt.

Zumindest fast alle. Denn Shkodran Mustafi (Foto), der 22-Jährige „Last Minute-Shootingdurchstarter“ des Turniers musste aufgeben, als er im Achtelfinale gegen Algerien einen Muskelfaserriss im Oberschenkel erlitt. Alle hatten mit Erik Durm da eher einen anderen 22-jährigen auf dem Zettel, doch der Bundestrainer blieb seiner „Phobie“ gegen Dortmunder Spieler beständig treu, obwohl sich mehrfach Einsatzmöglichkeiten ergaben.

Der andere Dortmunder, der inzwischen als gesetzt gilt, kämpfte mit vielen Wehwehchen bei dieser WM. Gleich im ersten Spiel gegen Portugal musste Hummels nach einem Luftkampf ausgewechselt werden und die Nation sorgte sich, weil er böse umgeknickt war. Aber es war gottlob nur eine Verhärtung im Oberschenkel, kein Problem für die medizinische Abteilung. Vor dem Spiel gegen Gastgeber Brasilien hatte der 25-Jährige sich allerdings schon tagelang mit Schmerzen im Knie herumgeplagt, konnte aber im Finale dann auflaufen. Dieser besondere „Team Spirit“

Dabei hatten Mats Hummels (für den "Goldenen Ball" der nominiert, FIFA der den besten Spieler des Turniers auszeichnet) und die Nationalmannschaft lange Zeit irgendwie nicht so richtig zusammengepasst. Joachim Löw gefielen die weiten, spieleröffnenden Diagonalpässe BVB-Abwehrchefs nicht, die dieser sehr zur Freude von Jürgen Klopp beim Heim-Verein schlägt. Dazu gab es nach der Schmelzer-Heimschickung erneut Kritik aus dem Dortmunder Lager an der Nominierungspraxis des Bundestrainers – und Hummels fand sich plötzlich inmitten eines medial hochgespielten Bayern-Dortmund-Konflikts wieder. Vom Bundestrainer und von der Mannschaft habe er aber Wertschätzung erfahren, bekundete der 25-Jährige in Südamerika, sichtlich geläutert.

Wenn man den Twitter Tweets der Nationalspieler rund um das „Campo Bahia“ gefolgt ist, konnte man den Posts der Spieler viel Freude und Ausgelassenheit entnehmen. Man sei eine richtig verschworene Gemeinschaft  und natürlich “total fokussiert“ auf das Ziel gewesen. Der sogenannte „aggressive Leader“, Bastian Schweinsteiger, hatte es kurz und bündig zusammengefasst: „Es war einfach fantastisch hier“. Darin liegt einer der ganz großen Schlüssel zum Erreichen des Finales und der Krönung gegen Argentinien. Zum Beispiel der Twitter-Schnappschuss von Schweini. Auf diesem bedankt er sich nicht nur bei seinen Teamkollegen, sondern veräppelt auch noch Kevin Großkreutz: "Jungs, es war mir eine Ehre. Danke für eine tolle Zeit ohne Eskapaden. Vor allem Dir, Kevin ;)". Kleine Frotzeleien zwischen Münchner und Dortmunder, die aber Wertschätzung bezeugen. Und sonst?

Vorwürfe wie "Hofberichterstattung" und "distanzloser Ranschmeiß-Journalismus" standen im Raum. Eine Repräsentativbefragung, die von der ARD/ZDF-Medienkommission beim IFAK-Institut in Auftrag gegeben wurde besagte zu meiner völligen Überraschung, dass 92 beziehungsweise 93 Prozent der Zuschauer sich sowohl bei ARD als auch bei ZDF "umfassend" über die Geschehnisse in Brasilien informiert fühlten. Auch den Reportern vor Ort, die aus den jeweiligen Stadien berichteten, wurde „hohe Kompetenz“ zugesprochen. 89 beziehungsweise 91 Prozent der Befragten befanden: Scholl & Co. "verstehen was von der Sache". Auch mit der Analyse der jeweiligen Spiele zeigten sich die Teilnehmer der Studie zufrieden. 91 Prozent gaben an, dass ARD und ZDF für "aufschlussreiche" Spielanalysen sorgten. Gut, dass sie mich nicht gefragt haben.


Machte desöfteren mit erfrischend klaren Aussagen von sich reden: Mehmet Scholl (r.)

Die Zuschauerresonanz konnte sich überdies sehen lassen. So sahen beispielsweise geschätzte 715 Millionen Menschen in 200 Ländern weltweit das Finale, 34,65 Millionen davon allein in Deutschland. Dabei hatten die Fußballfans und Kneipiers mit den Übertragungszeiten so ihre diversen Problemchen. Oft sahen sie zu später Stunde langweilige Spiele und ideenloses Ballgeschiebe. In der Tat konnte der geneigte Fan dieser großartigen Sportart bei diesem Turnier keine großen taktischen Neuerungen und bahnbrechenden Veränderungen erleben. "Alles schon mal da gewesen. Es geht nur noch um Nuancen. Kleinigkeiten, die im Vergleich zu früher anders gestaltet werden", meinte TV-Experte Kahn, immer ein Freund klarer Worte.

