Die Angst besiegt

Aus dem Westfalenstadion berichten
Andreas Römer und Stefan Münnich

In einem Fußballkrimi besiegt der BVB Bayer Leverkusen mit 3:2 und zitterte wieder in den letzten 10 Minuten. Doch diesmal hielt das Ergebnis


Schiedsrichter Dingert war kurz vor dem Abpfiff ein bisschen gefährdet. Die Fans sahen in seiner Spielleitung ausreichend Grund, heftigst zu pfeifen, was das Zeug hält. Ein Foul an Witsel wurde nicht geahndet und in Dortmunder Tornähe fielen die Gäste in den Augen der schwarzgelben Fans wie von selbst und holten einen Freistoß nach dem anderen raus. Die Meisten im Stadion hatten ungute Erinnerung an das letzte Heimspiel, als der BVB die sicher geglaubte Führung durch einen Freistoß aus dem Halbfeld noch herschenkte. Und schließlich war erst vor wenigen Minuten aus fast der identischen Position der Anschlusstreffer gefallen. Witsel musste nach seiner Behandlung auch noch draußen warten, bis der Freistoß vorbei war – zum Glück für den BVB ohne Schaden anzurichten.

Doch hier hatte die Angst die Mehrheit der 81.000 Zuschauer fest im Griff. Gegen Hoffenheim und auch in Tottenham war die Abwehr ein bisschen auseinandergefallen und hatte ein Spiel nach 3:0 noch in ein 3:3 vergeigt und im anderen Kick aus einer knappen Niederlage ein eher vernichtendes 0:3 gemacht. Und die Bayer-Jungs warfen alles nach vorn, wollten den – man muss es schon zugeben – nicht unverdienten Ausgleich. Dann gab Dingert auch noch 5 Minuten Nachspielzeit – da hatten sicher einige der Schwarzgelben auf der Tribüne schlimmste Gedanken. Aber auch diese mehr als fünf Minuten hielt der BVB das Ergebnis, mit Glück und viel Einsatz.

Die Gäste bestimmen die erste halbe Stunde


Im West-Duell zwischen dem BVB und Bayer Leverkusen hatten die Pillendreher zunächst die besseren Drogen genommen. Der Gast bestimmte weite Teile der ersten Hälfte und Borussia konnte sich glücklich schätzen, dass es nicht schon nach 20 Minuten hinten lag. Der BVB bekam überhaupt keinen Zugriff aufs Spiel. Man hatte manchmal das Gefühl, Bayer muss einfach einen Mann mehr auf dem Rasen haben. Irgendwie war immer einer da.



Das typische Peter-Bosz-System funktionierte: Sobald ein Dortmunder den Ball hatte, wurde er von mindestens zwei, meist sogar drei Gegnern attackiert. Es blieb ihm überhaupt keine Zeit, zu gucken, wohin er spielen könnte. Meist ging dann ein langer Schlag nach vorn – und der Ball kam postwendend zurück. Leverkusen hatte die ersten 25 Minuten alles im Griff, optisch ein klares Übergewicht und bot spielerisch die deutlich ansprechendere Leistung.

Mit vier Angreifern gingen die Gäste vorn zur Sache und dem BVB fiel keine Lösung ein, wie man einmal hinter die erste oder die dahinter lauernde zweite Reihe kommen sollte. Götze war viel unterwegs wurde aber von Bender oder Tah immer direkt vom Ball getrennt. Und vorn rochierten die Bayer-Jungs von rechts nach links und umgekehrt. Havertz und Brand waren immer anspielbar und lenkten das Bayer-Angriffsspiel. Nur gut für den BVB, dass es ganz vorn zunächst nicht reichte. Die BVB-Innenverteidigung mit Akanji und Zagadou gelang es zumeist, den Ball aus der Gefahrenzone zu bringen. So standen dann nur zwei Schüsse von Nationalspieler Haverertz zu Buche. Dem wird der anwesende Bundestrainer Löw sicher mit Freude zugesehen haben.

Sancho – wer sonst?


