BVB steigt vom Bayern-Kreuz herab

Aus dem Dortmunder Westfalenstadion
berichtet David Inderlied

Totgesagte sollen bekanntlich ein wenig länger leben. Seit Sonntag kann auch der BVB diese alte Binsenweisheit für sich beanspruchen. Denn vor dem Spiel hatte kaum ein Experte der Borussia zugetraut, etwas Zählbares gegen die wiedererstarkten Stuttgarter zu holen. Es war dann auch längst nicht alles Gold, was beim 3:0 (1:0)-Heimerfolg über den VfB Stuttgart durch das Westfalenstadion glänzte. Aber es war ein erster Schritt zu einem Saisonendspurt, der hoffentlich in die Champions League führt. 


Nach dem einen Spitzenspiel ist vor dem Derby. Das ungeliebte Sandwich-Spiel dazwischen ging ausgerechnet gegen den VfB Stuttgart. Ein unbequemer Gegner, den sich die Stöger-Elf garantiert nicht zu diesem Zeitpunkt der Saison gewünscht hatte. Trotzdem winkte Großes an diesem Fußballsonntag bei strahlendem Sonnenschein: In der verbotenen Stadt kann nächste Woche die Vizemeisterschaft in die Wege geleitet werden.

Die Ausgangslage

Die Bayern hatten den BVB ausgerechnet am Ostersamstag regelrecht ans Fußball-Kreuz genagelt. Peter Stöger zog die Konsequenzen, schottete die gesamte Trainingswoche die Mannschaft vor Fans und Medienvertretern ab - und suchte hinter verschlossenen Türen nach dem Rezept, diese total verkorkste Saison doch noch zu einem guten Ende zu bringen. Vielleicht sollte dieses Negativerlebnis in München tatsächlich sämtliche Sinne geschärft haben?




Für die Stuttgarter ging es in Bierstadt auch um die Fortsetzung einer beeindruckenden Serie. Nicht ein Spiel hatte der VfB unter dem neuen Trainer Tayfun Korkut verloren. Anfangs belächelt und praktisch abgeschrieben, entwickelten die Schwaben ein neues Innenleben und hatten damit Erfolg. Mit einem Sieg hätte die Korkut-Elf sogar noch am internationalen Geschäft geschnuppert. Verrückte Fußballwelt!

Taktisches Geplänkel

Dortmunds Trainer Peter Stöger würfelte seine Mannschaft kräftig durcheinander. Gleich vier neue Spieler kamen in die Startelf: Für Akanji, Castro, Götze und Schürrle nominierte er Toprak, Philipp, Reus - und Nuri Sahin. Letztgenannter sollte dem Mittelfeld, das in der bayrischen Landeshauptstadt eher einem Wackelpudding glich, Stabilität verleihen. Erfreulich auch: Erstmals nach seiner Sehnenverletzung stand Yarmolenko wieder auf dem Aufstellungsbogen und nahm auf der Ersatzbank Platz.

Der Spielverlauf

Die Borussia brachte eine Halbzeit, um vom Kreuz herabzusteigen, an dass sie an Ostern von den Bauern genagelt wurden. In den zweiten 45 Minuten verdiente sich die Stöger-Elf den dreifachen Punktgewinn aber redlich.




Doch von vorne: Dem BVB war die Pleite aus der Vorwoche deutlich anzumerken. Recht fahrig in den Aktionen, so gut wie kein Tempo, zudem eine fast schon lustlose Körpersprache: Der BVB schien sich zunächst seinem Schicksal zu ergeben. Und der VfB machte seine Sache im Fußballtempel zumindest in der Defensive mal so richtig gut. Trotzdem waren Torraumszenen rar gesäht, sowohl die beiden VfB-Angreifer Gomez und Ginczek, als auch Batshuayi waren bei ihren Gegenspielern in besten Händen.

Dass der BVB dann doch noch vor der Pause jubeln durfte, entsprang einer Aktion der Marke Slapstick. Offensichtlich wollte Christian Pulisic von der rechten Seite flanken. Dabei traf er den Ball aber so unglücklich / genau / gewollt / genial, dass er über Gästekeeper Ron-Robert Zieler an den linken Innenpfosten und dann tatsächlich im Netz landete (38.). Die Führung war auch bitter nötig, denn im weiten Rund machte sich schon betretenes Schweigen bemerkbar…

Der Treffer war der Dosenöffner für die Borussia. In der Halbzeitpause traf Peter Stöger den richtigen Ton, die Schwarz-Gelben kamen mit mehr Elan aus der Kabine. Schon nach drei Minuten stellte Batshuayi die Zeichen endgültig auf Sieg, als er nach feinem Zuspiel von Sahin (Ja, das kann der Nuri) den Ball mit dem langen Ball ins Tor verlängerte (49.). Es war wie eine Befreiung - auf den Rängen und auf dem Platz. Denn der BVB steigerte sich jetzt von Minute zu Minute, zeigte guten Kombinationsfußball und belohnte sich für seine Leistung mit dem dritten Treffer. Erst flankte Dahoud butterweich auf den zweiten Pfosten, dann versenkte Philipp im zweiten Versuch den Ball zum 3:0 (59.).




Während sich die Anhänger auf den Rängen im BVB-Walzer auf das Derby einstimmten, schaltete der BVB einen Gang zurück. Stöger wechselte zudem junges Blut ein: So kam Neuzugang Sergio Gomez für Reus ins Spiel, für den Spanier waren es die ersten Bundesligaminuten. Und der „Neue“ fügte sich gleich mit einem feinen Zuspiel ein und durfte auch gleich die Ecke schlagen. Zum Abschluss donnerte sein Namensvetter Mario im VfB-Trikot den Ball noch an die Latte des Dortmunder Tores (85.).

Wer heute gut schlafen kann

Für Sergio Gomez war es ein Fußballsonntag, wie er ihn sich nicht besser hätte ausmalen können. Erster Bundesligaeinsatz, gleich mittendrin im Geschehen, dazu herrlichster Sonnenschein: So kann das BVB-Leben für den jungen Spanier beginnen. Und Gomez deutete in den wenigen Spielminuten mit guten Aktionen, feinem Auge für den Nebenmann und sanftem Fuß bereits an, dass die Scouting-Abteilung des BVB offensichtlich mal wieder ein Juwel ausfindig gemacht haben.




Wer heute Albträume hat

Die Aktien von Gonzalo Castro dürften beim BVB dramatisch gesunken sein. In München ging der lustlos wirkende Ex-Nationalspieler regelrecht unter und wurde mit seiner Auswechslung nach gut einer halben Stunde zum „Bauernopfer“. Gegen Stuttgart war er noch nicht einmal mehr im Kader. Sein Vertreter Nuri Sahin machte zudem ein richtig gutes Spiel, bekam ein wienerisches Lob von Stöger („Kompliment“) und sollte auch im Derby die besseren Karten haben. Für den Trainer besteht kein Grund, diese Position wieder neu zu besetzen. Ob das Castro wirklich interessiert, darf allerdings bezweifelt werden…




Was uns sonst noch aufgefallen ist

Die Niederlage in München hat Spuren hinterlassen beim BVB. Nicht nur in der Mannschaft, sondern auch auf der Tribüne. Und das gar nicht mal im negativen Sinne. Die Stimmung war schon einmal bedeutend schlechter, stattdessen ließen die Anhänger ihrem Frust auch in der ersten Halbzeit kaum freien Lauf. Oder ist das schon die Resignation über diese Mannschaft?

Nicht nur Sergio Gomez hat im Stadion einen guten Eindruck hinterlassen - umgekehrt war es genauso: Der junge Mann stand vor dem Warmmachen minutenlang an der Seitennlinie und bestaunte die sich füllenden Ränge und die ansteigende Stimmung. Wieder mal ein Spieler, für den unser Stadion zum Zuhause wird?



Text+Bilder: David Inderlied - 08.04.2018








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