Und schon wieder Spitzenreiter

Aus der Bayarena berichtet Andreas Römer


Der BVB gewinnt etwas glücklich in Leverkusen mit 4:2 und ist neuer Tabellenführer.

Mal ehrlich: Zur Pause, ja selbst nach einer Stunde hätte kaum jemand einen Cent auf einen Dortmunder Sieg gesetzt. Nicht dass Leverkusen die Mannschaft klar beherrscht hätte, aber im Spiel nach vorn war Borussia einfach zu unkonzentriert, wieder einmal ohne Ideen und ohne Druck.

Dann wechselte Trainer Favre den Sieg ein: Alcacer (63.) für Phillip und Sancho (68.) für Pulisic nachdem er bereits zur Pause den schwachen Delaney abgelöst hatte. Zuvor hatte Favre sowieso mal wieder bei der Aufstellung überrascht:  Ohne Pisczcek, ohne Schmelzer, ohne Götze sowieso.

Verlieren? Okay - kann passieren - aber so? Statt Tabellenführung die erste Niederlage? Das war das Fazit der ersten Halbzeit. Der BVB zeigte sich meilenweit entfernt von der Gala gegen Nürnberg. Bayer kam vor allem über die beiden Außenpositionen immer wieder nach vorn. Bruun Larsen ließ Weiser schalten und walten. Auf der anderen Seite war auch Hakimi nicht der Sicherste. Und nach vorn? Das war einfach zu wenig. Pulisic hat seine Mühe mit Wendell und wenn Hakimi unterstützte, kam der letzte Pass nicht an. Pulisic trennte sich zumeist zu spät vom Ball. Pässe durch die Mitte gingen gar nicht. Witsel und auch Delaney fanden keinen Mitspieler.




Die Tore von Leverkusen waren dann aber auch etwas für die Kategorie „Kacktore“ von "Zeiglers wundersame Welt des Fußballs". Schon in der 09. Minute klingelte es. Bayer kam über links, zunächst stolperte Akanji und verpasste den Ball, dann rutschte Hakimi aus und so kam Alario völlig frei auf der rechten Seite von Bürki aus gesehen an den Ball und schlug eine Flanke zurück an den Sechzehner. Dort kam ebenso frei Weiser aus 18 Meter zum Schuss und traf das Ding voll und satt und nagelte ihn unten rechts ins Netz - keine Chance für den Schweizer Keeper. Auch das Zweite Ding nach 39 Minuten war ein Duselding. Die dritte Ecke für die Gastgeber kam an den Elfmeterpunkt. Havertz stieg am höchsten und köpfte in die Füße der Dortmunder Innenverteidiger. Die stolperten herum ganz nach dem Motto „nimm du ihn, ich hab ihn sicher“, keiner drosch den Ball einfach mal weit, weit weg. Havertz dankte, legte den Ball nach links und dort stand wieder mal mutterseelenallein Innenverteidiger Tah. Der hatte dann keine Mühe aus sechs Metern den Ball in die Maschen zu hauen.

Und was brachte der BVB zu Stande? Nicht viel. Eine Halbchance von Pulisic, einen Freistoß von Reus. Beide Male blieb Hradecky im Tor von Hausherren Sieger. Soll man das Schüsschen von Witsel dazuzählen? Eher nicht, der war fast ein bisschen zu bemitleiden.

Pause!




Vermutlich hat es eine ordentliche Kopfwäsche gegeben. Borussia kam deutlich engagierter, deutlich lauffreudiger aus der Kabine. Die erste Chance hatte Marco Reus in der 48. Minute. Hätte er vielleicht mit links besser abgeschlossen, so ging sein Heber mit rechts deutlich über den Kasten. Dann aber hatte Bayer die Möglichkeit, den Sack womöglich zuzumachen. Brandt durfte allein auf Bürki zulaufen, zog aus 16 Metern ab. Bürki streckte sich und lenkte den Ball über die Latte. Und gleich danach noch einmal: Katastrophaler Ballverlust von Borussia in der Vorwärtsbewegung, Bayer schaltete schnell und Volland kam aus 18 Metern frei zum Schuss. Zum Glück für den BVB traf er nur den Pfosten. Und weil es so schön war, durfte auch Havertz es noch einmal versuchen, doch Bürki reagierte erneut riesig. Diesen drei Möglicheiten trauerte Trainer Herrlich nach dem Spiel heftig nach. 3:0 hätte ihm geschmeckt.

So stand es auch nach 60 Minuten noch 2:0 für Bayer 04. Die nächste Chance hatte dann Bruun-Larsen, der aus 16 Metern abzog, aber Hradecky wieder keine Mühe hatte. Doch zu diesem Zeitpunkt hagelte es eine Ecke nach der anderen für den BVB. Aber der Anschlusstreffer fiel aus dem Spiel heraus. Hakimi flankte an den zweiten Pfosten, Reus nahm volley, Hradecky parierte, klatschte aber nur ab - Bruun Larsen drückte den Ball aus zwei Metern über die Linie. 2:1 nach 65 Minuten.




Der Ausgleich nur drei Minuten später war dann nichts für die Kategorie Kacktore, sondern für das Tor des Monats. Die Werkself hatte eine erneute Chance, Bürki fing den Havertz-Kopfball aber locker ab und schickte sofort Sancho in der eigenen Hälfte auf die Reise. Der ließ Wendell stehen, was später Heiko Herrlich ärgerte, weil er sich falsch verhalten habe. Sancho trieb den Ball 40 Meter, spielte dann in vollem Tempo einen doppelten Doppelpass mit Reus, der den Ball aus vollem Lauf aus zehn Metern unter die Latte nagelte. Was für eine geile Nummer!

Jetzt spielte nur noch der BVB. Die Entlastungsangriffe der Gastgeber blieben ohne Druck. Die nächste Chance hatte der eingewechselt Alcacer nach Reus-Zuspiel, ein Abwehrbein verhinderte aber den Führungstreffer. Als dann schon ein bissschen auf die Uhr geguckt wurde, knallte es noch einmal. Wie in einem Fünf-gegen-Zwei-Spielchen konnte sich Borussia den Ball am Leverkusener Strafraum nach Belieben zuspielen. Keine Ahnung ob jemand gezählt hat. Gefühlt waren es 20 Ballkontakte, bis Hakimi den Ball steil in die Spitze spielte, Alcacer hineinsprang und den Ball mit der Fußspitze an Hradecky vorbeispitzelte. 3:2 nach 85 Minuten. Borussia hatte das Spiel gedreht.

Bayer warf jetzt alles noch einmal nach vorne. Erst in der Nachspielzeit bekam Innenverteidiger Tah noch eine Kopfballmöglichkeiten, setzte das Ding aber am Tor vorbei. Dann noch eine Ecke für Leverkusen: Hradecky wollte mit nach vorn, blieb aber irgendwie in der Mitte des Patzes stehen, der BVB verteidigte den Ball, und wieder war es Sancho, der den entscheidenen Pass, einmal quer von links nach rechts an Hradecky vorbeispielte. Alcacer lief allein aufs Tor und schob aus 16 Metern ein. 4:2 und direkt danach der Abpfiff.

Das hätte nach einer Stunde wohl niemand gedacht. So stürmte die  Dortmunder Borussia an die Tabellenspitze und man fragte sich nur, warum brauchte die Mannschaft so lange? Das hätte man auch anders haben können. Am Ende bleibt ein etwas glücklicher Sieg gegen Bayer Leverkusen. Jetzt wartet die nächste Aufgabe in der Champions League mit dem AS Monaco. Da gilt es, gleich wie in der zweiten Halbzeit aufzuspielen.


Andreas Römer (Bericht), Fotos (Archiv) 29.9.2018




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