Wieder einmal war es Jadon Sancho, der der Borussia dann Leben einhauchte. Nach 27:18 Minuten (!) der erste richtige Schuss aufs Tor – natürlich vom quirligen Engländer. Den Ball konnte Hardecky gut halten. Aber das war offensichtlich das Hallo-Wach für die Borussia. Mut eine Minute später kam Weigl mit einem langen Bein am Elfmeterpunkt zum Schuss, Tah warf sich dazwischen. Und nach 30 Minuten gab es tatsächlich die erste Ecke für den BVB – bislang ja nicht gerade die gefährlichste Waffe. Sancho gab den Ball rein, Akanji verfehlte, aber die Murmel fiel Zagadou einfach auf den Fuß und aus vollem Lauf und nur drei Meter jagte er das Ding Hradecky durch die Säbelbeine zum 1:0. Verrückt!



Die Freude über den Führungstreffer währte aber gerade einmal gute fünf Minuten. Dann klingelte es schon wieder im Bürki-Gehäuse. Havertz und Volland durften ohne Behinderung und unter staunendem Zusehen der Schwarzgelben gleich zwei schicke Doppelpässe am Strafraum spielen und Volland bedankte sich mit einem platzierten Schuss rechts unten rein. Witsel stand irgendwie nur daneben.

Mann, Mann, Mann… so einfach muss man es ihn ja auch nicht machen. Aber Borussia war nicht geschockt, immer noch wach. Weigl konnte sich einmal im Mittelfeld durchsetzen, spielte nach links, Guerreiro verlängert auf Diallo, der eine lange Flanke in den Strafraum schlug, eine seeeehhr lange Flanke. Jedvaj unterschätzte das Ding und Sancho nahm das Runde volley und versenkte es links unten im Eckigen. Tor-des-Monats-würdig! Schon führte der BVB wieder.

30 Prozent Ballbesitz für den BVB


Mit ein bisschen Glück hätte es auch zu einem dritten Treffen gelangt: Götze und Alcacer eroberten durch schnelles Anlaufen den Ball, doch der Schuss von Alcacer wurde eben noch abgeblockt. Mit 70 Prozent Ballbesitz, 200 mehr Ballkontakten und einem 1:2-Rückstand musste Bayer Leverkusen in die Pause.



Die zweite Halbzeit zog sich der BVB weiter zurück, ließ die Gäste das Spiel aufziehen und spekulierte auf Konter. Gelegenheit dazu gab es dann auch reichlich, doch im entscheidenden kam der Pass nicht nach vorn. Das Gegenpressing a la Bosz machte dem BVB weiter zu schaffen. Doch ein einziges Mal klappte das, was dem BVB in den letzten oft fehlte: Das Team kombinierte sich mit schnellen, kurzen Pässen an den gegnerischen Strafraum. Die Flanke von Hakimi wurde dann gleich zweimal abgefälscht und landete am 16ern. Götze nahm ihn aus vollem Lauf und versenkte den Ball links unten. Wow! (62. Minute)

Und nur zwei Minuten später schien der Bann, der Fluch der zuletzt fünf nicht gewonnen Spiel gebrochen zu sein: Alcacer erzielte das 4:1. Leider war er eine Fußspitze im Abseits, was auch aus dem Kölner Keller bestätigt wurde.



Dann kam es, wie es eben nicht kommen sollte. Ein völlig unnötiges Foul von Gurreiro brachte Leverkusen einen Freistoß vermutlich genau an der Stelle, von wo zuletzt Hoffenheim zum 3:3 getroffen hatte. Am entfernten Strafraumeck sammelten sich die Leverkusener und Trainer Favre winkte heftig, zeigte „passt da auf“! Hat wohl niemand gesehen. Vielmehr schlief die BVB-Abwehr wieder einmal kollektiv und Tah kam völlig frei zum Kopfball. Bürki war zwar noch dran, aber der Ball war tatsächlich drin.

Wie es ausging, ist ja bereits eingangs beschrieben. Die Fans freuten sich mal wieder über drei Punkte, die sich das Team von Lucien Favre mit Glück erkämpft hat. Borussia hat gegen einen starken Gegner offensichtlich wieder in die Spur zurückgefunden. Jetzt gilt es am kommenden Freitag in Augsburg dort anzuknüpfen und diesmal gegenüber den Bayern vorzulegen.

Opens window for sending emailAndreas Römer (Text), Stefan Münnich (Fotos)




Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund