Der allerallerletzte Drücker

Jeder hat bereits einmal vom „letzten Drücker“ gehört. Wenn es mal knapp wird mit der Zeit….

Nach Duden ist mit dem „letzten Drücker“ der Türgriff des letzten Wagens eines abfahrenden Zuges gemeint. Das Lexikon der deutschen Sprache hat den „allerletzten Drücker“ noch nicht aufgenommen – den hat aber der BVB gestern Abend gefunden. Wer in der fünften Minute der fünfminütigen Nachspielzeit und in der 120. Minute, der letzten in der Verlängerung, trifft, darf sich sicher als Finder des allerallerletzten Drückers bezeichnen. Vielleicht kommt man damit ja tatsächlich noch in wesentliche Nachschlagewerte.

Borussia hat uns allen in jedem Fall einen für lange nicht zu vergessenden Fußballabend geschenkt. Doch mal ehrlich das war ein bisschen ein Danaergeschenk. So nennt sich ein Geschenk, das sich für den Empfänger als unheilvoll und schadenstiftend erweist. Und unter uns – wer sich da nicht aufregen konnte, wer nicht nach seinen Blutdrucksenkern gegriffen hat, der kann kein echter BVB-Fan gewesen sein. Nein, so etwas brauche ich nicht. Mehr als zwei Stunden nervöses Fingerzucken, auffallendes Augenreiben und erst ganz zum Schluss ein jähes Abfallen von Spannung, wo das Adrenalin gerade so schön kochte.


Mit Ach und Krach


Was ist eigentlich geschehen? Der BVB hat seinen Saisonauftakt – die Pokalpartie beim Zweitligisten Greuther Fürth – mich Ach und Krach 2:1 nach Verlängerung gewonnen. Neuzugang Witsel traf zum Ausgleich gerade einmal 30 Sekunden vor Ablauf der auf stolze fünf Minuten angesetzten Nachspielzeit. 20 Minuten zuvor war Fürth in Führung gegangen. Und als sich alle längst mit einem Elfmeterschießen abgefunden hatten, traf Reus zum 2:1 und brachte den BVB in Pokalrunde zwei.



Was bleibt? Ein BVB, der nicht überzeugt hat. Ja, die Mannschaft hat die ganze Zeit nach vorn gespielt, hat 70 Prozent Ballbesitz gehabt und gefühlt auch eine Handvoll guter Chancen. Aber es war insgesamt doch ein bisschen weniger als wir erwartet hatten. Zum Auftakt lautete ja die spannendste Frage, wie wird Favre aufstellen? Im Tor Bürki und auf den Außenverteidigerpositionen Piszczek und Schmelzer – alles wie erwartet. Die Innenverteidigung mit Diallo und Arkanji schon eine kleine Überraschung. Manch einer hätte doch mit dem erfahrenden Toprak gerechnet. Dann das Mittelfeld: Kagawa und Sahin gar nicht im Kader. Witsel auf der Bank. Dafür Delaney und Dahoud, Götze und Reus sowie Pulisic und Wolf. Stürmer? Fehlanzeige.


Keine Anpielstation


Gerade da lag aber dann auch der Hase im Pfeffer. Während Wolf und Pulisic häufig die Positionen wechselten und auch Götze sich mit Reus scheinbar abwechselte, fehlte vorn eine Anspielstation. Falsche Neun nennt sich das wohl. Irgendwie nicht so richtig überzeugend. Denn im Strafraum kam wenig zustande. Delaney ist kein Spielmacher – oder war es zumindest am Fürther Ronhof nicht. Dahoud versuchte das Spiel an sich zu reißen, war fleißig aber wie immer seitdem er in Dortmund ist, mit dem schlechten letzten Ball. Entweder er trennt sich zu spät vom Ball oder er haut die Dinger weit am Tor vorbei. So wartet Dahoud noch immer auf sein erstes Pflichtspieltor für den BVB.

Wolf war harmlos. Pulisic wieder einmal der einzige, der mit seinen schnellen Dribblings die dicht gestaffelte Abwehr vor Probleme stellte. Reus lief viel, machte aber zwischendurch auch einen genervten Eindruck, weil seine Laufwege zumeist ohne das passende Zuspiel am Ende ganz umsonst waren. Götze wuselte fleißig, konnte aber auch wenig Struktur ins Spiel bringen.



Chancen gab es trotzdem. Wenn dann immer gleich am Stück. So brannte es in der achten und in der 22. Minute lichterloh im Fürther Strafraum, reinbekommen haben Sie den Ball trotzdem nicht.  Es war das erwartet zähe Spiel gegen eine Mannschaft aus der zweiten Liga, die sich in ihrem Spiel des Jahres alles abverlangten. Sie kämpften auch für ihren Trainer, der aufgrund eines Todesfalls in der Familie nicht am Spielfeldrand war.


Fürth kommt besser aus der Pause


Bestimmte der BVB noch die erste Hälfte relativ souverän, hatten die Gastgeber offensichtlich den besseren Pausentee. Fürth wurde frecher und holte sich die besseren Torchancen. Man war fast bereit zu sagen, sie hatten sich das Führungstor verdient. Borussia spielt zu brav, zu wenig überraschend und dann auch noch zu schlafmützig. Im Mittelfeld verlor Reus einen Zweikampf und dann ging es ganz schnell. Piszczek störte nicht bei der langen Flanke in den Strafraum, Schmelzer stand zu weit von seinem Gegenspieler, der den Ball einfach in die Mitte legte, wo dann Dahoud den Schlaf der Gerechten schlief und Ernst den Ball aus sechs Metern locker versenken konnte. (77.)



Irgendwie passend, dass Reus keine zwei Minuten vorher die Führung hätte erzielen müssen, als er allein vor dem Torwart auftauchte, der dann tatsächlich irgendwie den Arm an den Ball bekam und dieser so ganz knapp das Tor verfehlte. Favre hatte schon zuvor gewechselt. Philipp löste Götze ab (64.) und Witsel kam für Delaney (74.). Nach dem Rückstand setzte Favre mit Sanche für Pulisic auf den nächsten Dribbler.


Schlagzeilen schon geschrieben


Es blieb noch eine Viertelstunde, um die Überraschung abzuwenden. Borussia warf alles nach vorn – außer vielleicht Wolf, der in der zweiten Halbzeit mal so gar nicht mehr zu sehen war. Nachdem dann alle Schlagzeilen bereits im Laptop der Journalisten geschrieben waren vom überraschenden Aus des DFB-Pokalsiegers von 2017 und erstem Verein, der viermal hintereinander im Finale stand, kam dann doch noch die Wende. Bürki, zehn Meter in der Fürther Hälfte, spielt den Ball auf halblinks auf Reus, der eine hohe Flanke in den Strafraum schlägt. Am zweiten Pfosten steht Witsel und nimmt das Ding volley und haut ihn aus fünf Metern zum Ausgleich ins Netz. Von der angezeigten Nachspielzeit von fünf Minuten waren bereits 4:30 vergangen. Knapper geht’s nicht.

Die Verlängerung brachte auch keine klaren Borussen-Angriffe, keine echten Chancen. Die dickste Möglichkeit hatte ausgerechnet eine Schalker Leihgabe für Fürth. Rees stürmte allein auf Bürki zu, der aber die Nerven behielt und großartig klärte. Dann lief schon die 120. Minute. Das Stadion tobte und alle stellten sich bereits auf das Elfmeterschießen ein. Dann erlösten Sancho und Reus den BVB-Anhang. Der quirlige Engländer umkurvte drei Verteidiger auf der rechten Seite und schob von der Grundlinie den Ball Richtung Elfmeterpunkt. Kurz davor steht Kapitän Reus und versenkt den Ball zum Siegtreffer.

Fazit: Es muss noch Einiges mehr kommen, will man am Sonntag gegen Leipzig gewinnen.


Opens window for sending emailAndreas Römer, 21.8.2018


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
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