Alcacer trifft wie auf Bestellung

Aus dem Westfalenstadion berichtet Andreas Römer


Mit seinem neunten Tor als Einwechselspieler setzt Paco Alcacer den Schlusspunkt beim 2:0 über den SC Freiburg.

Es gibt Fußballspiele, das weiß man später nicht so recht, was man davon halten soll. Zunächst der Stimmungsboykott wie in allen Stadien, um gegen den Spielplanwahnsinn aufmerksam zu machen. Und ausgerechnet da spielt der BVB schon in der ersten Halbzeit auf die Südtribüne. Ungewöhnliche Stimmung.

Dann ein Spiel, das auch nicht viel mehr als das eher traurige Gekicke gegen Brügge für uns parat zu halten schien. Gefühlter Ballbesitz von 80 Prozent – am Ende waren es nur 67 Prozent - und das erlösende Tor erst in der Nachspielzeit. Darf man sich als Fan da beschweren? Sind wir undankbar, wenn man mehr erwartet als ein Elfmetertor und einen letzten erfolgreichen Konter in der 91. Minute? Da spielt die eigene Mannschaft deutlich überlegen, lässt den Ball laufen. Das war alles schön anzusehen, technisch gut. Aber zu einer richtigen Torchance hat es halt irgendwie nicht gelangt. Vor lauter schönspielen wurde das Toreschießen vergessen?



Das ist vermutlich zu weit gegriffen. Doch ernsthaft in Gefahr geriet das Freiburger Tor nicht. Die vielbeinige und fleißige Abwehr der Gäste verhindert immer wieder den letzten Pass. Da war eine Hacke im Spiel, dort stellte sich en Schienbein in den Weg. Da hätte man sich an der einen oder anderen Stelle schon einmal den direkten Torschussversuch gewünscht, als noch einen Kurzpass im Strafraum, bis der Ball dann auch wieder weg war.

770 Pässe

Es sah also hübsch aus, wie der BVB kombinierte, schnelles Kurzpassspiel, sicher – und wenn Freiburg dann doch mal dazwischen war, dann schafften die Borussen es ganz schnell den Ball zurückzuholen und wieder ging es mit feinen Kurzpässen nach vorn. Es war trotzdem brotlos. 770 Pässe in 90 Minuten klingen als müsste dem SC Freiburg schwindelig geworden sein. Wurde ihm aber nicht. Und nach einer Stunde schlichen sich auch immer mehr Ungenauigkeiten ins BVB-Passspiel ein. Die 74 Fehlpässe waren bestimmt alle erst nach der 70 Minute. Da schien es so als könnte Freiburg nach vorn noch etwas schaffen. Wenn es nur 1:0 steht und du merkst, die Sicherheit der ersten Stunde ist flöten gegangen, das denkt mal schon mal drüber nach, was wäre, wenn Freiburg jetzt mal einen einzigen Angriff richtig nach vorn zu Ende spielt?



Doch Borussia und Trainer Favre können sich noch immer auf die Einwechselspieler verlassen. Diesmal musste Toprak schon nach 37 Minuten für den verletzten Zagadou ran und machte das gut, wurde allerdings auch wenig gefordert. Alcacer durfte 20 Minuten ran – ein bisschen knapp bemessen, wenn man rechnet, dass er eigentlich 29 Minuten für ein Tor braucht – also rein statistisch. Und schließlich Phillip, der in den letzten zehn Minuten für Reus auf den Platz durfte. Der  Ex-Freiburger was er schließlich, der den Angriff zum „Deckel-drauf-Tor“ einleitete. Er trieb den Ball in die Gästehälfte, wurde unsanft von den Beinen geholt. Der Schiedsrichter ließ Vorteil laufen, weil sich Sancho den Ball schnappte. Der junge Engländer ist weiterhin der Mann, der die richtigen Ideen, das richtige Auge hat und an so gut wie jeder Torchance seine Füße im Spiel hat. Diesmal tanzte er am Strafraum noch einen Gegenspieler aus und passte wunderbar in den Lauf vom heranstürmenden Piszczek. Der hatte freie Bahn zum Tor. Doch als jeder mit seinem Schuss rechnete, legte der Pole den Ball noch einmal in die Mitte und Alcacer stand wieder einmal goldrichtig und schob aus fünf Meter ins Leere Tor. Er verbessert damit seine Statistik, weil er ja nur 21 Minuten gebraucht hat.

Eigentlich komisch dass einem als Fan auch so etwas wie Erleichterung durch den Kopf ging. Wirkliche Torgefahr hatten die Breisgauer nicht verbreitet, doch irgendwas lag schon in der Luft. Dass nach 91 Minuten und 2:0 der Drops aber endgültig gelutscht war, ist natürlich klar. Dass der Sieg auch mit zwei Toren Vorsprung hoch verdient war, ist natürlich auch klar. Und doch war es komisch.

Man muss sich vermutlich auf solche Spiele einstellen. Die Gegner stellen sich gegen den BVB hinten rein, versuchen vor allem dem Ball vom eigenen Tor fernzuhalten, massieren ihre Gegenwehr rund um den eigenen Strafraum. Da ist es natürlich immer schwer durchzukommen. Die beste Waffe des BVB für solche Fälle ist zurzeit Sancho. Er schafft immer wieder Dribblings mit Torgefahr oder er holt einen Elfmeter raus, wie diesmal in der ersten Halbzeit. Er umkurvte Heintz im Strafraum, der stieg ihm auf den Fuß, Sancho fiel, der Schiri pfiff. Marco Reus zeigt sich in dieser Saison als sicherer Elfmeterschütze und haute das Ding humorlos in die Mitte. Auch schon sein neunter Saisontreffer.



Also Adventstimmung im Westfalenstadion? Die ausverkaufte Hütte war mit dem Sieg zufrieden und am Ende redet niemand mehr darüber, wie zäh diese Angelegenheit war. Schon im Stadion bereiteten sich die Fans auf das kommende Wochenende vor: Derbyzeit. Eine Woche Zeit haben nur Mannschaft und Fans Zeit, sich auf das Spiel in der Turnhalle vorzubereiten. Dort die Serie von jetzt 13 ungeschlagenen Ligaspielen zum Auftakt einer Saison hintereinander zu verteidigen wäre einfach richtig gut. Außerdem könnten die Schwarzgelben nach zuletzt einer Niederlage und vier Unentschieden auch mal wieder einen Derbysieg gebrauchen.


Opens window for sending emailAndreas Römer (Text), David Inderlied (Fotos), 2.12.2018



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