Der Abend des André Schürrle

Aus dem Rasunda-Stadion in Solna
berichtet Peter Hoffmann

Die Revanche für das 4:4 ging 3:5 aus. Unter acht Toren machen es die beiden Top-Teams der Gruppe C scheinbar nicht. Nach einer durchwachsenen ersten Hälfte gelang Özil kurz vor dem Pausenpfiff jedoch der Anschluss. In Hälfte zwei stellte der überragende Andre Schürrle mit seinen drei Toren ganz allein die Weichen auf Sieg zum Abschluss der WM-Quali.

Als zwölfter deutscher Fußballer überhaupt stieg Schweinsteiger (heute in modischen Leggins) in Schweden in den illustren Club der Hunderter auf. „Schweini“ wurde allerorts über die Jahre zum Anführer der Nationalmannschaft hochstilisiert, was er de facto eigentlich niemals war. Zu unbeständig, zu inkonstant und auch zu verletzungsanfällig war es um diese im Medienwald zur Ikone erhobene Personalie bestellt. Mit Ilkay Gündogan steht sein Nachfolger bereits bereit. Er wirkt dynamischer, schaltet nach Balleroberung flinker um und ist voller Tatendrang. Dazu kommt: Bei der DFB-Auswahl ist der Münchner seit der EM ein selten gesehener Gast gewesen. Lediglich an drei von sieben Spielen beteiligte er sich, diverse Blessuren und eine Gelbsperre verhinderten eine regere Teilnahme. Es bleibt spannend, ob sich der Bayern-Kicker der ernstzunehmenden Konkurrenz aus Dortmund dauerhaft wird erwehren können.

Spannend? Bleibt es wirklich spannend? Joachim Löw,  so pfeifen es die Spatzen von den Dächern, wird seinen Vertrag verlängern „weil beide Seiten daran Interesse haben. Wir haben das Ziel, dass es noch einmal bis 2016 geht“, sagt der Badenser. Dass diese Wahl für Dortmunder Profis nicht immer zur vollsten Zufriedenheit gereicht, haben Schmelzer und Hummels ja bereits leidvoll erfahren. Und so bleibt abzuwarten, wie der Bundestrainer im Scheinwerferlicht der souveränen Qualifikation für Brasilien seine richtungsweisenden Personalentscheidungen trifft. Joachim Löw hat unterdessen ganz andere Sorgen:  „Für mich ist es grausam, dass man nur ein Vorbereitungsspiel in einem halben Jahr hat. Das ist eine wahnsinnig lange Zeit.“ So schlimm, dass er nicht liebend gerne weitermacht, ist es dann aber doch nicht.

Obwohl sich das DFB-Team ja bereits als Gruppenerster der Gruppe C  fest für die WM 2014 in Brasilien qualifizieren konnte, wollte die Mannschaft vollen Einsatz geben und die Schmach des ominösen 4:4 aus dem letzten Herbst wieder gutmachen. Beim schwedischen Gegner konnte Ausnahmespieler Zlatan Ibrahimovic nicht spielen. Obwohl ihm der 2:1 Siegtreffer in der 86. Minute gegen Österreich gelang, bekam er in der Nachspielzeit eine unnötige Gelbe Karte und war somit gesperrt. Mit dieser abgebrüht-cleveren Aktion ging er gleichzeitig dem Problem aus dem Weg, bei den Playoffs zu fehlen.

Seine Teamkollegen Tobias Hysen und Alexander Kacaniklic hatten die gnadenlos effektiven Schweden gegen hinten anfällige Gäste wenig überraschend mit 2:0 in Führung geschossen. Das war Effektivität pur. Der zuletzt so hochgelobte Boateng patzte und bereits nach sechs Spielminuten schon jubelte der Gastgeber über eine frühe Führung. Kurz vor der Pause kam es dann zunächst noch schlimmer, als die Schweden ihre zweite(!) gute Chance gleich zum zweiten Tor nutzten. Wieder tat sich eine Lücke in der Viererkette auf, als Lahm falsch stand und Alexander Kacaniklic freistehend gegen Neuer keine Probleme hatte und knallhart einnetzte. Überhaupt die gesamte Abwehrleistung war da zu kritisieren. Mesut Özil war gottlob mit seinem achten Tor im laufenden Wettbewerb der Anschlusstreffer in einer extrem ernüchternden ersten Halbzeit geglückt. "Da haben wir gesagt, dass wir noch gewinnen, wenn wir das Tempo hochhalten - und so war es dann auch", stellte Bundestrainer Joachim Löw anschließend fest. Zur zweiten Halbzeit kam dann Götze für den blassen Müller ins Spiel - und dieser Wechsel zahlte sich rasch aus. Einen klugen Pass von Özil knallte der Neu-Münchner eiskalt zum 2:2 in den Giebel. Danach lief es für die deutsche Elf, die mit blitzschnellen Kombinationen nun immer häufiger Löcher in die schwedische Deckung riss. Chelsea-Stürmer Schürrle machte mit seinen drei Treffern vortreffliche Eigenwerbung für einen Stammplatz auf der hart umkämpften linken Offensivseite, wo auch ein Lukas Podolski, Julian Draxler oder der dort gesetzte Marco Reus (Niersbach) spielen könnten. Darüber wollte der Mann des Abends kurz nach Abpfiff noch nicht nachdenken, sondern schaute lieber auf die Leistung des gesamten DFB-Teams: "Die drei Gegentore sind natürlich ärgerlich, aber man hat wieder gesehen, welche Kraft wir nach vorne haben. Wir haben hochverdient gewonnen."



Als der schottische Schiri William Collum dann nach 92 Minuten abpfiff, waren die 49251 Zuschauer im Rasunda-Stadion und Millionen an den Bildschirmen Zeuge eines – trotz sportlicher Bedeutungslosigkeit –  hoch interessanten Spiel geworden, indem abermals acht Tore gefallen waren. Gut: Die deutsche Offensive mit schier unerschöpflichem Potenzial. Mager: Die Defensive, in der bereits durch das Aufrücken a la Bayern von Kapitän Lahm größere Löcher entstanden, hat noch viel Potenzial nach oben. Ausnahme: Mats Hummels, der eine lupenreine und souveräne Partie ablieferte und sicher auf Sicht seinen Platz wieder einnehmen dürfte.

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailPeter Hoffmann, 15.10.2013


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund