0:6 Debakel in München - BVB beängstigend unfähig

Vom Spiel in München
berichtet Oliver Römer


Die Japaner sind wohl eines der höflichsten Völker auf diesem Planeten. Und dass die Menschen im Land der aufgehenden Sonne nicht zuletzt dank Shinji Kagawa den BVB lieben, ist auch nichts Neues. Vielleicht lag es an dieser speziellen Verbundenheit, vielleicht aber auch an der Freundlichkeit des Japaners an sich - oder vielleicht war es einfach nur ein Zeichen des Mitleids mit dem BVB. Auf jeden Fall ereilte einem Redaktionsmitglied von uns, der sich derzeit in Japan aufhält, per japanischen Ergebnisticker die Nachricht vom 1:6 von Borussia Dortmund in München. Und er fragte sich, woher auch immer dieses eine BVB-Tor kam…


Denn eines wurde an diesem trostlosen Abend in der Halsabschneider-Arena zu Bayern nicht zum ersten Mal in dieser Saison deutlich: In dieser Verfassung ist Dortmund noch nicht einmal in der Bundesliga wettbewerbsfähig. Wer nochmal eine Bestätigung brauchte, dass das internationale Aus keine Verkettung von unglücklichen Umständen war, dem waren in diesem Spiel die letzten Zweifel genommen.




Den entsetzten Zuschauer bot sich ein beängstigender Klassenunterschied, der sich nicht nur im Ergebnis widerspiegelte, sondern auch im Wie. Ein Pausenführung von 5:0 hatten sich selbst die Bayern nicht erträumt. Die Bitte von Michael Zorc vor dem Spiel an Hermann Gerland ("Bitte lasst uns leben") hatte im Rückblick schon prophetische Züge. Der Bitte kamen die Mannen von Jupp Heynckes aber dann doch nicht nach. Stattdessen entglitten BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke auf der Tribüne die Gesichtszüge.

Die Ausgangslage

Jeder erwartete natürlich nach der augenblicklichen Situation einen überzeugenden Kantersieg der Bayern. Auch die Quoten der Wettanbieter sagten nichts anderes als ein Sieg der Süddeutschen voraus. Ja, ja, alles richtig, aber so ein kleines Fünkchen Hoffnung fährt ja bei jedem BVB-Anhänger immer mit nach München. Gerade die Führungsriege um Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge hat momentan, gerade nach der Abfuhr von einem Herrn Tuchel, auch so ihr Päckchen zu tragen wenn - auch auf höchstem Niveau. Viele Unwägbarkeiten für die Zukunftsplanung, gerade im Trainerbereich lenkten, momentan von der Konzentration auf dieses Spiel ab.

Hier ist der BVB nach der Verpflichtung von Matthias Sammer als externen Berater und der voraussichtlichen von Sebastian Kehl als Leiter Lizensspielerbereich, vielleicht momentan eine Nasenlänge voraus.




Tabellentechnisch klaffte natürlich wie so oft eine große Lücke von 15 Punkten. Schön wäre natürlich gewesen, wenn Marco Reus für dieses Spitzenspiel fit gewesen wäre, aber auch hier war mal wieder der Wurm drin. Das Horrorszenario blieb den Borussen jedoch erspart, dass sich die Bajuwaren gegen den BVB zum Meister schießen, da am Nachmittag die Blauen ihr Spiel gegen Freiburg mit 2:0 gewinnen konnte.

Der Spielverlauf

Stöger stellte eine Viererkette gegen die sehr offensiv aufgestellten Bayern. Akanji kam neu in die Abwehrkette. Zu Beginn standen zwei gut herausgespielte Möglichkeiten für die Borussen aber bereits in der Folge war schon abzusehen, dass es kein guter Abend für alle Schwarzgelben werden würde. Völlige Hilflosigkeit in der Abwehr des BVB stand gegen die körperliche und gedankliche Schnelligkeit der Münchner vor dem Tor des BVB.

Gerade James und Robert Lewandowski, die ihr volles Leistungsspektrum abrufen konnten und ein ums andere Mal die Dortmunder Hintermannschaft alt aussehen ließen. Gepaart mit den kongenialen Mitstreitern Martinez, Müller und vor allem Ribery war dies eine Mischung, die an diesem Abend nicht aufzuhalten war. Zumindest nicht von den Jungs, die auf dem Dortmunder Spielberichtsbogen standen.




Fast jeder Schuss war ein Treffer für das Starensemble von der Säbener Straße, auch wenn das 1:0 noch klar aus Abseitsposition erzielt wurde, das 2:0 besorgt von James (14.) nach Vorlage Alaba, 3:0 Müller (23.) auf Vorlage von James, ließen die ersten 25. Minuten schon nichts Gutes für das Torverhältnis ahnen. Wobei noch ein Tor wegen Abseits zurückgepfiffen wurde.

