Na, bitte - geht doch!

Aus dem Westfalenstadion berichten
Andreas Römer und Falk-Stéphane Dezort

Nach dem peinlichen Ausrutscher gegen Tabellenkellerkind Düsseldorf zeigt sich der BVB erholt und schlägt im heimischen Stadion den Tabellenzweiten aus Mönchengladbach mit 2:1.

Die Fans hatten lange was zu singen. Überhaupt war die Stimmung im Stadion fast so feierlich wie beim Weihnachtliedersingen vor einigen Tagen. Nicht nur das letzte Heimspiel im Kalenderjahr, sondern auch der Absschied von der Kohle mit "Danke Kumpel"-Trikot gaben Grund für beste Stimmung im Tempel. Die schwarzgelben Borussen gaben natürlich den Ton an, doch die vielen Gästefans der anderen Borussia ließen sich auch nicht lumpen. Für sie muss allerdings der Verein wohl wieder in die Tasche greifen und ein paar Taler Strafe an den DFB bezahlen. Man ahnte schon vor dem Anpfiff, was kommen würde. Die Gästefans in den ersten Reihen verkrochen sich unter ein paar Fahnen und pünktlich zum Einmarsch der Teams gab's ordentlich Leuchtendes im Block. Wer es gut mit Pyro im Stadion meint, wird sagen, es war weihnachtlich. Am Ende mochten aber die heimischen Fans von Englein singen, ihr Weihnachtsfest dürfte ein schönes sein – mit dem eigenen Team an der Tabellenspitze der Liga.



Zum Spiel:

Jordan Sancho hatte Verspätung. Sein Treffer zum 1:0 fiel in der 42. Minuten. Eigentlich und folgerichtig hätte er in der 40 Minute treffen müssen. Wieso? Bis dahin hatte der BVB im Spitzenspiel gegen die "falsche" Borussia aus Mönchengladbach alle zehn Minuten eine dicke Torchance. In der zehnten Minute hatte Achraf Hakimi die erste Gelegenheit. Die zweite ließ Marco Reus in der 20. Minute liegen und Axel Witsels Schuss aus 20 Metern in der 30. stellte Torhüter Yann Sommer vor keine Probleme. Man wurde also ein bisschen nervös als in der 40. Minute nix passierte.

Und zwischen den drei Chancen und einem Tor? Was war da so los? Nicht so viel. Gladbach zog sich total zurück, machte die Räume eng. Bei Ballbesitz Dortmund spielten sie ein 4-5-1-System und beschränkte sich darauf, den Ball möglichst weit vom Tor fernzuhalten. Der BVB schob sich also den Ball hin und her und her und hin und suchte die Lücke. Im Mittelfeld wurde aber oft zu langsam agiert. Mittelfeld-Chef Witsel ist sicher der beste Mann, wenn es gilt das Spiel zu beruhigen, die Übersicht zu behalten. Wenn es aber mal schnell gehen muss, ist er nicht die erste Wahl. Sein Spiel ist selten das steile in die Spitze. Wie beim Handball ließ er den Ball 20 Meter vor dem Tor von rechts nach links und von links nach rechts laufen. So waren die Gladbacher aber nicht zu gefährden.



Hinten stand die Notabwehr sicher. Das lag zum einen an der guten Leistung von Ersatz-Ersatz-Innenverteidiger Julian Weigl, an seinem Partner in der Innenverteidigung Ömer Toprak und den schnellen Außenverteidigern Achraf Hakimi und Lukasz Piszczek. Zum anderen allerdings auch an dem geringen Ehrgeiz der Gäste etwas nach vorn zu machen. Ihr Spitzenstürmer Alassane Plea war gar nicht zu sehen. Und auch Thorgan Hazard, an dem der BVB interessiert sein soll, bekam keinen Stich.