Festzuhalten bleibt auch, dass Außenverteidigern weiterhin eine sehr hohe Bedeutung im heutigen Fußball zukommt. Brasilien 2014 bestätigte einmal mehr den Trend, dass das Offensivspiel in hohem Tempo und schnellem Umschaltspiel alternativlos ist. "Taktische Flexibilität und Rhythmuswechsel werden immer wichtiger. Wer eindimensional taktiere, habe kaum eine Chance, weil er schnell ausrechenbar werde ", ergänzte der ehemalige Weltklasse-Keeper und meinte damit wohl in erster Linie die WM-Versager England (Der Generation Welbeck, Sturridge oder Sterling gehört die Zukunft) Spanien, Portugal, Italien und – in gewisser Weise – wohl auch Holland und Gastgeber Brasilien.

Starke Keeper, schwache Schiedsrichter Apropos Torhüter. Durchweg starke Leistungen ragten bei diesem Weltturnier heraus. Es war rundweg eine WM der starken Torhüter-Leistungen. Vor allem ihre Darbietungen haben dazu beigetragen, dass nicht weniger als fünf Achtelfinals in die Verlängerung gehen mussten. Der Nachweis ist also erbracht: Keeper aus Afrika und Südamerika sind heutzutage absolut konkurrenzfähig gegenüber ihren Kollegen aus den europäischen Top Ligen. Manuel Neuer, der Weltklasse gehalten hat, wurde zurecht bester Keeper des Turniers! Die Schiedsrichter hingegen starteten desaströs in dieses Turnier und repräsentierten überwiegend schwaches Niveau. Sieben Fehler in den ersten vier Spielen, angeführt vom Elfmeter-Geschenk des Japaners Yuichi Nishimura im Eröffnungsspiel für Brasilien. "Den WM-Start hat man sich nicht so vorgestellt", ärgerte sich auch der ehemalige FIFA-Schiedsrichter und Schweizer TV-Experte Urs Meier. Unparteiische aus Neuseeland, Usbekistan,  El Salvador oder - wie beim kleinen Finale - aus Algerien, die in ihren heimischen Ligen nicht auf allerhöchstem Niveau agieren, durften in Brasilien an die Pfeife und ihr Unwesen treiben. Ja, das ist sicher nett von der FIFA, bei einer Weltmeisterschaft aber grob fahrlässig und spätestens ab der K.o.-Runde war das nicht mehr vertretbar. Dort wurde dann auch „Dauertiefflieger“ Robben schon mal öfter beschieden, er möge doch bitte spielen, nicht fallen.

Indes hatte Massimo Busacca, seine Zeichens Schiedsrichter-Obmann der FIFA, vehement die insgesamt doch sehr umstrittenen Auftritte der WM-Referees verteidigt. "Wir sind sehr zufrieden. Wir haben unglaubliche Leistungen gesehen. Ich möchte mich bei allen bedanken", so die klaren Worte des Schweizers bei einer FIFA-Pressekonferenz vergangenen Freitag in Rio de Janeiro. Berichte über eine Anordnung, wenige Gelbe Karten zu zeigen, wies Busacca darüber hinaus strikt zurück. Auch ein angeblicher Anstieg von Verletzungen durch eine vermeintlich großzügige Regelauslegung der Unparteiischen sei durch Zahlen nicht zu belegen. Im Gegenteil sei ein Rückgang von 40 Prozent im Vergleich zu anderen Turnieren zu verzeichnen. Die Debatte um Sinn und Unsinn des Spiels um den dritten Platz (respektable 17,51 Mio. sahen es bei uns im TV!) geht sicher nicht nur in unserm Nachbarland weiter, da das Problem dabei nicht in dem Spiel selbst, sondern in der Einstellung der Profis zu liegen scheint. Es scheint den im Halbfinale gescheiterten Nationen keine große „Ehre“ mehr zu sein, Dritter in der Welt zu werden. Es gibt aber immer auch Mannschaften im Turnier, für die dieses Spiel um Platz drei eine ebensolche wäre. Man stelle sich nur vor, Costa Rica hätte das geschafft. Oder Chile. Wollte man denen und deren Fans dieses Spiel wirklich nehmen? Grundsätzlich gilt: Erst wenn die Zuschauer keine mehr Karten für das kleine Finale kaufen, dann kann man darüber nachdenken, es abzuschaffen.

Was bleibt also hängen aus den Tagen, die die Welt vor die Fernseher trieb? Einige wenige Superstars brillierten - wenngleich es eine absolute Farce war, dass Messi zum Spieler des Turniers gewählt worden ist - etliche Rekorde, tolle Tore, große Emotionen, volle Stadien, ebenso volle Public Viewing -Areas und ein Weltmeistertitel, der zwar von vielen erhofft, aber längst nicht von allen erwartet wurde. Gratulation! Hat Spaß gemacht.
Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailPeter Hoffmann, 14.07.2014



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