Nach 28 Minuten hatte Stöger ein Einsehen und erlöste den völlig überforderten Castro und brachte Weigel als 6er, der sich dann aber auch in die Mannschaftsleistung einreihte. Die Bayern nahmen jetzt etwas das Tempo heraus und Dortmund konnte etwas durchatmen, ehe Lewandowski nur durch eine beherzte Grätsche von Akanji im Sechzehner zu stoppen war, die aber regelkonform den Ball brachte.

Löblich, dass Stöger keinen Angsthasenfußball spielen ließ, aber gegen diese Klasse konnten seine Mannen in der momentanen Verfassung nicht anstinken, weder mental noch körperlich. In Topform war Martinez, der Götze immer wieder viel zu leicht den Ball vom Fuß nahm und mit James die Doppelsechs bildete. Waren die Schwarzgelben zu Beginn noch öfter in den Strafraum der Münchner, war danach bereits fast schon ab der Mittellinie kein Durchkommen.

4:0 nach 43 Minuten durch Lewandowski nach Vorarbeit des hochmotivierten Ribery ,der Piszcek als Statist an der Torauslinie stehen lässt. Das 5:0 zum Pausenpfiff besorgte Ribery dann selbst, der den Ball über Bürki hob. Und überhaupt: Wie kann so so etwas eigentlich passieren? Da bleib ich als muskelbepackter Torwart, der etliche Zeit länger im Kraftraum verbringt als so ein kleiner Floh von Angreifer, doch einfach stehen - und lass mich notfalls umlaufen, um ein Stürmerfoul zu ziehen. Wer da noch den Kopf schüttelte, war froh, dass die Pause nicht mehr fern war.




Keine Wechsel zur Pause bei den Borussen - wahrscheinlich auch mangels Alternativen. Die Bayern schalteten in der 2. Hälfte dann mehrere Gänge zurück. In der 73. Minute kam Philipp für Pulisic und in der 77. durfte Götze, der sich wahrlich nicht für die Nationalelf empfehlen konnte, den Platz für Sahin verlassen, die sich in das Untergangsszenario einreihten. Selbst wenn die Borussen noch einige wenige Male annähernd gefährlich, wie durch Philipp oder Piesczek, in die Nähe des Bayern Tor kamen, hatte die routinierte Bayern-Abwehr immer Lösungen.

In der 86. Minute war dann das halbe Dutzend voll und Lewandowski durfte seinen dritten Treffer an diesem Abend markieren. Letztendlich konnte man froh sein, dass die Münchner wegen des anstehenden CL-Spiels am Dienstag auf halbe Kraft runtergefahren hatten.

Wer heute gut schlafen kann

Stöger scheint sich schon mit dem Ende seines Engagements abgefunden zu haben und bleibt in der Analyse ruhig, sieht diese Packung vielleicht zur rechten Zeit, es war ja seine erste Niederlage mit dem BVB in der Bundesliga. Erstaunlich, wie lebhaft und aufgeblüht er bei den Interviews wirkte. Als ob da eine Last von seinen Schultern gefallen ist…

Matthias Sammer freut sich wahrscheinlich schon darauf, in diesen verunsicherten Kader durch Auslese und knallharte Analyse wieder Zug zu bekommen.

Wer Albträume hat

So isoliert wie er heute war, muss sich Michy Batshuayi so langsam Sorgen machen, ob er sich in dieser Mannschaft für andere Vereine empfehlen kann.




Marcel Schmelzer, der wahrscheinlich auf den neuen Leader wartet, der seine Aufgabe übernimmt und die Arbeitsverweigerungen seiner Kollegen vor den Kameras in Worte zu fassen.

Was uns sonst noch aufgefallen ist

Der Videobeweis hat mal wieder glorreich funktioniert. Ihm wurden mal wieder die Grenzen aufgezeigt, auch wenn es für dieses Spiel nicht wirklich relevant war. Es hat sich wieder gezeigt, dass der Zuschauer im Stadion, obwohl er ja für dieses Spiel in Relation zum Fernsehzuschauer am meisten gezahlt hat, eigentlich als letzter diese Situationen und Entscheidungen aufgeklärt bekommt.

Es wäre wünschenswert, dass dem Stadiongänger zumindest auf den Videoleinwänden die strittigen Szenen angezeigt werden.

Raufbold Franck Ribery kann sich wie eh und je alles erlauben, ohne Mal empfindlich dafür bestraft zu werden.


Text: Oliver Römer, Bilder: Getty - 31.03.2018





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