Insofern war die Dortmunder Führung kurz vor der Pause hochverdient und logisch. Einen Fehler von Beyer nutzte der BVB zu einem der schnellen Angriffe, die wir in dieser Saison schon so oft sehen durften: Raühael Guerreiro schickte Balleroberer Reus auf die Reise. Dieser passte in den Strafraum auf Mario Götze, der den Ball direkt auf Sancho weiterleitete. Als gerade das Raunen ob einer verpassten Chance anheben wollte, weil Oscar Wendt den Weg zum Tor versperrte, zeigte der englische Nationalspieler was er so drauf hat. Ein Antritt vorbei an Wendt und aus spitzestem Winkel an Sommer auch noch vorbei links unten ins Eck. 1:0 nach 42 Minuten.



Wie aus dem Nichts

Dass es dann doch nur mit 1:1 in die Pause ging, war verblüffend und ärgerlich zugleich. Phrasenschwein aufgepasst: Wie aus dem Nichts entstand dieser Treffer, der nach Meinung von vielen sowieso nicht hätte zählen dürfen. Die Flanke von rechts von Zakaria rutschte irgendwie durch, Christoph Kramer köpfte sich den Ball an die eigene Hand, deshalb konnten Piszczek nicht weit genug per Kopf klären, der Ball fiel Kramer wieder vor die Füße und der Mann, der vor drei Jahren in diesem Stadion ein Eigentor von der Mittellinie erzielte, schoss aus fünf Metern unhaltbar ein. Da nutzten alle Proteste nichts. Matthias Sammer sprach im Fernsehen von „Wahnsinn“, dass so ein Tor zählt. Auch die Mehrheit der Pressevertreter im Stadion war sich einig: Das Tor hätte niemals gelten dürfen. Trotzdem nur 1:1 zu Pause.

Nach dem Wechsel wurde das Spiel besser, attraktiver. Zunächst stürmte die richtige Borussia, wo seit der 34. Minute Götze den angeschlagenen Wunderjoker Paco Alcacer vertrat. Im Trio mit Sancho und Reus wirbelten die drei schon vor der Pause zum 1:0 und suchten weitere Möglichkeiten. Doch der Treffer quasi mit dem Pausenpfiff schien auch die Gladbacher mutiger gemacht zu haben. Sie versuchten tatsächlich auch mal was nach vorn – ein Fehler, wie sie schnell feststellen durften.



Diesmal dauerte es keine zehn Minuten, man hatte ja auch vom 1:0 noch zwei Minuten gut zu machen. Sancho holte sich den Ball in der eigenen Hälfte, spielte einen Doppelpass mit Reus, bediente dann den nach rechts ausgewichenen Götze. Dieser spielte lang durch den ganzen Strafraum an den zweiten Pfosten, dort rauschte Reus heran und rutschte den Ball zum 2:1 ins Tor (54. Minute). Danach ging es aber wieder in den alten zehn Minuten Rhythmus für den BVB. In der 64. Minute knallte Reus einen Freistoß an den Pfosten. Den hätte Sommer nie und nimmer gehalten.

Leider gab es sonst nichts Zwingendes mehr zu berichten. Gladbach versuchte ein bisschen mehr. Die BVB-Abwehr hatte zwar ein bisschen Mühe, brachte das Ding aber letztlich souverän nach Hause. Die Konterchancen, die sich durch die etwas offensiveren Gäste für die Schwarzgelben auftaten, wurden auch nicht konsequent ausgespielt. So blieb es zwar weiter spannend, weil nur ein Tor Vorsprung wahrlich keine sichere Bank ist, aber richtige Chancen gab es auf beiden Seiten nicht mehr.



Nach fast vier Minuten Nachspielzeit pfiff Schiri Zwayer dann endlich ab und die richtige Borussia hat wieder neun Punkte Vorsprung in der Tabelle vor den Fohlen. Der BVB grüßt als Herbstmeister mit deutlichem Vorsprung von der Tabellenspitze. Viele werden froh sein, dass sie jetzt einmal ein paar Tage Pause haben. Die Liste der angeschlagenen Spieler ist lang und Trainer Lucien Favre dürfte froh sein, wenn er nach der Winterpause wieder alle Kräfte zur Verfügung hat. Die Fans können sich die Tabelle an den Weihnachtsbaum hängen und mit einer tollen Hinrunde sehr zufrieden sein.

Frohes Fest!

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Andreas Römer (Text) Falk-Stéphane Dezort (Fotos), 21.12.2018



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