So geht Spitzenspiel!

Aus dem Westfalenstadion berichtet Andreas Römer

Der BVB besiegt die Bayern nach leidenschaftlicher zweiter Halbzeit mit 3:2.Party im Westfalenstadion! Endlich mal wieder die Bayern besiegt – die Fans und die Mannschaft waren nach einem großartigen Spiel besoffen vor Glück. Zweimal hatten die Gäste geführt und doch hat Borussia am Ende die Nase vorn. Das war ein Spiel von dem wir auch noch in ein paar Wochen, ja vielleicht sogar in ein paar Monaten noch schwärmen werden.

Und wieder einmal hat BVB-Coach Favre den Siegtorschützen eingewechselt. Paco Alcacer machte am Ende das 3:2. Doch bevor das geschah, sah es so aus, als hätte Favre sein besonderes Händchen für die richtigen Leute auf dem Platz verlassen. Okay, Bürki verletzt, Diallo verletzt, dafür spielten Hitz und natürlich Zagadou. Überraschend dann: Weigl statt Delaney oder Dahoud und Götze statt Alcacer. Beim Skifahren würde man sagen, er hatte verwachst. Denn Weigel konnte dem BVB-Spiel keine Sicherheit geben. Schlimmer noch: Er war ein Unsicherheitsfaktor. Oft zu spät in der Defensive und schlampig in den Pässen nach vorn. Nun mag es zuviel sein, ihm die schlechte Leistung der ersten Halbzeit anzuhängen. Doch mit ihm in der Schaltzentrale des defensiven Mittelfelds machte das gesamte BVB-Spiel zerfahren, nervös und unsicher.



Wer jetzt sowieso gedacht hätte, die bislang häufig kritisierten Bayern würden in Dortmund mal eben die Punkte abliefern, wurde schnell belehrt. Die erste Halbzeit gehörte eindeutig den Gästen, die von Anfang an das Spiel übernahmen und schon nach fünf Minuten drei Ecken verbuchen konnten. Dem BVB gelang nicht viel, hatte seine liebe Müh und Not, den Ball vom Strafraum fern zu halten. Wenn es dann mal schnell nach vorn ging, wurde der letzte Ball unkonzentriert oder schlampig gespielt. So hätte Reus nach 10 Minuten bereits die Führung erzielen können, wenn nicht müssen. Er stürmte nach einem Hummels-Fehler allein auf Torhüter Neuer zu und vergab ein bisschen kläglich.

Einer der Hauptdarsteller des Spiels war neben dem schwachen Weigl bei den Bayern der Ex-Dortmunder Lewandowski. Der Pole beschwerte sich über jeden Zweikampf, den er mit Akanji oder Zagadou zu führen hatten. Er forderte Elfmeter und diskutierte immer wieder mit dem Schiedsrichter. Das brachte ihm ordentlich Pfiffe von den Rängen und diese brachten ihn scheinbar so richtig auf Touren. Er köpfte nach 27. Minuten das 0:1. Dabei machten es ihm die Dortmunder aber in der Abwehr auch mal wieder sehr, sehr einfach. Ribery versuchte von links zu flanken – wurde nicht bedrängt. Die misslungen Flanke übernahm Kimmich – völlig unbedrängt schob er den Ball nach rechts und dort stand mutterseelen allein Gnabry, der alles Zeit der Welt für eine prima Flanke hatte. Und schließlich hatte Zagadou Lewandowski aus den Augen verloren und der Pole hatte keine Mühe freistehend aus fünf Metern den Ball zu versenken.

Mit 0:1 ging es in die Pause und das völlig verdient. Der BVB hatte drei Konter gehabt, die alle wirkungslos verpufften und sonst war nicht viel gelungen. Die Bayern hatten das Spiel im Griff und es sicher in die Halbzeit geschaukelt.



Dort besann sich Favre und erlöste den glücklosen Weigl – Dahoud durfte ran. Und entweder war dieser Wechsel der richtige Schachzug, vielleicht war es die Halbzeit-Ansprache oder die Jungs hatten etwas im Pausentee. Wenn da was drin war, will ich das auch haben. Denn jetzt stand plötzlich eine andere Borussia auf dem Platz. Druckvoll, schnell, kombinationssicher wurden die Bayern durcheinandergerüttelt. Bereits nach vier Minuten der Ausgleich. Sancho, der in der ersten Halbzeit kaum einmal nach vorn etwas zustande brachte, spielte einen Zuckerpass auf Reus. Torhüter Neuer zögerte, war dann zu späte und brachte Reus zu Fall. Der Gefoulte verwandelte den Elfmeter sicher – die Hütte tobte. (49. Minute)

Allerdings erstarb der Jubel schon kurz danach wieder. Die Bayern durften sich erneute ziemlich ohne Gegenwehr den Ball im BVB-Strafraum zuspielen und erneute Lewandowski köpfte aus kurzer Distanz die erneute Führung für den Serienmeister (53. Minute). Doch diesmal zeigte sich das Favre-Team echt wenig geschockt. Die Jungs in schwarzgelb gaben richtig Gas. Sie zerlegte die Bayern ein ums andere Mal. Doch auch die dicksten Chancen schienen nicht rein gehen zu wollen. Wieder einmal vernaschte Sancho Hummels und bediente Reus am Fünfmeterraum. Der BVB-Kapitän hatte sein zweites Tor auf dem Fuß, schob den Ball an Neuer vorbei, doch Goretzka klärte auf der Linie. (58.). Nur kurz danach wieder der jetzt wie aufgedreht spielende Engländer. Er spielt den gerade eingewechselten Alacer frei und auch der bringt den Ball aus fünf Metern nicht im Tor unter. Statt einfach draufzuhalten, versucht er zu fummeln und Boateng war dazwischen.



Die BVB-Fans  waren jetzt heißgelaufen. Das konnte doch nicht wahr sein – solche Chancen mussten doch reingehen. Die Mannschaft wurde ohne Pause nach vorn gepeitscht. Als allerdings Reus auch eine Hakimi-Vorlage aus 15 Metern klar übers Tor schoss, regten sich ein paar Zweifel, die Angst die Bayern könnten das Ding tatsächlich gewinnen, kroch einem unter die Jacke.

Aber dann waren es ausgerechnet die beiden, die eben doch die dicken Dinger liegen gelassen hatten, die das Spiel auf Sieg stellten. Erst nahm Reus eine Pisczcek-Flanke von rechts aus vollem Lauf aus vielleicht 12 Metern und versenkte das Runde links unten im Eckigen. Keine Chance für Neuer. Reus selbst flippte fast aus, agierte mit dem Publikum. Schließlich durfte Alcacer den Deckel draufmachen. Sancho eroberte in der eigenen Hälfte den Ball, übergab an Witsel, der einen langen Ball auf den Spanier schlug. Kontern im eigenen Stadion in Perfektion. Alcacer warte lange bis sich Neuer bewegte und hob den Ball dann lässig über den Torhüter zum 3:2 ins Tor. (73.)



Die Bayern wollten sich natürlich nicht geschlagen geben. Sie warfen noch einmal alles nach vorn, erspielten sich den einen oder anderen gefährlich Ball. Aber der BVB hielt dagegen, warf sich in jeden Ball. Zudem ergaben sich immer ein paar weitere Kontermöglichkeiten, die aber nicht konsequent ausgespielt wurden. Das 4:2 war möglich. Doch noch hielt das Spiel weitere Aufreger bereit. Zunächst gab es heftige Pfiffe für die angezeigte fünf Minuten Nachspielzeit – Bayern-Zeit oder? Dann brach schon die sechste Minute dieser Nachspielzeit an und jeden nicht Bayern-Fan beschleicht in so einem Moment der Verdacht, es werde so lange nachgespielt, bis die das Tor getroffen haben. Das haben sie ja dann auch wirklich – aber Lewandowski stand im Abseits.

Den Jubel beim Abpfiff dürfte man bis nach München gehört haben. Die schwarzgelbe Glückseligkeit kannte keine Grenzen mehr. Dank der starken zweiten Hälfte war der Sieg verdient. Das Spiel selbst hat dem Namen „Top-Spiel“ alle Ehre gemacht. Es war ein tolles Fußballmatch.

Opens window for sending emailAndreas Römer (Text), David Inderlied (Fotos), 10.11.2018


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