Angstgegner hin oder her...

Aus Mailand berichtet Klaus Reimann

Philipp Lahm staunte nicht schlecht, und Oliver Bierhoff entlockte der große Medienrummel bei der Abschluss-Pressekonferenz vor dem Italien-Spiel sogar ein ebenso kurzes wie prägnantes Statement. "Oh, ist das voll hier", meinte der Nationalmannschafts-Manager, als er den sozusagen ausverkauften Pressesaal des mondänen Hotels „Principe de Savoia“ in Mailand betrat.

Nun, eigentlich sollte  die anziehende Wirkung von Länderspielen zwischen Italien und Deutschland nicht allzu sehr wundern. Mehr Rivalität geht kaum. Wobei die diesmal gastgebenden Italiener in der komfortablen Lage sind, auf eine eindrucksvolle Reihe ebenso wichtiger wie siegreich bestrittener Länderspiel-Duelle zurückblicken zu können. Entsprechend entgegengesetzt war die Wortwahl bei den DFB-Protagonisten, als es um die von erschreckender Deutlichkeit geprägten sportlichen Vergleiche der vergangenen Dekaden ging. Da kam sowohl bei Bierhoff als auch bei Lahm auffallend oft das Adjektiv bitter vor.

Doch weil Fußballspiele bekanntlich im Kopf entschieden werden, waren der Kapitän und der Team-Manager bemüht, den Blick nach vorne zu richten, anstatt sich fortwährend mit Vergangenheitsgedanken zu quälen. So behauptete Lahm auf die Frage hin, was das Bild des muskelstrotzenden Doppeltorschützen Mario Balotelli aus dem EM-Halbfinale 2012 bei ihm auslösen würde, mit versteinerter Miene: "Nichts!"  Credo des soeben 30 Jahre alt gewordenen Bayern-Spielers: In Momenten negativer Erlebnisse gilt es zu relativieren. "Natürlich war die Niederlage bitter, aber es war auch nicht die einzige in meiner Karriere. Es gibt auch Bilder, auf denen ich juble und der andere niedergeschlagen ist", meinte Lahm. Ist das wirklich so einfach? Kann ein ernüchterndes 1:4 in Florenz im Vorfeld der WM 2006, ein Märchen enttäuschendes 0:2 im Halbfinale eben jener Heim-WM oder eine demoralisierende Halbfinal-Niederlage bei der EM 2012 mal ebenso auf den Status ganz normaler Niederlagen reduziert werden? Natürlich nicht.


Spielt er, oder spielt er nicht? Nationalmannschafts-Tourist Roman Weidenfeller (links)

Denn eingedenk der jüngeren und auch der nicht mehr ganz so jungen Fußball-Geschichte kam auch Lahm nicht umhin, die Italiener als "Angstgegner" der DFB-Auswahl zu bezeichnen. Aber auch hier gelang dem Kapitän zumindest verbal postwendend der Umkehrschwung zum Positiven. "Wir können aber morgen schon damit anfangen, die Geschichte zu Ändern und eine neue zu schreiben." Denn eines ist klar: Zur Vorfreude "auf diesen wichtigen Test" (O-Ton Lahm) gesellt sich bei den DFB-Akteuren der sehnliche Wunsch, diesen Test auch zu gewinnen. Schon allein aus dem Grund, um beim nächsten Aufeinandertreffen auf Turnierebene nicht schon wieder mit einem die Beine bleischwer machenden Italien-Trauma auflaufen zu müssen.

"Die Niederlagen in den WM- und EM-Spielen können wir nicht mehr gut machen. Aber wir können morgen ein gutes Testspiel abliefern", bemerkte  Lahm abschließend. Mehr noch: Mit einem Sieg könnten die DFB-Akteure den Malus des ewigen Verlierers im Vergleich zwischen Italien und Deutschland ablegen und  der in diesem Punkt so arg geschundenen Fußball-Seele endlich die so dringend benötigte XL-Portion Balsam gönnen. Das sagte Lahm nicht. Aber es war ihm deutlich anzusehen, dass er genauso oder zumindest Ähnlich dachte. Fußball ist eben Kopfsache. Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailKlaus Reimann, 14.11.2013


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