Mit blauem Auge in die Champions League

Aus der Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim
berichtet Falk-Stéphane Dezort




Trotz einer 1:3-Niederlage am letzten Spieltag bei der TSG 1899 Hoffenheim, hat sich der BVB die Teilnahme an der Champions League gesichert. Ausschlaggebend war am Ende das bessere Torverhältnis im Vergleich zu Bayer Leverkusen (3:2 Hannover).

Nach einem Blackout von Roman Bürki in der 26. Minute, das das 0:1 mit sich brachte, kam ein Bruch ins Spiel, den Dortmund bis zuletzt nicht zu kitten wusste. Der BVB spielte fortan unkonzentriert und lud die Gastgeber immer wieder großen Torchancen ein. Was sich auch im Ergebnis widerspiegelt. „Emotional betrachtet: Minimalziel erreicht. Auf gut Deutsch: Leck mich am Arsch wir haben uns qualifiziert. Nüchtern betrachtet: Es war viel schlechtes dabei. Und nicht nur heute“, sagte Nuri Sahin nach der Partie.

Die Ausgangslage

Tausende Borussen folgten ihrem BVB mit in den Kraichgau zum oft beschriebenen „Endspiel“ um die Teilnahme an der Uefa Champions League. Borussia Dortmund (55 Punkte) hatte dabei die besten Karten im Vergleich mit der TSG Hoffenheim und Bayer 04 Leverkusen (beide 52). Um die Königsklasse zu verpassen, musste der BVB mit mindestens zwei Toren Unterschied in Hoffenheim verlieren und zugleich Leverkusen insgesamt sechs Tore gegenüber dem BVB aufholen.




Dass es ganz großer Tag für den Dorfklub aus Hoffenheim werden könnte (erste Champions League-Teilnahme der Vereinsgeschichte), machte sich auch in der Wahlheimat Sinsheim bemerkbar. Ein Fanmarsch sollte die Kräfte für die „Südkurve“ der TSG mobilisieren. Um elf Uhr machte sich der Tross in Blau-Weiß auf den Weg Richtung Arena. Peter Stöger überraschte in seinem wohl letzten Pflichtspiel als Borussen-Trainer. Mit Nuri Sahin und Raphael Guerreiro für den verletzten Ömer Toprak und den angeschlagenen Mario Götze, der sich noch für eine WM-Nominierung qualifizieren wollte, brachte er zunächst defensives Know-how. Auch Marcel Schmelzer (Gelbsperre Sokratis) und Andre Schürrle (Maximilian Philipp) rückten in die Startelf. Für Roman Weidenfeller blieb auch im letzten Pflichtspiel – zumindest vorerst – nur die Reservisten-Rolle.

Der Spielverlauf

In den ersten Minuten tasteten sich beide Mannschaften noch ab. Der BVB spielte mit einer Dreierkette, die sich alternativ zu einer Fünferkette entwickelte. Die ersten Aktionen gehörten den Hausherren, ohne allerdings gefährlich zu werden. Dies wurde der BVB nach guter Viertelstunde. Guerreiro prüfte Oliver Baumann aus 18 Metern. Auch drei Minuten später blieb der portugiesische Nationalverteidiger im Eins-gegen-Eins nur zweiter Sieger gegen den Hoffenheim-Schlussmann.




Einen totalen Blackout erlebte Roman Bürki in der 26 Minute. Nach einer Unachtsamkeit landete der Ball in den Füßen von Andrej Kramaric. Der Kroate ließ sich nicht zweimal Bitten und stellte für Hoffenheim alles auf CL-Kurs. Borussia Dortmund wirkte nach dem Rückstand geschockt, hatten sie das Geschehen bis dahin im Griff. Adam Szalai (28') und Mark Uth, in seinem letzten Spiel für die TSG, verpassten den zweiten Treffer nachzulegen.

Andre Schürrle hätte kurz darauf ausgleichen können. Bei seinem 20-Meter-Sprint in Richtung Baumann, hatte der Flügelspieler wohl zu viel Zeit nachzudenken, wohin er die Kugel versenken will. Am Ende landete das Leder am Außennetz. Viele Abstimmungsprobleme und Fehlpässe prägten bis zur Halbzeit das restliche Spiel der Borussia.

Stöger ließ seine Elf zunächst unverändert. Und auch die TSG spielte mit dem gleichen Personal weiter. Kurz nach Wiederbeginn hatte der BVB Glück – Steven Zuber scheiterte aus sieben Metern an Bürki. Den Nachschuss entschärfte Lukasz Piszczek am langen Pfosten. Hoffenheim kam druckvoll aus der Kabine und drängte auf das 2:0. Der BVB wackelte ein ums andere Mal gehörig im Defensivverbund.




Umso überraschender kam der Ausgleich in der 58. Spielminute. Marco Reus und Guerreiro kombinierten sich über die linke Seite in den Strafraum. Reus' missglückte Ballannahme wurde zur eigenen Vorlage - 1:1! Aber die Freude währte im Gästeblock nicht lange. Kramaric bediente nur fünf Minuten später Szalai mustergültig, der mit einem Heber vollendete.

Weiter spielte nur die TSG 1899 Hoffenheim, die in allen Belangen war. Der Wille war nur auf Seiten der Gastgeber zu spüren. Nach einer scharf getretenen Freistoßflanke von links, rettete Manuel Akanji noch auf der Linie, Bürki klärte gegen Kevin Vogt, doch im dritten Anlauf fand der Ball durch Pavel Kaderabek mit seinem dritten Saisontreffer abermals den Weg ins Netz (73'). Stöger versuchte nun auch von außen Einfluss ins Spiel zu nehmen - nahm Andre Schürrle für Shinji Kagawa vom Feld. Der Effekt blieb aus.

Die beste Szene des BVB gab es in der Nachspielzeit. Roman Weidenfeller kam im letzten Saisonspiel zu seinem letzten Einsatz für den BVB. Die über 30000 Zuschauer in der Rhein-Neckar-Arena erhoben sich von ihren Sitzen und applaudierten für einen großen Borussen. Nach dem Spiel verschlug es Weidenfeller noch in den Gästeblock zum mitgereisten Anhang.



Für die Borussia endet sich Saison mit einem blauen Auge. Nur das bessere Torverhältnis gegenüber Bayer Leverkusen beschert dem BVB auch im kommenden Jahr die Königsklasse. Nur Sahin wünschte im Nachgang sich und seinen Kollegen in der Sommerpause „genügend Selbstkritik“. Es passe etwas nicht, wenn Borussia Dortmund am letzten Spieltag um Platz drei spielt. Zudem hofft er, dass Fans, Spieler und Verein im Sommer wieder zu einer Einheit werden: „Es tut weh, wenn wir in die Kurve gehen und uns nicht für die Unterstützung bedanken können. Der Tempel muss wieder eine Festung werden.“

Auf der Pressekonferenz gab Peter Stöger dann das bekannt, was alle schon seit Wochen wissen: "Es war mein letztes Pflichtspiel für den BVB. Darauf haben wir uns schon länger verständigt. Ein neuer Reiz kann dem Verein gut tun“, so Stöger, der ergänzte: „Ich hoffe, dass mein Nachfolger Stabilität und Ruhe in die Mannschaft bekommt, damit sie die Champions League auch auskosten kann. Ich werde jetzt wieder nach Hause, nach Wien. Und schauen was die Zeit bringt."

Wer heute gut schlafen kann

Die TSG Hoffenheim und deren Fans. Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte steht der Club aus dem Kraichgau in der Champions League.

Wer Albträume hat

Roman Bürkis Blackout in der 26. Minute eröffnete der TSG einen erfolgreichen Nachmittag gegen die Borussia. Nach dem Treffer wirkte der BVB gänzlich verunsichert.

Was uns sonst noch aufgefallen ist

Der BVB hat in allen Mannschaftsteilen personellen Handlungsbedarf, wollen sie in der nächsten Spielzeit nicht wieder knapp 30 Punkte hinter den Bayern die Saison beenden und auch auf europäischer Bühne mehr leisten als in der abgelaufenen Spielzeit. Naja – das ist uns eigentlich nicht erst am letzten Spieltag aufgefallen.
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Falk-Stéphane Dezort



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